Sulaiman Wilms, Chefredakteur der „Islamischen Zeitung“, sitzt auf dem Podium und sagt, er habe „schon tausend Muslime durchs Goethehaus in Weimar geführt, um sie an die deutsche Kultur heranzuführen“. Die Muslime „an die deutsche Kultur heranführen“, das klingt gut, geradezu vorbildlich.
Aber Wilms, vor fünfzehn Jahren zum Islam konvertiert, hat nur einen Teil der Wahrheit gesagt. In der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart wurde über das Thema „Medial vermittelter Islam und islamische Medien“ diskutiert.
Was Wilms verschwieg: Der Herausgeber der „Islamischen Zeitung“, Abu Bakr Andreas Rieger, Rechtsanwalt in Potsdam, hat gute Kontakte zu Scheich Abdalqadir al-Murabit as-Sufi, früher Schottland, jetzt Südafrika, der Goethe vor zehn Jahren per sechs Seiten langer Fatwa posthum zum Muslim erklärt hat.
Die tausend Muslime, die Wilms durchs Goethehaus geführt hat, dürften also weniger „an die deutsche Kultur“ herangeführt worden sein, sondern haben dem berühmten Bruder Goethe, der ja jetzt einer der Ihren ist, einen Besuch abgestattet. Der schottische Scheich, Gründer der islamischen Politsekte Murabitun und laut „British Muslim Monthly Survey“ Hitler-Verehrer, hieß vor seiner Konversion Ende der Sechziger übrigens schlicht Ian Dallas.
Ahmed Senyurt : Keine Political Correctness!
Es war dem Kölner Journalisten Ahmed Senyurt zu verdanken, dass nach den Klagen über die Einseitigkeit deutscher Medien beim Thema Muslime und Islam (Wilms: „Geistige Fortsetzung des Flächenbombardements“) zum ersten Mal auch muslimische Medien ins Visier gerieten.
„Die Kuschelatmophäre etwas durcheinanderbringen“, sagte Senyurt, „und bitte keine Diskussionen nach der Political Correctness“, die den christlich-islamischen Dialog auf unserer Seite bestimmt. Sich ein paar Nettigkeiten sagen, an türkischem Honig laben und die für uns weniger angenehmen Seiten des Dialogpartners nicht so genau kennenlernen wollen.
Denn für Senyurt ist die „Islamische Zeitung“ eindeutig ein „Da’wa-Instrument der Murabitun“, Da’wa heißt Mission. Sie sei, sagte er, vor dem 11. September „kampfbetonter“ gewesen, es habe sich viel „verändert“ seitdem, man sei „vorsichtiger“ geworden – Gerald Kluge, der katholische Sektenbeauftragte in Sachsen, hatte 1991 noch die „aggressive Sprache“ und den „kaum verhohlenen Fundamentalismus“ der Politsekte hervorgehoben.
Kuschelatmosphäre
oder 'Geistige Fort-
setzung des Flächen-
bombardements'? |
Aber wie soll eine offene Gesellschaft mit einer muslimischen Zeitung umgehen, von der sie nicht weiß, ob ihre heutigen moderaten Inhalte nur Camouflage der eigentlichen Absichten sind? Und was sind die eigentlichen Absichten?
„Nachweisen, dass der Islam kein Fremdkörper ist“, sagte Wilms auf dem Podium, in sein Handy sagte er später, für Nahestehende gut hörbar: „Es waren ein paar sehr negative Gestalten da.“
Wie die Berliner Publizistin Claudia Dantschke, die in der „Islamischen Zeitung“ ein Pendant zur „Jungen Freiheit“ sieht. Worum geht es aber im Kern? Vielleicht um die „Errichtung eines souveränen Staates für alle Muslime in Europa“, wie es auf einer Murabitun-Webseite heißt. Abu Bakr Riegers zunächst auf Eis gelegtes Projekt einer „autonomen“ Medina in Weimar, wo er eine „neue islamische Lebenskultur stiften“ wollte, könnte da ein Anfang gewesen sein.
Niemand ist sicher, ob das öffentlich Gesagte nicht "Takiyya" ist
Und genau das ist die Schwierigkeit, vor der alle westlichen Länder mit muslimischer Minderheit stehen: Niemand kann sicher sein, ob das, was die muslimischen Führer öffentlich sagen, auch ehrlich gemeint ist, d.h. ob sie nicht womöglich „Takiyya“, Verstellung, betreiben.
