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Kategorie Personen & Institutionen  

Islamische Verbände: Was sie sagen und was sie denken

25.03.2005: Führen die Verbände die Muslime auf den Weg der Demokratie oder auf „fundamentalistische“ Abseitspfade? Von Hildegard Becker (Stand März 2005)

Eine Minderheit der Muslime, wenn auch eine einflußreiche, prägt das Bild des Islam in Deutschland: die in Verbänden organisierten Muslime und deren Umfeld. Was sie sagen und was sie denken, ist wichtig und zwar nicht zuletzt deshalb, weil es den Anschein hat, dass das Denken und das Sagen nicht immer identisch sind. Für das friedliche Zusammenleben aller Bürger in Deutschland ist es bedeutsam zu erfahren, ob die Vertreter der Muslime, also die Verbände, unter Moderne, Demokratie, Menschenrechten und Gleichberechtigung von Mann und Frau das Gleiche verstehen wie die nichtmuslimische Mehrheit. Eine Übersicht über die wichtigsten islamischen Verbände bringt die Vielfalt, aber auch die ideologischen Übereinstimmungen zutage. Und es stellt sich die Frage: Führen die Verbände die Muslime auf den Weg der Demokratie oder auf „fundamentalistische“ Abseitspfade?

Von den insgesamt 3,4 Millionen Muslimen sind gut zwei Millionen türkischer Herkunft. Etwa 600-800.000 Muslime besitzen nach Schätzungen einen deutschen Pass.  Bei den meisten Zuwanderern überwiegt der Wunsch, in Deutschland zu bleiben. Dennoch gibt es in islamischen Verbänden noch immer eine deutliche Heimatorientierung. Sie stehen darüber hinaus oft in politischer Konkurrenz zueinander, was einen Zusammenschluss, den sich viele wünschen, erschwert. Eine amtliche Registrierung der Muslime in Deutschland gibt es nicht. Man schätzt jedoch, dass von den ca. 3,4 Millionen Muslimen zwischen 15 und 30 % organisiert sind (enger Kreis der eingeschriebenen Mitglieder und weiter Kreis von Anhängern und Sympatisanten). Ein Prozent davon ordnet der Verfassungsschutz dem islamistisch-extremistischen Umfeld zu.

Wichtige Unterscheidungen: Islam – Islamismus – Extremismus – Terrorismus

Auch wenn die Übergänge zwischen „Islam“ (Religion) und „Islamismus“ (politisierte bzw. ideologisierte Religion) fließend sind, muß zwischen beiden Begriffen klar unterschieden werden. Sicher wollen die meisten Muslime nichts anderes, als ihren Glauben auch in Deutschland leben, sie verstehen den Islam jedoch sehr unterschiedlich . Wie unter den Christen sind auch viele Muslime „säkularisiert“ und in den islamischen Verbänden selten anzutreffen. Doch auch unter den religiös „praktizierenden“ gibt es zahlreiche Muslime, die freitags oder auch nur gelegentlich in die Moschee gehen, aber keine Mitglieder eines Verbandes sind. Organisierte Muslime sind eher unter den Gläubigen oder Strenggläubigen zu finden.

Die Mehrzahl der Organisierten hängt - theologisch gesehen - einem eher traditionalistisch-orthodox geprägten Islam an. Darunter oder auch daneben gibt es die „Islamisten“, die ebenfalls einer fundamentalistischen, d.h. streng textgebundenen Interpretation des Koran folgen, die diese aber zur Grundlage ihrer politischen Konzepte machen. Mit Hilfe ihrer Verbände oder oft undurchschaubarer Netzwerke streben sie auf legalem Wege, also ohne Gewalt, eine Gesellschaft auf islamischer Grundlage an, was vielfach zur Abschottung, zu so genannten „islamischen Inseln“ oder Parallelgesellschaften führt.

