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Kategorie Verkehr  

Neue Reisepässe: Mit Sicherheit teuer

09.05.2004: Biometrische Daten in den neuen Pässen weisen beim Einsatz in Lesegeräten noch immer deutliche Fehlerraten auf. Reicht allein die Existenz, um Kriminelle abzuschrecken?von Christiane Schulzki-Haddouti

Der Reisepass der Zukunft wird so aussehen, wie der Reisepass heute: Ein gebundenes Heftchen, die persönlichen Daten in einer Polycarbonat-Hülle versiegelt. Halten die Grenzbeamte über ein Lesegerät, liest es die Daten eines kontaktlosen Chips aus: Das digitalisierte Bild des Inhabers, zwei gespeicherte Fingerabdrücke und persönliche Informationen, werden dann auf einem Bildschirm angezeigt.

Die angezeigten Informationen vergleicht der Beamte mit den Daten, die optisch im Pass zu lesen sind. Für Bundesinnenminister Otto Schily ist klar: „Wenn es uns durch modernste Technik gelingt, einen Teil der Grenzkontrollen automatisiert durchzuführen, verbessern wir die Sicherheit und ersparen den Reisenden zugleich lange Warteschlangen bei der Grenzkontrolle.“

Technisch aufrüsten. Die Herstellerfirmen werden auf der Cebit ihre Lösungen präsentieren: Die niederländische Firma Enschede/SDU produziert schon jetzt in den Niederlanden und Irland Pässe und Personalausweise, die sich technisch aufrüsten lassen: Beide Ausweise bestehen aus Polycarbonat, in das ein kontaktloser RFID-Speicherchip integriert werden kann.

Der niederländische Personalausweis kann jetzt schon einen Kontaktchip aufnehmen und so zu einem elektronischen Ausweispapier migrieren. Die schweizerdeutsche Firma Idencom hat Muster für deutsche, österreichische und skandinavische Reisepässe mit einem integrierten 72 Kilobyte großen RFID-Chip hergestellt. Die Bundesdruckerei liefert das passende Lesegerät. In europäische Länder hat sie das so genannte „Verifier Terminal“ bereits für Feldtests verkauft, ebenso nach Asien.

Die Entwicklung wird vor allem von den USA beschleunigt: So sollen alle ab dem 26. Oktober 2004 ausgestellten Reisepässe mit biometrischen Daten versehen sein, damit eine visumsfreie Einreise in den USA weiterhin möglich ist. Doch in der Europäischen Union ist man davon noch weit entfernt: In einem ersten Schritt will sie ab 2006 über das Visa-Informationssystem VIS Ausweisbilder und biometrische Daten aller Visa-Antragsteller austauschen.

Reisepapiere für die USA. In internationalen Gremien diskutiert man deshalb auch schon Alternativen. So könnten biometrischen Reisepapiere, die europäische Reisende nur für Reisen in die USA erhalten sollen, die Lösung sein. Damit würden auch die biometrischen Erfassungsdaten im Besitz der ausstellenden Länder bleiben. Die Hersteller warten derzeit gespannt auf eine Ausschreibung für die Reisepapiere.

Doch die Hoffnungen der Branche sind gedämpft: „Selbst die USA werden ihre Pläne kaum umsetzen können, da sie noch nicht über geeignete Lesegeräte verfügen“, weiß Benedikt Ahlers, Vertriebsleiter bei der Bundesdruckerei. Erst seit Anfang 2004 stehen in den USA die Haushaltsmittel für den Ausbau der Grenzkontrollen zur Verfügung. Nationale Alleingänge wird es nicht geben, da das Risiko von Fehlinvestitionen zu groß ist.

Generell aber sind alle Staaten an einer Weiterentwicklung der Reisepässe interessiert: Ende März wird sich die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO in Kairo treffen. In der ICAO arbeiten seit Jahren vornehmlich Fluggesellschaften und Einwanderungsbehörden an internationalen Standards für Reisepässe. In Kairo will die UN-Behörde einen Vorschlag verabschieden, wonach ab 2006 alle Länder Reisepässe ausstellen können, deren biometrische Daten sich über einen RFID-Chip aus zehn Zentimeter Entfernung auslesen lassen.

