Der Begriff al-Qaida ruft Erinnerungen an die Bilder der rauchenden und zusammenstürzenden Türmen des World Trade Center herauf, die aufgeschlitzten Eisenbahnwagen der Vorortzüge von Madrid oder die blutig verletzten Opfer der Anschläge in der Londoner U-Bahn. Diese Aktivitäten der Al-Qaida-Bewegung gehören im „heiligen Krieg“ zum bewaffneten Kampf.
Erst jetzt, vier Jahre nach dem Anschlag des „9/11“ wird man sich zunehmend - oft mehr außerhalb als innerhalb unserer Grenzen - bewusst, dass es neben dem bewaffneten auch den ideologischen Kampf gibt, der mit anderen Mitteln letztlich dasselbe Ziel, die Errichtung des Kalifats, verfolgt.
Diese Idee wird im übrigen weniger von der Al-Qaeda selbst und mehr von der „Partei der islamischen Befreiung“, der Hizb ut-Tahrir al-Islami getragen. Sie hat in Europa und auch in Deutschland ihre Zweigstellen, ihr Schwerpunkt liegt jedoch in Zentralasien und zwar insbesondere in den zentralasiatischen Republiken.
Nicht nur hier stellt die Hizb ut-Tahrir dem westlichen Konzept der Globalisierung ihr Konzept einer globalisierten islamischen Welt entgegen.
Als Abspaltung der Muslimbrüder gegründet
Forderung nach
Zerstörung Israels
und Aufbau eines
Gottessstaaates
auf den Trümmern |
Hizb ut-Tahrir ist in Deutschland verboten, weil sie im Internet einen sehr starken, aggressiven Antisemitismus verbreitet hatte mit der Forderung nach einer Zerstörung des Staates Israel und dem Aufbau eines Gottesstaates auf seinen Trümmern. Dies ist insofern nicht überraschend, als die Hizb ut-Tahrir als Abspaltung der Muslimbrüder in den fünfziger Jahren in Ost-Jerusalem gegründet wurde.
Ihr lokales Konzept eines Kampfes um Palästina ist jedoch außerhalb des Nahen Ostens in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erheblich erweitert worden, als sie den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten in die islamisch-zentralasiatischen Staaten verlegte. Hier zählt sie 70.000 ihrer bis zu 100.000 Anhänger.
Die Hizb ut-Tahrir ist in allen diesen Staaten ebenfalls verboten, ihre Anhänger sind bedroht und sitzen zu Tausenden in den Gefängnissen in Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan. Dennoch wirkt sie von diesen zentralasiatischen Republiken zum einen nach Xinjiang der Volksrepublik China hinein, der autonomen Region der Uiguren, in ein turkstämmiges, nicht-chinesisches Volk sunnitischer Muslime. Sie wirkt andererseits aber auch spürbar nach Russland hinein und wird deshalb von Moskau mit Argwohn betrachtet.
Dieser Argwohn ist wegen des religiösen Konflikts im südlichen Russland, insbesondere im Kaukasus mit dem Djihad der Tschetschenen gegen die Russen begründet. Schließlich gibt es etwa 20 Millionen russischer Staatsbürger muslimischen Glaubens. Wenn dieser Funke der „Partei der islamischen Befreiung“ in der russischen Föderation entflammt würde, hätte dies ohne Zweifel unabsehbare Konsequenzen für die innere Sicherheit Russlands.
Den bewaffneten Kampf öffentlich abgelehnt
Für die Hizb ut-Tahrir steht also der ideologische Kampf und nicht der Kampf mit dem Schwert im Vordergrund. Sie stellt sich dabei insofern geschickter an, als sie die gleichen Ziele wie die Al-Qaeda verfolgt - also letztlich die Errichtung eines islamischen Gottesstaates anstrebt und sie würde dieses Ziel auch durch den „Heiligen Krieg“ realisieren - sie lehnt aber bis zum heutigen Tage zumindest öffentlich den bewaffneten Kampf zu diesem Ziel ab, was sie schwerer angreifbar macht.
Neben dieser zweiten, ideologischen Ebene des Kampfes gibt es eine dritte, die bei uns noch viel weniger als eigenständige Kampfform wahrgenommen wird, den Wirtschaftskrieg. Schon vor Jahren stellte Osama bin Laden ein Djihad-Konzept vor, in dem der Wirtschaftskrieg als gleichwertig neben dem bewaffneten und dem ideologischen Kampf beschrieben wird. In diesem Wirtschaftskrieg wird ganz bewusst versucht, alle Feinde des Islam auch wirtschaftlich zu bekämpfen.
Die Hizb ut-Tahrir
wirkt in das nicht-
chinesische Volk der
Uiguren in der Volks-
republik China, aber
auch zu den Millionen
muslimischer Bürger
nach Russland hinein |
Dazu greift man in die wichtigsten Wirtschaftszweige der Länder ein, die das Ziel der Errichtung des Kalifats und den Djihad als Weg zu diesem Ziel ablehnen. Für eine ganze Reihe muslimischer Länder ist dies der Wirtschaftszweig des Tourismus.
Das gilt für die nordafrikanischen Staaten von Marokko bis nach Tunesien genauso wie für das größte islamische Land Indonesien. Auch in der Türkei stellt der Tourismus einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar und Ägypten hat den Tourismus ebenfalls zu einem wichtigen Wirtschaftszweig ausgebaut.