Es ist schwer zu erkennen, wer ein Islamist und wer ein „nur“ strenggläubiger Muslim ist, denn das Klischeebild eines Islamisten (im Stil eines Kaplan oder bin Laden) findet man in Deutschland nur begrenzt. „Moderne“ Islamisten sprechen gut Deutsch, sind unauffällig (westlich) gekleidet und mit westlichen Lebensgewohnheiten vertraut. Sie bekennen sich verbal vehement zur Demokratie und wollen darin politisch mitwirken, denn dieser Aktionsrahmen soll ihnen – langfristig gesehen – das Erreichen ihres Ziels, einer islamischen Gesellschaftsordnung, ermöglichen. Sie instrumentalisieren also – bei gleichzeitiger Verschleierung ihres eigentlichen Zieles – die Demokratie für ihre Zwecke.

Eine graduelle Zuspitzung der islamistischen Ideologie ist der Extremismus, schlimmstenfalls der Terrorismus. Während der Terrorismus eine physische Bedrohung darstellt, ist der „legalistische“ Islamismus als eine eher schleichende Gefahr, die sich gegen unsere grundlegenden säkularen Wertvorstellungen richtet, besonders ernst zu nehmen. Eine wachsame Beobachtung dieser Ideologien und eine gründliche Auseinandersetzung damit sind dringend notwendig.

Die muslimischen Spitzenverbände in Deutschland

Trotz verstärkter Bemühungen gibt es bislang keine übergreifende Struktur, die die wichtigsten  Organisationen unter einem Dach zusammen führen könnte – ein islamisches Gremium also, das als „Religionsgemeinschaft“ und als ein für den Staat gemeinsamer Ansprechpartner der Muslime mit Vertretungsbefugnis handeln könnte. Neben den Glaubensunterschieden (Sunniten, Schiiten, Aleviten, Ahmadis etc.) und den politisch (und ethnisch) konkurrierenden Interessen der Verbände haben Muslime noch ein weiteres Problem: Der Islam kennt keine den christlichen Kirchen vergleichbare Struktur von Hierarchie und Lehrautorität und personenbezogener Mitgliedschaft. Eine Form des vertretungsberechtigten Zusammenschlusses, die den grundgesetzlichen Erfordernissen entspricht, muss deshalb erst noch gefunden werden.

Die staatsunabhängigen Gruppierungen haben sich zu zwei islamischen Spitzenverbänden zusammen geschlossen:

  • der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IR) früher mit Sitz in Bonn, jetzt in Köln
  • der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) mit Sitz in Eschweiler (bei Aachen).

Der Islamrat vertritt  37 Mitgliedsvereine mit ca. 40.000 – 60.000 Mitgliedern. Zum Zentralrat der Muslime dürften derzeit 19 Vereine mit ca. 15.000 – 20.000 Mitgliedern gehören. Beide verstehen sich als  Interessenvertretungen ihrer Mitgliedsverbände und als gemeinsame Beratungs- und Beschlussorgane. Sie haben, auch auf gerichtlichem Weg – bisher vergeblich – versucht, als Religionsgemeinschaft und damit als verbindliche Instanz und Ansprechpartner von
deutschen Behörden (z.B. in der Frage eines Islamischen Religionsunterrichts) anerkannt zu werden. Von den schätzungsweise 2400 islamischen Moscheegemeinden und anderen Gruppierungen in Deutschland sind einige der größeren sowie mehrere kleinere Vereine in den beiden Spitzenverbänden organisiert. Daneben besteht als zahlenmäßig stärkste islamische Organisation die mit dem türkischen Staat eng verbundene

  • Türkische Union der Anstalt für Religion (DITIB) mit Sitz in Köln.

DITIB wurde auf Initiative des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten (Diyanet isleri Baskanligi, DIB) 1984 gegründet. Die Aufgabe von DIB (meistens spricht man von „Diyanet“) in Ankara ist die Verwaltung und Steuerung der Religion im laizistischen Staat. DITIB unterhält 867 Moscheevereine mit geschätzten 130.000 Mitgliedern (eigene Aussage).

