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Kategorie Personen & Institutionen  

'Fortschrittliches' muslimisches Manifest?

04.03.2006: Im christlichen Kontext würden sie als erzreaktionär gelten. Ein Beitrag von Hildegard Becker

Mal ganz aktuell: Es gibt ein „Muslimisches Manifest“. Am 3.3.2006 bei Spiegel-Online veröffentlicht. Von angeblich „moderaten Muslimen“. Klingt gut. Hört sich offiziell an. Gibt es schließlich nicht oft. Zwei Tage zuvor stand es schon in der „National Review“. Es wurde von einem pfiffigen Spiegel-Journalisten entdeckt und übersetzt.

Die Sache ist wichtig. Nur wenige Islamfachleute, darunter der Islamwissenschaftler Martin Riexinger in Göttingen, merkten allerdings flugs, was da läuft. Und er reagierte prompt.

- „Auf politischer Ebene klingt der Text erfreulich, dennoch hat die Sache einen Haken. Einer der beiden Autoren, Mustafa Akyol, propagiert in der Türkei die Ideologie des Intelligent Design, einer Variante des Kreationismus, die ohne eine 10.000 Jahre alte Erde auskommt. Von christlichen Konservativen in Kansas wurde er eingeladen, vor Gericht zu bezeugen, dass es sich dabei nicht um eine spezifisch christliche Auffassung handele. Dies würfe verfassungsrechtliche Probleme auf bei dem Ziel, diese Doktrin in die Lehrpläne der Schulen einzuführen.“1)

Um was geht es eigentlich?  Riexinger schreibt:

- „Wieder einmal wird ein Muslim als moderat bewertet, dessen Auffassungen im christlichen Kontext als erzreaktionär gescholten würden“.

Das „Muslimische Manifest“ ist eine Publikation von zwei Personen: Zeyno Baran, Direktorin des „International Security and Energy Programs“ am Nixon Center in Washington/USA (sie leitet die „Turkey Initative“ und das Eurasia –Projekt des Nixon Centers), und Mustafa Akyol, Journalist und Schriftsteller.

Der Politologe Akyol war an mehren Universitäten in den USA und in Großbritannien als Dozent für Religion und Philosophie tätig. Er ist Direktor der „Interkulturellen Dialog-Plattform“ mit Sitz in Istanbul, die zum weltweiten Netzwerk des  bekannten Nurculuk-Aktivisten Fetullah Gülen gehört.

Die beiden Muslime greifen mit ihrem „Manifest“  in die aktuelle Kulturdebatte ein und sind bestrebt zu beschwichtigen:

- „Eifer für Gott ist nur legitim, wenn er in einer aufgeklärten Art zum Ausdruck gebracht wird, denn Gott selbst hat uns eine zurückhaltende Erwiderungsweise auferlegt. Als ihre heidnischen Zeitgenossen sich über die ersten Muslime lustig machten, da gebot der Koran ihnen nicht etwa, sich mit Gewalt zu wehren, sondern eine zivilisierte Ablehnung“.

Das klingt etwas kurios, denn den niedergeschriebenen Koran gab es zu der Zeit der „heidnischen Zeitgenossen“ der ersten Muslime noch gar nicht, was selbst unter Muslimen nicht bestritten wird.  Aber egal: Die beiden „moderaten“ Muslime meinen es ja gut. Sie wollen schließlich die Karikaturen-Kampfhähne beschwichtigen:

- „Während wir die Gefühle unserer Glaubensgeschwister verstehen, bitten wir sie eindringlich, von Rache und Gewaltakten abzusehen.“

Und weiter:

- „Darum sollten alle Demonstrationen gegen die Verspottung des Islams friedlich sein. Kritikern des Islams sollte nicht mit Drohungen und Gewalt, sondern mit rationalen Gegenargumenten begegnet werden.“

Und „theokratische Herrschaft“ akzeptieren sie nicht. Gut so. Gut klingt auch dies hier:

- „Jeder Mensch hat das Recht, an den Islam oder jede andere Religion zu glauben oder nicht zu glauben. Darüber hinaus haben alle Muslime das Recht, ihre Religion zurückzuweisen und zu wechseln, wenn sie es wollen.“

Na ja – wenn die beiden das sagen, heißt das allerdings noch nicht, dass diese Ansicht unter Muslimen weit verbreitet ist. Aber sie sind ja schließlich durch ihre Aktivitäten und Veröffentlichungen bekannt geworden. Vielleicht hört man ja auf sie. Sie gehen auch noch weiter. Die Demokratie unterstützen sie ausdrücklich, doch mit welcher Begründung?

