Die Daten des neuen LKW-Maut-Systems sind nicht gegen Missbrauch geschützt: Unbefugte können erhöhte Entgelte einspeisen und herausfinden, welche Strecke, das Fahrzeug befährt. Zu diesem Schluss kommt
Prof. Dr. Hartmut Pohl. Als Direktor des Kölner Institut für Informationssicherheit
(ISIS) und Sprecher des Präsidiumsarbeitskreises "Datenschutz und IT-Sicherheit" der Gesellschaft für Informatik e.V. (
GI ) ist er mit der Materie bestens vertraut.
Derzeit beruht die Kommunikation der im LKW installierten Anlage mit dem System auf dem GSM-Standard, der auch bei Mobiltelefonen Standard ist. Doch der ist bereits seit langem für seine Sicherheitsmängel bekannt. So muss sich ein Sender gegenüber der Basisstation zwar authentifizieren, nicht aber umgekehrt. Strafverfolger nutzen bereits seit langem diese Lücke, um mit so genannten IMSI-Catchern Handytelefonate abzuhören. Der IMSI-Catcher täuscht dem Sender vor, die gesuchte Basisstation zu sein.. Aber auch die gerühmte GSM-Verschlüsselung ist nicht mehr sicher. Erst vor kurzem zeigten Wissenschaftler des israelischen
Technion-Instituts, dass sie die Verschlüsselung bereits vor dem Zustandekommen der Verbindung knacken können.
Kontrollverfahren. Pohl fordert die gesamte Kommunikation bei der automatischen Einbuchung zu verschlüsseln, um unberechtigtes Abhören sowie die Manipulation der Daten auf der Mobilfunkstrecke wie erhöhte Entgelte, falsche Standortmeldung oder gar eine falsche Leitung eines LKW zu verhindern. Der Sicherheitsexperte weist darauf hin, dass es "größere Probleme" bei den Kontrollverfahren von Nichtzahlern gebe. Das
Toll-Collect-System von DaimlerChrysler, Deutsche Telekom und dem französischen Autobahnbetreiber Cofiroute müsse ein Kontrollverfahren beinhalten, das einerseits "hinreichend beweissicher" sein und andererseits datenschutzrechtliche Anforderungen genügen müsse.
Pohl diagnostiziert einen schweren Design-Fehler des Systems und fordert deshalb das "sofortige Abschalten des gesamten Mautsystems". Die Sicherheitsmängel seien "erheblich". Toll Collect müsse auf der Grundlage eines umfassenden Sicherheitskonzepts das System neu entwerfen und so programmieren, dass "eine korrekte Identifizierung und Authentifizierung der Benutzer, aber auch korrekte Identifizierung der Mautstationen mit den Toll Collect-Computern" möglich sei. Auf das "völlige Fehlen" eines entsprechenden Sicherheitskonzepts hatte laut dem ARD-Magazin "Kontraste" bereits im letzten Jahr ein von Toll Collect engagierter Berater hingewiesen.
Europa-Kompatibel. Pohl weist auch darauf hin, dass das System robust und kompatibel sein muss. So müssen alle Systeme mit den im LKW vorhandenen Komponenten verträglich sein, also selbst andere nicht stören und sich nicht von den serienmäßigen Komponenten des LKW stören lassen. Auch sollte das System kompatibel mit anderen Systemen in Europa sein. Schließlich müsse auch die Kooperation mit Systemen zur Verkehrslenkung, mit Leitsystemen, Standortbestimmung und Ortung von gestohlenen Fahrzeugen und Notrufen klappen.
Das Schweizer Tripon-System der leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe" (LSVA) und das österreichische Europass-System, das leicht abgewandelt auch in Spanien und Frankreich zum Einsatz kommt, setzt nicht auf den GSM-Standard, sondern arbeitet mit Kurzstreckenfunk im Hochfrequenzbereich an den Autobahnauffahrten.
Für die Fahndung nutzen. Aber auch der Datenschutz bereitet Toll Collect Kummer: Schon im vergangenen Jahr war Toll Collect mit dem "Big Brother Preis" ausgezeichnet worden, da es die Bewegungsdaten der Fahrzeuge zentral verarbeite und damit "eine neue Dimension der Beobachtung von Verkehrsteilnehmern" erreiche. Da auch die Zollbehörden in das Mautsystem eingebunden sind, können die Daten unter Umständen später auch für die Zollfahnung und andere Fahndungen genutzt werden.
Nur wenn Toll Collect dezentral abrechnet, kann auch die Erstellung von Bewegungsprofilen vermieden werden. Dies ist etwa mit einer Chipkarte oder auch einer Geldkarte möglich. Toll Collect gab gegenüber "Sicherheit heute" keine Stellungnahme ab. Doch wie "Sicherheit heute" von einem Insider erfuhr, arbeitet das Unternehmen bereits seit einiger Zeit an einem neuen Datenschutzkonzept.
Fotos: Toll Collect