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Kategorie B.L. und die al Qaida  

Machtkampf in der al-Qaida

05.03.2006: Bin Laden und der getötete al-Zarqawi wollten sich im Kampf um die Führung überbieten. Von Marwan Abou-Taam

Wer ist dieser Mensch, der den Wunsch hegt, als Märtyrer zu sterben? Einer der meistgesuchten Terroristen, ein selbsternannter Gotteskämpfer und „Emir über das Land der beiden Flüsse“ (Irak), so der vor Bin Laden ihm zugewiesenen Titel.

Zarqawi wurde laut Hussein Kamal, einem Sprecher des irakischen Innenministeriums für Geheimdienstfragen, vor einem Jahr in der Nähe von Falludja verhaftet und wieder auf freien Fuß gesetzt, weil die Polizisten „ihn nicht wieder erkannt haben“. Diese und andere ähnliche Geschichten machten Zarqawi zum Mythos. Seine Anhänger feiern ihn als großen Krieger.  

Seine Existenz nutzt allen Beteiligten im politischen Prozess des Irak, mit Ausnahme seiner Terroropfer. Denn

  • die Regierung des Irak und die USA argumentieren, die Gewalt sei ein Importgut. Damit nehmen sie sich aus der  Pflicht, die irakische Opposition ernster zu nehmen.

  • Zarqawi nutzt den Kurden, denn im Kampf gegen den Terrorismus können sie die Solidarität des Westens für sich gewinnen und die Durchsetzung ihrer nationalen Vision eines kurdischen Staates vorantreiben.

  • Auch den Schiiten nutzt die Existenz Zarqawis politisch. Er hat sie als Ungläubige klassifiziert und ihnen den Djihad erklärt. Damit sind sie natürliche Verbündete der Alliierten und können den neuen Irak  maßgeblich prägen.

  • Für die Königreiche, Diktaturen und Erbrepubliken rum um den Irak ist al-Zarqawi ebenfalls eine wichtige Schachfigur im Spiel um die Zukunft des Nahen Ostens, denn solange der Irak nicht stabil ist, können sie sich als Stabilitätsfaktoren präsentieren. Ein Gelingen des Demokratisierungs-projektes im Irak bedeutet die unmittelbare Gefährdung der Regime in der Region.

Wer ist also dieser Djihadist, der sich innerhalb kürzester Zeit zu einer zentralen Figur in der Geostrategie des Nahen Ostens entwickelt hat, und für sich die Regentschaft über die Region der beiden Flüsse Euphrat und Tigris beansprucht? Tatsache ist, dass er existiert und aus der jordanischen Provinz al-Zarqa stammt. 

Sein eigentlicher Name ist Fadel Nazal al-Khalaile vom Stamm der Bani Hassan. Eines der größten jordanischen Stämme, die eine zentrale Stütze des Königreiches darstellen. Zarqawi ist sein Kampfname und bezieht sich auf seine Herkunftsregion al-Zarqa. Er und seine Djihadisten werden von den Sicherheitskräften im Irak dem Netzwerk von al-Qaida zugeordnet.  

Wegen sexueller Übergriffe verhaftet 

Als Kind soll er gewalttätig gewesen sein. Ehemalige Freunde geben an, dass er sehr früh anfing, viel Alkohol zu trinken. Es soll sehr brutal gewesen sein. Eine Eigenschaft, die er heute noch täglich beweist.  In den achtziger Jahren wurde er wegen sexueller Übergriffe verhaftet und verurteilt.

Diese Tatsachen werden in den Internetportalen der Islamisten verschwiegen, denn sie passen nicht zum Aufbau des Mythos Zarqawi. Dort wird ihm die Aura eines gottesfürchtigen Kämpfers verliehen. Sie behaupten, dass er schon als Kind ein besonders gläubiger Muslim gewesen sein soll. Das stimmt jedoch nicht mit der Beschreibung derer überein, die ihn in seiner Jugend kannten.

   Ende der achtziger Jahre entwickelte er, wie viele arabische Jugendliche seines Alters, ein Interesse für Afghanistan. Der Djihad wurde als reinigende Kraft interpretiert, die die Seele des Sträflings und heutigen Gotteskämpfers „retten“ sollte. Tatsächlich ist er auch 1989 nach Afghanistan gegangen, um gegen die ungläubigen Sowjets zu kämpfen. Doch er kam zu spät an, die Sowjets waren bereits abgezogen. In Afghanistan schrieb er für eine kleine arabische Zeitung und interviewte die arabischen Mudjahidin, die dem Zweiundzwanzigjährigen viele Abenteuergeschichten erzählten. 1992 kehrte er nach Jordanien zurück. Dort wurde er Mitglied einer unbedeutenden islamistischen Organisation, die den Namen „Bay´at al Imam“ (Anerkennung der Herrschaft des Führers) trug.   