Die BBC sendete Ende August die Dokumentation „A Question of Leadership“, der frühere „Panorama“-Chef John Ware war nach den Londoner Terroranschlägen quer durchs Land gereist, um zu erfahren, wie Muslime es mit der westlichen Gesellschaft halten, und hatte, ohne dass dies beabsichtigt war, genau diesen Eindruck gewonnen, der von Taj Hargey vom Muslim Education Centre Oxford sogar bestätigt wurde:
Es gebe, sagte Hargey, unter Muslimen eine interne Sprache und eine externe, beschwichtigende, für uns, die „Kuffar“, die Ungläubigen - wie soll da die stets geforderte „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ überhaupt zustandekommen?
Unter Muslimen eine
interne Sprache und
eine externe,
beschwichtigende
für die 'Kuffar' |
Aiman A. Mazyek, nach eigener Auskunft „Muslim syrisch-alemannischer Herkunft“, seine Mutter stammt aus Freiburg, ist Chefredakteur des Internetportals islam.de, bis vor einem Jahr war er Pressesprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Auch islam.de - für Ahmed Senyurt „das Verbandsorgan des Zentralrats“ - gibt sich moderat.
„Das Feindbild Islam ist ein Konstrukt der Medien, um Auflage zu machen auf dem Rücken der Muslime“, sagte Mazyek in Stuttgart. Klingt erstmal einleuchtend, aber ist es so? Sind nicht vielmehr diejenigen, die von einem „Feindbild Islam“ sprechen, Verteidiger der Muslime gegen vermeintliche westliche Islamophobie? Egal, Mazyek sagte weiter: „Und ich erwarte, dass gewürdigt wird, dass wir mäßigend, deeskalierend wirken wollen.“
Wie verträgt sich aber dieser Anspruch des mäßigend Wirkenwollens mit Nadeem Elyas, dem Vorsitzenden des Zentralrats, der sich öffentlich kooperationsbereit gibt und dafür vorletzte Woche in einer elf Seiten langen anonymen Muslim-Rundmail wüst beschimpft wurde, weil er „die Kuffar auf ihrem Feldzug gegen die Muslime“ begleite.
Gleichzeitig wird von ihm ein Satz kolportiert , den er am 19. Februar 2005 in der Moschee in Mainz-Kostheim gesagt haben soll: „Wir müssen Einfluss auf die Politik des Staates nehmen und die wichtigsten Stellen im Staat besetzen." Machtübernahme also.
Wobei generell die Frage gestellt werden muss, ob diejenigen, die offiziell die Muslime in Deutschland vertreten, tatsächlich die Geeigneten sind, um für alle zu sprechen, Umfragen unter Türken belegen das Gegenteil. Ist etwa Nadeem Elyas, der bei Islamthemen von den Medien als Gesprächspartner gern angefragt wird, ein geeigneter Sprecher, obwohl er, der gebürtige Saudi, gerade mal für maximal 20.000 sprechen kann?
Oder ist Bekir Alboga, Dialogbeauftragter bei Ditib, dem deutschen Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der geeignete Sprecher für die Türken in Deutschland?
Wer ist das: „die Muslime“?
Und wer sind überhaupt „die Muslime“? Auf jeden Fall keine homogene Gruppe, sagte Claudia Dantschke, sie sprach von einer „Islamisierung“ der Zugewanderten durch die Medien, eine „thematische Verwirrung“ sei entstanden, sagte sie, man rede von Muslimen, meine aber Türken und Araber.
Unter der Überschrift Islam würden alle möglichen Themen wie Integration behandelt, während es umgekehrt notwendig wäre, etwa Integration als Oberthema zu nehmen „und darunter die berechtigte Frage zu stellen, welche Rolle der Islam dabei spielt“. Einverstanden. Nur woran liegt es, dass alle westlichen Länder Integrationsprobleme speziell mit muslimischen Einwanderern haben?
Bekir Alboga, ein jovialer Mann, saß lächelnd auf dem Stuttgarter Podium, und teilte mit, dass er „einen Leserbrief an epd“ geschickt habe, der aber nicht veröffentlicht worden sei. Wobei die Mehrzahl der rund hundert Anwesenden, Muslime und Nichtmuslime, wahrscheinlich keine Ahnung davon hatte, an welche Adresse Alboga diesen Leserbrief geschickt hat. Hängen blieb bei dem einen oder anderen aber: So gehen die Medien mit den Muslimen um.
Und könnte einen braven deutschen Journalisten auch zu einem engagierten Kommentar verleiten: So desinteressiert sind deutsche Medien an Muslimen! Die Wahrheit ist: Alboga hatte sich im Sommer telefonisch über eine Glosse des Evangelischen Pressedienstes (epd) beschwert, in der er als „Heuchler“ dargestellt worden sei.