- „nicht, weil wir die Souveränität des Allmächtigen über die Menschen zurückweisen, sondern weil wir glauben, dass diese Souveränität sich im allgemeinen Willen der Menschen in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft manifestiert.“

Was aber bedeutet das? Dass Gottes Wille sich in demokratischen Mehrheiten manifestiert? Wenn das gemeint ist, dann ist das mit der säkularen Idee des demokratischen Staatsgedanken wohl nicht ohne Weiteres zu vereinbaren, wenngleich dieser Gedankengang eine Brücke bilden könnte – als Anstoß für weitere dringend fällige Diskussionen zu dem Thema.

Die Autoren des „Manifests“  sagen nicht etwa, dass sie die Scharia, das islamische Recht, für die heutige Zeit ablehnen. Vorsichtig formulieren sie so, dass sie damit bei dem Mainstream der muslimischen Gelehrten nicht anecken:

- „Die Scharia, wurde in einer Zeit entwickelt, zu der Muslime in homogenen Gemeinschaften lebten“.

Das wird, da es ein Faktum ist, keiner bestreiten. Die Autoren geben jedoch – auch den Widerspenstigen unter den Muslimen – zu bedenken:

- „In dieser pluralistischen Umgebung kann ein Rechtssystem, das auf einer bestimmten Version einer einzigen Religion besteht, nicht auf alle Bürger angewandt werden.“

Daraus schließen sie:

- „Aus diesem Grund wird ein einziges, säkulares Recht, das für alle Religionen offen ist aber auf keiner von ihnen basiert, dringend nötig.“

„wird“ nötig, heißt es. Nun ja: Wortklaubereien bei einer Übersetzung sind in dieser wichtigen Diskussion vielleicht nicht angebracht. Dennoch: ein säkulares Recht „wird“ nicht, sondern „ist“ nötig – oder vielmehr: das gibt es schon. Die Muslime müssen es nur akzeptieren. Aber so deutlich wollten es die beiden Muslime offenbar nicht sagen.

Vielleicht wollen sie es aber auch selbst so klipp und klar gar nicht denken – als fromme Muslime. Eines jedenfalls kann man mit Fug annehmen: Sie kennen ihre Pappenheimer, beziehungsweise ihre „Brüder und Schwestern in Allah“. Die sind nicht so leicht zu überzeugen. Bemerkenswert ist auch noch der Satz, der sich auf den in die Sackgasse geratenen Nahost-Konflikt bezieht:

  Das Wunschdenken
  klingt immerhin
  hoffnungsvoll
Immerhin. Dieses Wunschdenken klingt hoffnungsvoll und ist, was die Autoren angeht, auch glaubwürdig, denn alles was ihrem friedlichen Bild des Islam widerspricht, bringt ihr Islamisierungsprojekt ins Wanken. Nur – für welche Ideologie stehen die beiden Muslime, die ein „muslimisches Manifest“ mit einem Aufruf zur interaktiven Mitwirkung im Internet erlassen haben?  Sie wollen damit wohl die „Ummah“, also die Gemeinschaft der Muslime, direkt ansprechen.

Vorbehalte sind vor allem gegenüber Mustafa Akyol angebracht. Er kommt aus der Schule der Istanbuler „Wissenschaftsstiftung“, aus der auch der Kreationist und Populär-Autor mit wissenschaftlichem Anstrich, Adnan Oktar (Pseudonym: Harun Yahya), hervorgegangen und der zunächst vor allem in Kreisen der islamistischen „Milli Görüs“ Bewegung bekannt geworden ist.

Diese „Wissenschaftsstiftung“ ist maßgeblich an der europaweiten Verbreitung von Yahyas pseudowissenschaftlichen und zum Teil antisemitischen Verschwörungspamphleten beteiligt. Harun Yahya ist den ziemlich primitiv-plumpen amerikanischen Kreationisten verbunden geblieben, während Mustafa Akyol sich für die intellektuell etwas subtilere Variante des „Intelligent Design“ einsetzt. Yahya wettert – wohl aus Konkurrenzgründen zu Akyol – inzwischen massiv gegen das „Intelligent Design“-Projekt, das er ein Teufelswerk nennt.

 

Mustafa Akyol ist schon seit einiger Zeit ein „Alibi-Muslim“ des amerikanischen „Intelligent Design“, jener Bewegung also, die die Evolutionstheorie von Charles Darwin zwar nicht rundweg ablehnt, die jedoch die „Schöpfung“ einer „intelligenten“ Macht unterstellt, mit deren Hilfe der Schöpfergott seinen souveränen Platz im religiösen Weltkonzept beibehalten kann.

Und Akyol meint – so wie es der Sufi-Scheich Said Nursi, Gründer der Nurculuk-Bruderschaft, schon 1950 darstellte und wie es auch von dem aktuell prominenten Nurculuk-Vertreter Fetullah Güllen propagiert wird –,  Christen und Muslime müssten sich für dieses „gemeinsame Anliegen“ zusammentun. Die meisten Christen stehen diesem Ansinnen der Gemeinsamkeit allerdings skeptisch bis ablehnend gegenüber – mit Ausnahme der Fundamentalisten unter ihnen, von denen es vor allem in Amerika bekanntlich etliche gibt.

