Als die al Qaida aus ihrem „sicheren Hafen“ Afghanistan durch den Einmarsch der Amerikaner vertrieben wurde, mutierte die straffe Militär-Organisation zur weltweiten Bewegung. Die Ideologie überlebte die Organisation. Sie wurde zum Selbstläufer: Heute ist alles gesagt und alles geschrieben. Selbst wenn bin Laden sterben würde, liefe alles weiter.
"Djihad-Universität" im Internet
Mit diesem Umbruch zur Bewegung entstand eine „Djihad-Universität“ im Internet, das die Muslime unterschiedlicher Ethnien, Malaien aus Südostasien mit den Turk-Völkern aus Zentralasien, mit den arabischen Völkern des Nahen Ostens und den negriden Bewohnern im subsaharischen Afrika verbinden konnte. Das Internet bot an Stelle der einst straffen Militärorganisation die Möglichkeit, sich als virtuelle Einheit darzustellen, die an der Errichtung eines weltweiten Kalifats gemeinsam kämpft.
Schon immer hatte das Internet nach Angaben von Bruce Hoffman, Direktor des Washingtoner Büros der RAND Corporation für die Al Qaida, drei wichtige Funktionen erfüllt:
- Die Propaganda zur Rekrutierung von Kämpfern, zur Sammlung von Spenden und zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung in der muslimischen Welt,
- Die Ausbildung und Schulung von Terroristen und
- Die operative Planung von Anschlägen durch e-mail-Kommunikation und durch Zugang zu nützlichen Informationen aus frei zugänglichen Quellen.
Die Al Qaida besaß bis zu den Anschlägen des 11. September 2001 nur eine einzige Webseite, 2004 nutzte sie schon rund 50. Analog dazu stieg die Zahl der Webseiten mit direktem Bezug zu Djihad von wenigen Dutzend auf heute über 4.500.

Kampf im World Wide Web |
Kein Zufall, denn die erste Kämpfergene-ration des globalen
Djihad hatte sich am Hindukusch und im Nordkaukasus und die „zweite Generation“ in den Ausbildungslagern der al Qaida in
Afghanistan kennen gelernt. Die dritte findet sich heute über ein Medium zusammen, dass ihr als Internet-Generation näher liegt: Das World Wide Web.
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Afghanistan-Kriegveteranen werden heute fast mythisch verklärt, meist von jungen Muslimen, die mit ihren Eltern aus Nordafrika, aus Südasien, aus Pakistan oder anderen Ländern der islamischen Welt in die nicht-islamische Welt eingewandert sind.
Sie leben heute in Europa und sind häufig auch Bürger dieser Staaten: junge Pakistaner in Großbritannien, Marokkaner in den Benelux-Staaten oder auf der iberischen Halbinsel, Algerier in Frankreich, Türken und Kurden in Deutschland.
Nicht wenige dieser jungen Leute haben Schwierigkeiten Tritt zu fassen in der der verwestlichten europäischen Gesellschaft. Sie haben nicht mehr den Rückhalt bei ihren Eltern, die sich zum Teil schon mit ihrer neuen Umgebung arrangiert haben und fühlen sich hierzulande „zwischen Baum und Borke“. Der jetzt boomende Moscheenbau in Europa und eine wachsende Religiosität gibt den so „Entwurzelten“ einen neuen Halt.
Kleingruppen vermitteln den Jugendlichen, die sich als Fremde in der Fremde fühlen, zusätzlich eine Heimat. Darüber hinaus haben Ereignisse wie der Afghanistan- und später der Tschetschenien-Krieg, das einschneidende Erlebnis des 11. September junge Muslime motiviert.
Keine Welle der Begeisterung
So motiviert gehen einige von ihnen nach wie vor aus Europa in den Krieg nach Tschetschenien oder in den Irak. Experten schätzen die jährliche Zahl auf rund 50 bis 100 junge Muslime. Wesentlich höher sind die Freiwilligenzahlen aus außereuropäischen Ländern, insbesondere die Freiwilligen aus islamischen Ländern. Aber es gibt nicht mehr eine vergleichbare Welle der Begeisterung wie seinerzeit in Afghanistan.