Abu Mus´ab al Zarqawi 
Bild: dpa/Picture-Alliance
 

Zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt 

In Jordanien begann er Zellen aufzubauen, die versucht haben, Waffen in die palästinensischen Gebiete zu schmuggeln, wurde jedoch bald von den jordanischen Sicherheitskräften verhaftet. Er lehnte einen Pflichtverteidiger ab mit der Begründung, das jordanische System sei vom Glauben abgefallen, so dass es nicht legitim sei, ihn nach dem jordanischen Recht zu richten. Im Gericht schrie er den Richter mit den Worten an:

„Du willst uns verurteilen, bei Gott wir werden dich bald richten und Gottes Gesetz anwenden.“ Zarqawi wurde zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt, blieb jedoch nur vier Jahre im Gefängnis. Er wurde aufgrund einer Generalamnestie entlassen, die König Abdallah, anlässlich des Todes seines Vaters, König Hussein, erließ.  

  Im Gefängnis hat
  Zarqawi begonnen,
  Mitinsassen für
  seine Djihad-Ideen
  zu begeistern

Im Gefängnis geriet Zarqawi unter dem zunehmenden Einfluss des islamistischen Chefideologen Al-Maqdissi, eines Mentors des al-Qaida-Terrornetzwerkes. Im Gefängnis hat Zarqawi begonnen, Mitinsassen für seine Djihad-Ideen zu begeistern und potentielle Djihadisten zu rekrutieren. Dazu dienten ihm seine romantisierten Afghanistan-Heldengeschichten.

Nach seiner Entlassung im Jahre 2000 wanderte er nach Afghanistan aus und schloss sich dort den Djihadisten an. Zarqawi lehnte es ab, die Taliban, und damit Bin Laden  anzuerkennen, die für ihn nicht streng genug waren. Er gründete in Herat ein eigenes Lager und experimentierte dort mit Giftgas.   

Auch im Schlaf mit Sprengstoffgürtel 

Seinen Kampfnamen Abu Mus´ab al Zarqawi hat er in Herat erhalten. Erst nach dem 11. September 2001 schloss er sich Bin Laden an und kämpfte an seiner Seite gegen die Truppen der westlichen Allianz. In Afghanistan starb auch seine Mutter an Leukämie, ihr letzter Wunsch, so behaupten islamistische Interportale, sei es gewesen, dass ihr Sohn im Djihad sterben und auf  keinen Fall gefangengenommen werde solle. Seitdem schläft Zarqawi mit einem Sprengstoffgürtel um die Hüften. 

In Kandahar nahm er 2002 an einer Konferenz der Djihad-Führer teil. Dort bekam er den Auftrag, den Djihad nach Arabien zu bringen. Mit 1500 Djihadisten ging er über den Iran in den Irak. Einige Dutzend Terroristen wurden im Iran verhaftet und später an Saudi-Arabien und andere Golfstaaten ausgeliefert.

Maßgeblich bei der Einschleusung von Zarqawi und seinen Anhängern in den Irak wirkte die kurdische Islamistengruppe Ansar al-Islam (Helfer des Islam), deren Vorsitzender sie lange von Skandinavien aus steuerte.  Diese Gruppe taucht auch in deutschen Verfassungsschutzberichten auf und wird beschuldigt, Unterstützerbasen für Al-Qaida zu unterhalten und Djihadisten in Deutschland für den Kampf im Irak zu rekrutieren und dorthin einzuschleusen.  

Wachsende Bedeutung innerhalb der Hierarchie 

Amerikanischen Berichten zufolge wurde Zarqawi von Saddam Hussein aufgenommen und bewaffnet. Dies wird jedoch von den Islamisten zurückgewiesen, denn der Säkularist Saddam Hussein mit seiner weltlichen Diktatur galt als Werk des Teufels. In Jordanien wurde Zarqawi 2002 in Abwesenheit zum Tode verurteilt, denn man beschuldigte ihn, an der Ermordung des US-Diplomaten Foley beteiligt gewesen zu sein.