Politischer Standort der Verbände

Die mit Abstand größte Organisation im Islamrat ist  die vom Verfassungsschutz als „extremistisch“, d.h. verfassungsfeindlich eingestufte Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) (Milli Görüs = Nationale Sicht) mit Sitz in Kerpen. Nach eigenen Angaben unterhält sie in Deutschland 514 Moscheegemeinden. Die Zahl der Einzelmitglieder wird von der IGMG mit 70.000 angegeben, vom Verfassungsschutz aber auf 26.500 geschätzt. Die Immobilien der IGMG werden von der Europäischen Moscheebau- und Unterstützungsgemeinschaft (EMUG) verwaltet. Hasan Özdogan, bis Januar 2002 IR-Vorsitzender, hatte viele Jahre im IGMG-Vorstand aktiv mitgewirkt. Sein Nachfolger, Ali Kizilkaya, war IGMG-Generalsekretär.

Weitere Mitgliedsverbände gehören zu einem Netzwerk von Strukturen, in dessen Zentrum nach Einschätzung von Fachleuten die IGMG steht. Dazu zählen die Islamischen Föderationen, z.B. in Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Baden-Württemberg, Bayern und NRW. Viele Gruppierungen haben neutral klingende Namen, die keine Verbindung mit Milli Görüs nahe legen. Das Institut für Internationale Pädagogik und Didaktik (IPD) mit Sitz in Köln bezeichnet sich als „unabhängig“, was mit Hinblick darauf, dass die Mutter des zeitweiligen IGMG-Vorsitzenden, Amina Erbakan, die Hauptinitiatorin und Mitbegründerin war, nicht vorbehaltlos nachvollziehbar ist. 

Zu Vorbehalten  trägt auch bei, dass es zwischen IPD und dem Zentrum für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung (ZIF) enge personnelle Verbindungen gibt. Eine der wichtigsten ZIF-Referentinnen, Sabiha el-Zayat, ist die Schwester von Mehmet Sabri Erbakan, ehemaliger IGMG-Vorsitzender. IPD und ZIF versuchen vorsichtig, zu einer frauenfreundlicheren Deutung des Koran zu kommen. Sie sprechen von „islamischem Feminismus“. Noch fehlt ihnen allerdings weitgehend die Akzeptanz in den Moscheen.

Die IGMG bietet – wie die meisten Vereine – ein breit gefächertes Programm an, das von Korankursen über Hausaufgabenhilfe, Sprachunterricht, Computerkursen, Sportmöglichkeiten bis hin zur Verbreitung von Literatur und Videokassetten reicht. Wenn auch die seit vielen Jahren bestehenden engen Beziehungen zwischen der IGMG (früher AMGT) und der islamistischen türkischen Partei (unter verschiedenen Namen: Refah-Partei oder Fazilet-Partei, heute Saadet-Partei) des Führers der Milli-Görüs-Bewegung und zeitweiligen türkischen Ministerpräsidenten, Necmettin Erbakan, nicht mehr so deutlich zutage treten wie bis zum Jahr 2002, so spricht doch vieles für deren Fortbestand. Erbakan gilt als unumstrittener Milli-Görüs-Führer. Bis heute benötigt der IGMG-Vorstand seine Zustimmung, um wichtige Aktivitäten bei den Mitgliedern zu legitimieren.

Sein Neffe, Mehmet Sabri Erbakan, war von April 2001 bis Oktober 2002 Generalvorsitzender der IGMG. In der Schrift „Adil Düzen“ (gerechte Ordnung) hat Necmettin Erbakan sein politisches Konzept dargelegt. Die westliche Zivilisation wird darin als ‚nichtige Ordnung‘ bezeichnet, die durch eine „auf der göttlichen Wahrheit und dem daraus abgeleiteten Recht (haq) basierende ‚gerechte Ordnung‘“ ersetzt werden müsse. Viele Aussagen machen deutlich, dass Erbakan mit seiner „Milli Görüs“ Bewegung die „nichtigen“, also die säkularen Gesellschaftsordnungen abschaffen und an ihre Stelle ein islamisches System auf Scharia-Grundlage setzen will.

Idealisiert  wird das von Atatürk abgeschaffte „Kalifat“ des Osmanischen Reiches, was u.a. auf den IGMG-Jahresversammlungen zum Ausdruck kam. Fernziel von Erbakans „Milli Görüs“, die sich als eine weltweite Bewegung versteht, ist die Islamisierung der Türkei, aber auch Europas.