  Schwierigkeiten der
  Gesichtserkennung durch
  biometrische Systeme
  schildert auch:
 
Kommissar Computer
  macht alles möglich
Gesichtserkennung.
Als biometrisches Merkmal bestimmte die ICAO die Gesichtserkennung. Den ICAO-Vorschlag griff schon im Februar der EU-Rat mit einer eigenen Standardisierungsoffensive für die Sicherheitsmerkmale in den EU-Reisepässen auf, um „Betrug, Visa-Shopping und Terror“ zu bekämpfen, sagt EU-Kommissar Antonio Vitorino. Gemäß den ICAO-Vorgaben sollen Passbilder als biometrisches Merkmal auf einem Chip gespeichert werden. Optional kann der Fingerabdruck als zusätzliches biometrisches Merkmal entweder im Pass oder einer nationalen Datenbank gespeichert werden.

Bundesinnenminister Otto Schily präferiert hingegen den Fingerabdruck als Primärmerkmal, da er „für die Suche in großen Dateien besonders geeignet“ sei. Dabei soll, so ein Experte des österreichischen Innenministeriums, der Fingerabdruck allerdings nur für "Eins zu eins"-Abgleiche geeignet sein: Der Beamte vergleicht hierbei den gespeicherten Fingerabdruck mit dem vom Ausweisinhaber aufgelegten Finger.

Ein Abgleich des gezeigten Fingers mit einer Datenbank führt bislang zu hohen Fehlerraten. Die Iriserkennung eigne sich, so Schily, hingegen besser für automatisierte Kontrollen wie etwa am Frankfurter Flughafen. Die US-Behörden favorisieren den Fingerabdruck für die Identitätsüberprüfung. Das Gesicht halten sie hingegen für den Abgleich mit Überwachungslisten für Terroristen und andere Kriminelle besser geeignet. Sorgen macht den Experten vor allem die Frage der Haltbarkeit: Wie müsste ein Reisepass mit eingebettetem Chip und Antenne aussehen, der dem Abstempeln und Knicken zehn Jahre lang Stand halten könnte?

Grosse Fehlerraten. So soll es mit den Reisepässen in Malaysia, die kürzlich mit kontaktlosen Chips ausgerüstet wurden, einige Probleme gegeben haben, die wohl inzwischen wieder behoben wurden. Auch die Biometrie selbst ist ihren Kindesschuhen noch nicht entwachsen. Erst kürzlich testete die International Biometric Group (IBG) die Produkte von elf Herstellern und stellte dabei große Unterschiede fest: Bei der Ersterfassung reichten die Fehlerraten von 0 bis 23 Prozent, nach sechs Wochen wurden noch immer bis zu zwei Drittel der Versuche falsch abgewiesen.

Für IBG-Direktor Dennis Carlton steht jedoch fest, dass biometrische Systeme nicht zu 100 Prozent sicher sein müssen, um die Sicherheit an den Grenzen zu erhöhen: „Die bloße Existenz eines Gerät, das einen Einzelnen mit seinen Ausweispapier in Verbindung bringen kann, wird für viele Betrüger abschreckend sein“. Schließlich bleibt die Kostenfrage: Der US-Rechnungshof rechnet bei einer Einführung von biometrischen Pässen in den USA mit Kosten bis zu 8,8 Milliarden US-Dollar und rund 2,4 Milliarden Dollar jährlichen Folgekosten.

Die Einführung biometrischer Visa kann bis zu 2,9 Milliarden Dollar kosten - mit jährlichen Folgekosten von bis zu 1,4 Milliarden Dollar. Die Folgen für den Handel und die Tourismusindustrie, so der Rechnungshof, seien dagegen nur schwer zu beziffern. Für die Europäische Union liegen keine Zahlen vor. Eine breit angelegte Machbarkeitsstudie liegt dem Bundeswirtschaftsministerium übrigens bereits seit Januar vor. Zur Veröffentlichung konnte es sich aber bislang noch nicht entschließen.


Die Firma Idencom hat den Prototypen für den neuen maschinenlesbaren österreichischen Reisepass entwickelt. Hält der Passbeamte ihn maximal 10 Zentimeter über das Lesegerät, werden die Daten des Chips, nämlich das digitalisierte Bild des Inhabers, zwei gespeicherte Fingerabdrücke und persönliche Informationen, ausgelesen und auf einem Bildschirm angezeigt. Die Informationen vergleicht der Beamte mit den Daten, die optisch im Pass zu lesen sind. (Bildquelle: Idencom)

09.05.2004 / B. Schmalenberger

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