Die Ermordung von Foley ist Bestandteil einer Strategie, die versucht, den internationalen Terrorismus der al-Qaida nach Jordanien zu bringen und sie als Akteur im israelisch-palästinensischen Konflikt  zu etablieren. Dieser Schritt belegt die zunehmende hierarchische Bedeutung von Zarqawi innerhalb des Netzwerkes. Der Mentor von Zarqawi, al-Maqdissi, gilt intellektuell als Bindeglied zwischen al-Qaida und der Palästinaproblematik. War bislang die Priorität von al-Qaida, die Befreiung Saudi-Arabiens als Land der beiden heiligen Städte Mekka und Medina, so spielt nun mit Zarqawi die Palästinafrage eine zentrale Rolle.  

  Seit dem Fall von
  Bagdad organisiert
  Zarqawi einen
  blutigen Terrorkampf
Nach dem Fall von Bagdad 2003 hat Zarqawi seine Mudjaheddin umgruppiert und organisiert seitdem einen blutigen Terrorkampf gegen die irakische Gesellschaft und die westlichen Truppen. Djihadisten aus Syrien, Jordanien und vor allem aus den angrenzenden Golfstaaten eilten ihm zu Hilfe. Seine erste Aktion, die den Beginn einer blutigen Serie ankündigte, war der Anschlag auf die UN-Vertretung in Bagdad im August 2003, bei dem neben vielen anderen der Gesandte der Vereinten Nationen getötet wurde.

 Dieser barbarische Akt ist eine symbolische Kriegserklärung an die Weltgemeinschaft, er ist aber auch eine deutliche Nachricht an Bin Laden. Zarqawi weiß, dass, je mehr die Ausstrahlung von Bin Ladin verblasst, er selber desto stärker in dessen Rolle hineinwächst. Entsprechend steigert er die Gewalt und bricht Tabus, an denen zu rütteln Bin Laden noch nicht gewagt hat. 

Auf Racheakte der Schiiten gesetzt 

Die zweite Aktion fand einige Tage später statt, als der Schwiegervater Zarqawis, Yassin Jarrad, mit einem mit Sprengstoff beladenen Wagen in die heiligste Stätte der Schiiten im Irak, die Imam-Ali-Moschee in Nadjaf, fuhr und sie sprengte. Dabei wurden 125 betende Menschen ermordet, darunter auch Ayatollah al-Hakim. Dieser Anschlag ist strategisch genial, denn Zarqawi setzte auf Racheakte der Schiiten, die unweigerlich in einen Bürgerkrieg münden würden. Folgeattentate gegen Schiiten bestätigen diese Strategie, die angesichts der neuen Entwicklung aufzugehen scheint.  

Der Name Abu Mas´ab hat in diesem Zusammenhang eine wichtige historische Bedeutung. In den frühen Jahren des Islam tauchte eine Figur auf, die vehement gegen Ali, den Schwiegersohn des Propheten und ersten Imam der Schiiten, auftrat. Zarqawi sieht sich in der Tradition dieser Person, weshalb er seinen Namen annahm.

Der historische Abu-Mas´ab bekämpfte Ali, der heutige Abu-Mas´ab tötet im Irak die Anhänger Alis. Die Bekämpfung der Schiiten ist in der arabisch-sunnitischen Welt eine mehrheitsfähige Angelegenheit. Das weiß Zarqawi und er ist sich bewusst, dass damit sein Ansehen innerhalb des streng sunnitischen Al-Qaida-Netzwerkes steigt.  

Als Emir Einfluss auf die al-Qaida-Strategie 

Als Folge der Attentate ernannte ihn  Bin Laden am 27 Dezember 2004 zum  Emir (Oberbefehlshaber) der al- Qaida im Irak. Damit bekam er die langersehnte Position, die im ermöglichte, die Strategie der al-Qaida maßgeblich zu bestimmen.

  Die Schiiten sind -
  erklärt Zarqawi -
  weniger wert als
  "unreine Schweine"
In einer späteren Rede am 5. Juli 2005  erklärt er allen Schiiten den Krieg, denn sie seien Ungläubige und weniger wert als „unreine Schweine“. Diese Fatwa ist innerhalb des Netzwerkes eine Verpflichtung für alle Djihadisten. Sie signalisiert gleichzeitig, dass jene Strömung innerhalb der al-Qaida die Oberhand hat, die auch der innere Front, also gegen innerislamische Feinde kämpfen will.  