Das Wort „Heuchler“ kam in der Glosse nicht vor. Alboga war aufgefordert worden, einen Leserbrief zu schreiben, der fünf Tage nach der Stuttgarter Tagung im November, datiert vom 15. September, bei der Redaktion schließlich angekommen ist.
In Stuttgart sagte Alboga: „Obwohl mittlerweile die Nase des Islam blutet, bin ich für diese Streitkultur dankbar.“ Im Namen Allahs bluten noch ganz andere Körperteile. Aber klingt gut – oder sagte auch Alboga nur das, was bei uns gut ankommt wie „Streitkultur“? Vor einem Jahr war Alboga Gast bei einer Türkei-Diskussion des ZDF, und sein Auftritt hatte einige Schreiber beim Internet-„Muslim-Forum“ sehr amüsiert, denn:
„Wenn der Mann dies richtig gemeint hat“, schrieb ein Fahim, „dann ist er sehr schlau vorgegangen, er hat Begriffe benutzt, die Deutsche gerne hören zur Beruhigung, aber meinte völlig andere Inhalte. Genauso muß man mit den Kuffar umgehen.“ Auch hier wieder, diesmal von Muslimseite, diese Vermutung: Verstellung, Takiyya. Und „so“ muss man mit uns umgehen.
Man bemüht sich und bekommt keine Antwort
Schlau benutzt er
Begriffe, die Deutsche
gern hören zur
Beruhigung, meint
aber völlig
andere Inhalte |
Reden wir also mal nicht von der Diskriminierung von Muslimen in westlichen Ländern, sondern auch mal von unserer Schwierigkeit im Umgang mit Muslimen. Gabriele Lautenschläger, Beauftragte für interreligiösen Dialog der Diözese Würzburg, hat folgende Erfahrung gemacht: Man bemüht sich, schreibt und bekommt keine Antwort.
Lautenschläger sagte das in Stuttgart aber nicht anklagend, sondern versuchte eine Erklärung, naja, da hat wohl das Personal gewechselt. Nur kommen wir mit dieser christlichen Verständnisbereitschaft nicht weiter. Im Westen gelten bestimmte Regeln des Umgangs, die, so könnte eine Forderung lauten, einzuhalten sind.
Abu Bakr Rieger beklagt in der neuen Ausgabe der „Islamischen Zeitung“, dass „die Berichterstattung über den Islam, die Terroristen und die Gefährdungslage längst Teil des harten Mediengeschäftes geworden“ sei und stellt fest, dass selbst ein Qualitätsblatt wie die „Neue Zürcher Zeitung“ es nicht für nötig gehalten habe, „mal ein paar Minuten mit der Redaktion zu sprechen“, bevor es einen Artikel über die „Islamische Zeitung“ veröffentlicht; der NZZ-Artikel war, nebenebei, sehr moderat.
Der Autor des Artikel sagt hingegen: Er habe mit Chefredakteur Wilms sprechen wollen, der sei mehr als unwillig gewesen, man habe sich auf den nächsten Tag vertagt, da sei unter der angegebenen Nummer niemand zu erreichen gewesen; die gleiche Erfahrung hat eine Autorin des Deutschlandfunks mit Wilms gemacht. Wer schwindelt?
„Die Muslime haben noch keine adäquaten Mittel gefunden, um sich in der deutschen Öffentlichkeit zu artikulieren“, schrieb Knut Krohn nach der Tagung in der „Stuttgarter Zeitung“. Genau das ist das Problem. Aber wer verschafft ihnen diese Mittel? Und wer sorgt dafür, dass nicht die Hardliner, sondern die Gemäßigten, also Vertreter der Mehrheit, zum Zuge kommen? Aber vor allem: Wie gehen wir mit der Schizophrenie um, die uns abverlangt wird?
Der Schizophrenie, in Internet-Foren von deutschen Muslimen mit geradezu abstrusem Hass und mit Verachtung überschüttet zu werden, im Fernsehen die Spuren viehischer Massenmorde im Namen Allahs ansehen zu müssen und gleichzeitig dem Credo „Islam heißt Frieden“ zustimmen zu sollen? Was auch nicht stimmt, denn „Islam“ heißt Hingabe, Unterwerfung.
Wie schafft es ein Westeuropäer, etwa bei muslimmarkt.de lesen zu müssen, dass die deutsche Presse eine „Goebbels“-Presse sei, dass der Einsturz der Twin Towers das Werk „von USA und/oder Mossad“ gewesen sei, ohne am Verstand der dort Schreibenden zu zweifeln? Oder wie geht man als Deutscher mit dem Problem dieses Muslims um:
Der Muslim ist in Gewissensnot und wendet sich in einem Internet-Forum hilfesuchend an seine „Geschwister“, das Problem ist folgendes: Er hat sein Konto bei der Sparkasse aufgelöst und 1 Euro 80 Zinsen bekommen – was macht er mit dem Geld, der Islam verbietet Zinswirtschaft.