Anschlag auf Djerba in lebhafter Erinnerung
In allen genannten Ländern hat es Terroranschläge gegeben, die sich vornehmlich allem gegen westliche Touristen richteten. Als Konsequenz sind die Reisenden ferngeblieben, was zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten in den betreffenden Ländern geführt hat. So könnte beispielsweise der neuerliche Anschlag in Bali für die Tourismusindustrie Indonesiens verheerende Konsequenzen haben. Das gleiche kann Ägypten passieren, wenn sich die Anschläge dort wieder häufen und was Tunesien betrifft, haben wir Deutsche die Anschläge auf Djerba in lebhafter Erinnerung.
Darüberhinaus hat es Anschläge gegen die Versorgung mit Erdöl und Erdgas in jeder Form gegeben, das heißt angefangen von den Förderfeldern über die Pipelines, den Transport auf dem Seeweg, bis hin zu den Verladestationen für die Rohstoffe.
Anschläge werden
nicht als Teil eines
Wirtschaftskrieges
verstanden |
Diese gezielten Angriffe werden von uns Europäern nur selten im Zusammenhang eines differenzierten Djihad-Konzeptes wahrgenommen. So werden die Anschläge im Irak eher als Auswirkungen des dort herrschenden Bürgerkrieges und weniger als Teil des Wirtschaftskrieges neben dem ideologischen und dem bewaffneten Kampf angesehen.
Nur gelegentlich nehmen wir es in Saudi-Arabien wahr, wenn ausländische Arbeitnehmer angegriffen worden sind. Solche Anschläge gibt es auch in der Region des kaspischen Meeres, von denen wir noch sehr viel weniger erfahren und die im Zusammenhang mit dem Tschetschenienkrieg stehen. Dies alles müssen wir als Konzept eines auf drei Ebenen ausgetragenen Djihad verstehen, der auf sehr lange Zeit hin angelegt ist.
Wir müssen also damit rechnen, dass es beispielsweise Anschläge auf Transportschiffe auch noch in zwei, fünf oder in zehn und fünfzehn Jahren geben wird. Dies alles sind keine Zufälle, sondern einen Teil des Djihad, indem wir sie dem ideologischen Kampf mehr Aufmerksamkeit schenken müssen.
Die Erdölpreise in die Höhe getrieben
An keinem Beispiel kann man diesem gezielten Kampf jedoch so deutlich erkennen wie an den Anschlagsversuchen, die in Saudi-Arabien genau zu der Zeit unternommen wurden, in der die HurrikaneKatrina und Rita die amerikanische Erdölproduktion blockiert und damit die Erdölpreise in die Höhe getrieben haben.
Wenn diese Anschläge zu genau diesem Zeitpunkt geglückt wären, hätte dies für den Ölpreis katastrophale Folgen gehabt. Der Vorgang ist ein sprechender Beweis dafür, dass hinter diesem Konzept eine Planung durch erfahrene Strategen steht. In der Planung und Ausführung der Anschläge sind heute keine Amateure mehr am Werk.
Das Ganze wird mit professioneller Vorbereitung durchgeführt, von Experten, die sich gründlich vorbereiten, ihren Gegner studieren, seine Schwachstellen analysieren und sie gezielt ausnutzen. Auch beim ideologischen Kampf werden ganz gezielt Texte ins Internet gesetzt, die geradezu diesem Zeitpunkt große Aufmerksamkeit und Weiterverbreitung finden.
Wir müssen damit
rechnen, dass es
Anschläge auf
Transportschiffe
auch noch in zwei,
fünf oder in zehn
und fünfzehn Jahren
geben wird. |
Ob eine solche Planung auch unter wirtschaftlichen Aspekten bei dem Anschlag vom 11. September vorlag, lässt sich heute nicht abschließend sagen. Es gibt dazu noch keine zuverlässige Informationen, allenfalls einige Hinweise, weil die Amerikaner den Chefplaner und den Cheflogistiker dieser Anschläge noch immer „unter Verschluss“ halten.
Chefplaner war Chalid Scheich aus Belutschistan, Cheflogistiker, der Jemenit Binalshib, der auch das Scharnier zwischen den Akteuren in Europa, der „Hamburger Zelle“ und der Führung in Afghanistan gewesen sein soll.
Wir können deshalb über solche Motive nur mutmaßen, weil die Betreffenden auch vom Oberlandesgericht in Hamburg im Verfahren gegen Motassadeq als Zeugen vorgeladen werden sollten, die Amerikaner jedoch deren persönliche Befragung verweigert haben.
Mit den Augen der Feinde sehen
Ganz deutlich wurde seit dem Anschlag des 9/11 jedoch, dass man versucht, Anschläge mit einer Symbolik zu verbinden, einer Symbolik, die wir noch nicht in jedem Fall verstehen und aus dem Denken islamistischer Djihadisten heraus entschlüsseln können. Unser Verständnis vom „heiligen Krieg“ dieser Terroristen ist bei der Entschlüsselung eher hinderlich, sind wir doch oft zu rational, zu glaubensschwach und vorstellungsarm.
Wir müssen lernen, durch die Augen unserer Feinde zu sehen, denn nur mit diesern Sichtweise können wir viele der für Muslime verständlichen Symbole entschlüsseln. Für eine wirklich effiziente Bekämpfung des Terrorismus gehört die Gerwinnung dieser Kenntnisse deshalb dazu.