In den Schriften der Mentoren von al-Qaida kann man eine langjährige Debatte feststellen, die sich mit dem Umgang mit den Schiiten auseinandersetzt. Zwar gelten sie für alle Ideologen als Gefahr, denn sie „schwächen wie ein Holzwurm den Islam“, doch konzentrierte man sich in der ersten Phase des Djihad auf die „Kreuzzügler und Juden“ als Hauptgegner.  Es fanden immer wieder Massaker an Schiiten in Afghanistan und Pakistan statt, eine offizielle Fatwa gilt somit als Erweiterung der Prioritäten.

Jenseits der Ideologie bietet diese Erweiterung erhebliche Rekrutierungspotentiale, denn der Djihadismus der Islamisten lebt von den Bildern und den Gewaltaktionen. Indem man die Schiiten als Ziel ausmacht, schuf man sich im Irak die Möglichkeit, relativ unkompliziert viele Aktionen durchzuführen, die einen Bilderstrom garantieren.  

Alle denkbaren Mittel der Barbarei 

Somit spiegelt sich die menschenverachtende Polemik von Zarqawi in den Taten seiner Anhänger wider. Sie schrecken kaum davor zurück, alle nur denkbaren Mittel der Barbarei einzusetzen. Sowohl die öffentliche Hinrichtung von Geiseln  als auch die Sprengung von Schulbussen sind gängige Praxis seines Djihads. Zudem kommt hinzu, dass Zarqawi bereits in Afghanistan Labore zur Herstellung von chemischen Waffen unterhalten hat. Diese Tatsache und seine  Taten wurden lange in seiner Heimatstadt öffentlich gefeiert. In Internetportalen wird er als Held gehuldigt.  

Dies änderte sich, als sein Netzwerk beschuldigt wurde, Selbstmordattentate in Jordanien durchgeführt zu haben. Am 9. November 2005  wurden bei Selbstmordattentaten in Luxushotels in Amman 67 Menschen getötet und mehr als 300 verletzt. Dazu bekannte sich im Internet al-Qaida.  Erst jetzt distanziert sich die jordanische Gesellschaft von ihm.

Auch im Irak distanzieren sich die sunnitischen Stämme erst vor einigen Wochen von Zarqawi, als seine Djihadisten sunnitische Offiziere ermordeten. Diese Fakten widerspiegeln nicht nur die ideologische Grundlage des Djihadismus, sondern auch die gesellschaftlichen Strukturen, aus denen Zarqawi und seine selbsternannten Gotteskämpfer kommen.  

Vor übertriebenen Morden gewarnt 

Zarqawi entstammt einer Umgebung, die erstens den Westen als Feind betrachtet, zweitens die Schiiten als Ungläubige sieht, die das Haus des Islam beschmutzen. Drittens gehört die männliche Gewalt zur Identität.  Solange seine Opfer Westler und Schiiten sind, solange wird er gefeiert, denn Zarqawi führt das aus, was viele tausende sunnitische Araber denken. Wobei sein  Ziel  bei Weitem nicht die „Befreiung“ des Irak ist. Er unterteilt die Welt in Gläubige und Ungläubige und will die „Feinde des Islam“ vernichten.

Seine Mittel scheinen selbst Bin Laden und Al-Zawahiri als unpassend, wurde er doch öffentlich ermahnt, das Morden gegen die irakische Zivilbevölkerung nicht zu übertreiben. Damit wollte Zawahiri sicherlich nicht die Taten von Zarqawi verurteilen, vielmehr ging es ihm darum, dass al-Qaida die Unterstützung der sunnitischen Massen verlieren würde, wenn weiterhin Kinder und betende Zivilisten im Namen des Djihad ermordet werden. Prinzipiell teilt Zawahiri jedoch die Einschätzung von Zarqawi.  

   Die Sprengung des Mausoleums in Samara am 22. Februar 2006, wo die schiitischen Imame Ali Al-Hadi (829 bis 868 n. Chr.) und Hassan Al-Askari (846 bis 873 n. Chr.) bestattet sind, zeugt jedoch davon, dass Zarqawi sich keineswegs zurückhalten will.  Zarqawi will Barbarei schaffen. Im Chaos will er als Held gefeiert werden. Ein Bürgerkrieg mobilisiert und polarisiert die Irakis zugleich. Er will der große Anführer werden, der die große Glaubensschlacht anführt. Diese Vorgehensweise ist keine spezifische Erfindung Zarqawis. In einer im Internet verbreiteten Schrift „Idarat at-tawahosch“ (Die Verwaltung

Zerstörte Goldene Moschee Bild: dpa/Picture-Alliance 

der Barbarei) wird detailliert beschrieben, wie Chaoszustände geschaffen werden können, so dass Sicherheitsinseln entstehen, in denen sich die Djihadisten als Retter etablieren können.  