Bei Papiergeld, schreibt er, ist es einfach, das verbrennen wir, aber bei Münzen? Die kann ich doch nicht einfach wegwerfen, die könnte doch ein Kuffar, also ein Deutscher, finden! Tja, in der Tat, ein schweres Problem. Und man behaupte jetzt nicht, dass das eine Satire sei.
Nachdruck eines Beitrags aus "epd medien", herausgegeben vom Evangelischen Pressedienst mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
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Nachtrag
Wer sich kritisch mit Muslimischem beschäftigt – so wie mit anderen Themen auch –, kann leider zuverlässig mit zwei Reaktionen rechnen: mit Drohungen und einer Herabwürdigung der Person, die das Kritische verfasst hat. Im vorliegenden Fall kündigte Abu Bakr Rieger, der Herausgeber der „Islamischen Zeitung“, der Autorin per E-Mail an, dass er, selbst Jurist, „einen Medienanwalt einschalten“ werde, weil „Angaben und Behauptungen in Ihrem Text objektiv falsch sind“, ohne diese näher zu benennen; Sulaiman Wilms, der Chefredakteur, drohte telefonisch und in höchster Erregung mit „juristischen Konsequenzen“, weil die Autorin sein Telefonat „belauscht“ habe.
In der „Islamischen Zeitung“ hat Wilms später ausführlich nachgelegt: In Stuttgart waren demnach nur Unfähige bzw. Agitatoren am Werk. Dem Veranstalter der Tagung bescheinigte er, mit der Moderation „sichtlich überfordert“ gewesen zu sein, Ahmet Senyurt warf er „Agitation mit Fakten“ vor.
Als Oberbegriff für Journalisten, die Muslimisches neuerdings kritisch beobachten, hatte sich die „Islamische Zeitung“ schon vor einem Jahr das Schlagwort „privater Verfassungsschutz“ ausgedacht; damals galt es, die Arbeit der Berliner Publizistin Claudia Dantschke zu denunzieren. Diesmal schrieb Wilms: „Wenn der private Verfassungsschutz - über den öffentlich diskutiert werden sollte – agiert, gilt es im Interesse der Zivilgesellschaft, hellhörig zu werden.“
Auch das „belauschte“ Telefonat kommt vor, Wilms: „Ärgerlich wird es aber, wenn ein persönlich geführtes Telefongespräch, welches nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist – es gelten immerhin noch die Persönlichkeitsrechte –, als Beleg für eine sinistre Absicht herhalten muss.“ Da kann man nur eine Warnung an alle Handy-Benutzer anschließen: Wer im öffentlichen Raum, hier im Hof der Stuttgarter Akademie, mit lauter Stimme in sein Mobiltelefon spricht, kann schwerlich Persönlichkeitsrechte geltend machen.
Folgt noch die Herabwürdigung der Autorin, die schon im Motto des Wilms-Artikels anklingt, Wilms zitierte Karl Kraus: „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können - das macht den Journalisten.“ Er bescheinigte ihr, einen „leicht wirren Text“ geschrieben zu haben, „der vor allem eins ist, nämlich abgeschrieben von den ewig gleichen Primärquellen“. Was sich auf Riegers Projekt einer „Medina“ in Weimar und seine guten Kontakte zur islamistischen Politsekte Murabitun beziehen dürfte.
„Ärgerlich“ sei aber vor allem, so Wilms, „dass der immerhin renommierte epd sich eines solchen zu bedienen hat. Ist die Auswahl an Schreibern so gering, hat man so viele Ausfälle auf der Ersatzbank, dass am Ende die normalen, zu erwartenden Qualitätsansprüche des Teamchefs - pardon, des verantwortlichen Redakteurs - fallen müssen?“
Ein Versuch, die Autorin bei ihrem Arbeitgeber in Misskredit zu bringen. Womit ein grundsätzlich gestörtes Verhältnis zum „säkularen“ Journalismus offenkundig wird: Der Autorin warf Wilms vor, es „nicht einmal geschafft“ zu haben, „uns persönlich anzusprechen und zu den auf der Veranstaltung erhobenen Anwürfen zu befragen – eigentlich eine journalistische Selbstverständlichkeit“, gleichzeitig gilt für ihn „ganz allgemein die Frage, ob es eine Verpflichtung gibt, mit Medienvertretern sprechen zu müssen". Ja, was denn nun?
G.Z.