Die Zeiten haben sich auch insofern geändert, als während des Afghanistan- Krieges über die Büros der Moslembruderschaft zur Beteiligung am Heiligen Krieg gegen die gottlosen Kommunisten aufgerufen und die jungen Leute hier auch angeworben wurden. Diese Rekrutierungsbüros gibt es nicht mehr.
Zur Zeit der Taliban-Herrschaft in Afghanistan (1996 bis 2001) hatte bin Laden und die Al Qaida eine zentralistisch organisierte Militärbürokratie geschaffen, die weltweit Anschläge plante und durchführte. Der Höhepunkt in dieser Phase lag im 11. September. Diese Organisation wurde durch den amerikanischen Einmarsch in Afghanistan zerschlagen.
| Ihres „sicheren Hafens“ beraubt machte alQaida in der Folge das Internet zur Operationsbasis, verlagerte zerstörte Ausbildungscamps in den Cyber-space: Wesentlich effektiver wurde nun der Djihad „globalisiert“. Junge Leute, die noch nie in Afghanistan gewesen waren, die die Al-Qaida |

Das Internet als Operationsbasis |
Führung aus Internetbotschaften oder aus Videos der arabischen Fernsehsender kennen, fühlen sich von der Ideologie angesprochen.
Sie versuchen mit Gleichgesinnten ihre Vorstellungen eines „Heiligen Krieges“ gegen die Ungläubigen, die Unreinen zu verwirklichen und das nicht an den großen Schauplätzen in Tschetschenien oder dem Irak, sondern nach ihren Ideen und vor ihrer Haustür in Europa.
Es sind häufig Einzelpersonen, die von der Idee des Djihad begeistert sind und die sich gemeinsam mit anderen jungen Leuten, die sie über das Internet kennen gelernt haben, zu einer Aktion im Sinne des Djihad zusammenfinden und nach dieser Aktion auch wieder auseinander gehen. Eine zentrale Kommandostelle gibt es nicht mehr, es gibt auch keinen obersten Befehlshaber, es gibt lokaler Machthaber, die völlig eigenständig, zum Teil auch völlig eigensinnig ihrer Art des Djihad ihnen ihren Ländern verfolgen.
Sie lernen in „virtuellen Lehrgängen“, die in den wichtigsten Sprachen des al-Islam (Land des Islam) – von Arabisch bis Paschtu und Urdu – abgefasst sind, die Handhabung von Bio-Giften (nach dem „Mudjaheddin-Gift-Handbuch“) oder von Sprengstoffen (nach dem „Mudjaheddin-Sprengstoff-Handbuch“).
Hilfestellung in den Chatrooms
Treten beim Bombenbau oder der Herstellung des tödlichen Rizin-Giftes Probleme auf, können sie ihre Glaubensbrüder in speziellen Chatrooms um Hilfe bitten. Die saudische al-Qaida-Gruppe hatte schon 2004 geworben: „Oh Mujaheddin-Bruder, du musst nicht mehr weit reisen, um in unsere großartigen Ausbildungslager zu kommen. Das Trainingsprogramm kannst du auch allein oder mit anderen Brüdern absolvieren.“
Die Folgen liegen auf der Hand: Die heutigen Täter sind nicht so umfassend und intensiv geschult und verüben ihre Anschläge ohne die frühere detaillierte und minutiöse Planung und Vorbereitung. So lagen in London zwischen Anwerbung und Ausführung beispielsweise nur wenige Wochen.
In einem solchen Zeitraum können nur einfache, aber – wie das Beispiel London zeigt – auch durchaus wirksame Anschläge geplant werden. Die Generation der Internet-Djihadisten ist auf eine andere Weise jedoch gefährlicher als ihre Vorgänger-Generation, weil sie durch ihre Kurzzeitigkeit in der Regel noch nicht im Beobachtungsnetz der Sicherheitsbehörden erfasst wurden.
Vorausschauend beschrieb Mohammed Tozy, Politikwissenschaftler an der Universität Hassan II. in Casablanca schon 2003 die jüngste Generation der Attentäter: „Ihre Organisationsstruktur ähnelt der des Internet. Diese Gruppen formieren sich spontan, ihre Verbindungen sind ebenso virtuell wie das Datennetz, in dem sie sich zu ihren Taten verabreden.“
Das US-Außenministerium schrieb 2005 resignativ: „Der Heilige Krieg ist mittlerweile Internet-gesteuert.“