Gründe für den Bruch mit bin Laden 

Zarqawi setzt konsequent die Ideologie des Djihadismus mit den Mitteln dieser Chaostheorie um. Er beansprucht dabei die Führerschaft im Irak.  Das erklärt auch den Bruch mit Osama Bin Laden, denn seit Ende Februar 2006 ist es deutlich geworden, dass Zarqawi die Führerschaft Bin Ladens nicht mehr akzeptiert.

Es handelt sich um Rivalen, die unterschiedliche Klienteln vertreten. Bin Laden kommt aus einer der reichsten Familien Saudi-Arabien und spricht die Kinder reicher Golfaraber an. Er verwendet dabei die Sprache der klassischen arabischen Dichtung und umgibt sich mit theologisch gebildeten Muslimen, um schließlich die Menschen für den Djihad zu gewinnen.  

  Zarqawi stammt aus
  ärmlichen Verhältnissen
  und umgibt sich mit
  kriminellen Banditen
Zarqawi stammt aus ärmlichen Verhältnissen, war in seiner Jugend auffällig kriminell und umgibt sich mit kriminellen Banditen. Er kommt aus Jordanien und vertritt die Generation einer  überflüssigen Jugend in der arabischen Welt jenseits der Golfstaaten. Seine Mobilisierungsstrategie ist einfacher gestrickt. Die Gewalt der Tat ist sein Argument, denn je mehr unbarmherzige Gewalt er anwendet, desto angesehener ist er bei seinen Anhängern.

Somit wetteifern Bin Laden und Zarqawi um die Führung, indem sie sich gegenseitig überbieten. Eine krankhafte Strategie  entsteht somit, die Töten, Zerstören und Vertreiben zu Mannesehre erhebt. Die Gewalt hat sich nicht verselbständigt, wie viele Beobachter behaupten, vielmehr wird sie bewusst eingesetzt, sie ist ein Mittel der Macht in einer  patriarchalischen Gewaltkultur, die die Nichtgewalt als Führungsschwäche interpretiert. 

Djihad gegen die Demokratie als Teufelswerk 

Fazit ist, dass der Irak auch ohne Zarqawis Gewalt kaum aus der Gewaltspirale gerettet werden kann, solange es nicht im Interesse seiner Nachbarn steht, die Lage zu beruhigen. Das Land wirkt anziehend auf Djihadinteressierte aus der gesamten Welt. Die Antriebskraft ist der Hass gegen den Westen und alle Muslime, die nicht dem eigenen Bild entsprechen.

Der aktuelle Karikaturenstreit zeigt, dass dieser Hass prinzipieller Natur ist.  Daraus ergibt es sich auch, dass die Demokratisierung des Nahen Ostens nicht unmittelbar dazu führen wird, dass er friedlicher wird. Die stärksten Kräfte, die Islamisten, sind Feinde der Demokratie. Zarqawi als eine Hauptfigur des Islamimus hat der Demokratie als Werk des Teufels den heiligen Krieg erklärt.  

Aus deutscher Sicht stellt sich die Frage, ob Zarqawi bereits ausreichend Djihadisten und logistische Mittel hat, um seine Version des totalen Djihads auch nach Europa bringen zu können. Unbestritten ist, dass die Auswahl der Ziele und die Wucht der Attentate  im Wettkampf um die Führung des internationalen Djihadismus eine zentrale Rolle spielen. Bin Ladens „Waffenstillstandsangebot“ vom Januar 2006 und die Tatsache, dass Bin Laden und Zawahiri wiederholt Attentate angekündigten, die nicht stattgefunden haben, werden in den Chatforen der Islamisten als Führungsschwäche interpretiert.

Dies ist die Chance für Zarqawi. Ein Attentat, vielleicht sogar mit chemischen oder biologischen Kampfstoffen, in Europa oder in den USA würde ihn an die Spitze des Netzwerkes Al-Qaida katapultieren. Er könnte dafür seine  Verbindungen zu islamistischen Organisationen wie Ansar al Islam, die auch in Deutschland aktiv sind, nutzen. Bin Laden und Zawahiri wissen dies, und sie wissen, dass sie Zarqawi zuvorkommen müssen. Damit ist davon auszugehen, dass beide, sobald sie die Möglichkeit sehen, brutal zuschlagen werden.

Der Machtkampf um die Führung wird im Westen geführt. Die Anzahl der Opfer entscheidet.

 

05.03.2006 / B. Schmalenberger

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