  "Intelligent Design" ist
  eine fundamentalistische
  Bewegung, die in den
  1990er Jahren in den USA
  entstanden ist
„Intelligent Design“ ist eine fundamentalistische Bewegung, die in den USA in den 1990er Jahren aus Kreisen der „Christian Science“ (Philip E. Johnson) entstanden ist. Heute kämpft das Netzwerk des „Intelligent Design“ in Kansas heftig dafür,  Schulbücher von jenen Evolutions-Inhalten zu „säubern“, die ihre Anhänger als das „darwinistische Dogma“  bezeichnen – nachzulesen bei eben jenem Autor des Manifests, Mustafa Akyol, nämlich auf der Homepage „Islam Online“2).

Diese Website ist von dem Chefideologen der islamistischen „Muslimbruderschaft“, Scheich Yusuf al-Qaradawi, mit begründet worden, gegen dessen gefährliche Ideologie sich Zeyno Baran übrigens mehrfach ausgesprochen hat. Sie hat jedoch das „Muslimische Manifest“ mit unterschrieben.

Es muss daher vorausgesetzt werden, dass ihr das hier beschriebene Hauptanliegen ihres Mitautors Mustafa Akyol, welches in dem Manifest vermutlich bewusst nicht erwähnt wird, sehr wohl bekannt ist. Selbst wenn sie Akyols Zielsetzung für das „Intelligent Design“ nicht teilen sollte, darf sie sich also nicht wundern, wenn die ihn betreffenden Vorbehalte sich auch auf sie auswirken.

Was will uns das alles besagen? So „fortschrittlich“ und demokratiefreundlich das „Muslimische Manifest“ durch seine subtilen Formulierungen auch klingen mag: Größte Vorsicht und Zurückhaltung sind angebracht, denn ein moderater Ton macht noch keinen moderaten Inhalt. Und das „Manifest“ verschweigt geflissentlich den ideologischen Hintergrund zumindest eines der Autoren. Was also wollen diese wirklich?

Sollen die Muslime nach dem Motto „Mit Speck fängt man Mäuse“ ins Lager der Anti-Darwinisten gelockt werden?  Damit hätten wir dann – nach dem „Karikaturenstreit“ –  in Deutschland, ja in Europa, den nächsten Grund für einen „Kulturkampf“, und zwar wiederum  zwischen den „Säkularen“ und den „Religiösen“. 

Es liegt im Übrigen in der Natur der Sache, dass Akyol Gewalt ablehnt, denn sonst wäre sein Projekt gefährdet, Allahs Macht und Souveränität in der Gesellschaft mit Hilfe der Bildung und eines als Missionierung verstandenen Dialogs Geltung zu verschaffen. Gewalt ist dabei nur hinderlich. Wenn er sich also massiv gegen jede Gewalt und jeden Terror ausspricht, so kann man ihm hier durchaus unterstellen, dass er es damit ehrlich meint.

Dazu passt übrigens durchaus Zeyno Barans Eintreten gegen die radikal-islamistische Hizb-ut Tahrir (Partei Gottes) in Uzbekistan sowie ihre Arbeit in dem US-Eurasia-Projekt. Ihr Eurasia--Projekt findet große Aufmerksamkeit in den Gülen nahe stehenden Medien, wie Aksiyon. Die Bewegung des Fethullah Gülen hat wiederum ein besonderes Augenmerk auf  Uzbekistan und Kirgisien, und der in den USA lebende Gülen wird von vielen als eine wichtige Figur der amerikanischen Türkei- und Asienpolitik angesehen.

Es wäre jedoch falsch, Mustafa Akyol einen „moderaten“ Muslim zu nennen, weil er Terror und Gewalt ablehnt. Die derzeitige Debatte krankt ohnehin daran, dass alle wie gebannt auf den Gewaltfaktor starren – und folglich nur noch erleichtert aufatmen, wenn Demonstrationen friedlich verlaufen. Alles andere – vor allem die gezielte Ideologisierung junger Muslime – tritt in den Hintergrund.

Das verschafft all jenen das notwendige Terrain, die den Terror längst als kontraproduktiv abgehakt haben und sich mit langem Atem auf eine schleichende Islamisierung oder Sakralisierung der Gesellschaft konzentrieren – ganz nach dem Konzept der in Europa agierenden „Muslimbruderschaft“.

 

______________________________

1) (http://blog.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2006/325/moderate-muslime/)

2) http://www.islamonline.net/english/Contemporary/2004/09/Article02.shtml: 14.9.2004:Mustafa Akyol: “Why Muslims should support Intelligent Design”

 

04.03.2006 / B. Schmalenberger

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Das "Manifest" war eine Reaktion (Hausarzt-Bauer, 20.05.2006) geht nicht
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