Die politischen Ziele werden jedoch nicht mit Gewalt, sondern im Rahmen der in den (west)europäischen Ländern vorhandenen demokratischen Strukturen angestrebt, d.h. durch politische Betätigung sowie Erziehung und Bildung der nachwachsenden Generationen im Sinne der Milli Görüs Sichtweise. Es ist deshalb schwer einzuschätzen, was es bedeutet, wenn IGMG-Anhänger animiert werden, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen und sich zu „integrieren“. Großen Wert legt man auf die Pflege und Stärkung einer türkisch-islamischen Identität, was besonders in der Erziehung Jugendlicher zu einem elitären Gruppenbewusstsein mit Absetzungstendenzen von der als unmoralisch und verwerflich dargestellten „westlichen“ Kultur, also der Mehrheitsgesellschaft, führen kann.

Durch ihre Moscheen erreicht IGMG über ihre Mitglieder hinaus eine große Zahl von Muslimen. Viele Moscheebesucher teilen  jedoch die politische Ideologie nur bedingt. Und einigen Imamen vor Ort wird eine gute und integrationsfördernde Zusammenarbeit mit christlichen Gemeinden nachgesagt. Hier muss also mit Wachsamkeit differenziert werden. Zu bedenken ist aber auch, dass sich viele Gläubige den unterschwelligen Einflüssen der von den Meinungsführern vorgegebenen Ideologie schwerlich entziehen können, zumal häufig prominente politische Vertreter der islamistisch-türkischen Erbakan-Partei in deutschen Moscheen predigen.

In letzter Zeit versucht die IGMG, sich ein möglichst unangreifbares Image zu geben, um aus den Verfassungsschutzberichten herauszukommen.  Gelegentlich ist auch die Rede von „Reformen“ und einem ideologischen „Wandel“ in der jüngeren Generation. Es ist grundsätzlich durchaus möglich, dass ein solcher Wandel auf lange Sicht stattfinden wird, doch ist er derzeit – trotz entsprechender verbaler Beteuerungen einiger weniger IGMG-Meinungsführer – nicht zu erkennen.

Noch im Oktober 2002 wurde einer der  treuesten Erbakan-Anhänger, Osman Döring (alias Yavuz Celik Karahan bzw. Osman Yobas), zunächst kommissarisch und im März 2003 offiziell als Generalvorsitzender der IGMG eingesetzt.

Das bestehende Misstrauen gegenüber der IGMG ließe sich nur abbauen, indem die IGMG sich eindeutig von der Ideologie und den politischen Zielsetzungen des Altvorderen Necmettin Erbakan löst, denn diese stehen im Gegensatz zur deutschen Verfassungsordnung. Notwendig wäre auch eine nach außen hin sichtbar werdende neue Ausrichtung der IGMG und eine (bisher kaum vorhandene) Transparenz interner Vorgänge.

Die Taktik der schlichten Leugnung sachlich begründeter Vorwürfe trägt eher zu wachsendem Vertrauensschwund bei. Das gilt etwa auch für die rein formale Distanzierung einiger IGMG-Funktionäre von der türkischen Tageszeitung „Milli Gazete“. Sie enthält ausführliche Berichte über IGMG-Aktivitäten sowie zahlreiche antiwestliche und antisemitische Äußerungen.

Die „Milli Gazete“ ist nach wie vor ein wichtiges Sprachrohr der gesamten Milli Görüs Bewegung und neben dem Verbandsorgan „Milli Görüs Perspektive“ die wichtigste Informationsquelle der IGMG-Mitglieder. Auf Grund der internen Machtkonstellation der IGMG ist nicht festzustellen, dass sich eventuell vorhandene Reform-Ambitionen einzelner bis jetzt im Verband auch nur ansatzweise durchgesetzt hätten. Wie sich der Verband mit Blick auf künftige Auswirkungen der türkischen Politik positionieren wird, ist derzeit wegen widersprüchlicher Tendenzen nicht abzusehen.

Zum Islamrat gehört u.a. auch die Jama’at un-Nur, eine Sufi-Bewegung, die in den 20er Jahren entstand und wegen antilaizistischer Tendenzen damals in der Türkei unter Druck geriet. Diese Bewegung stellt im Islamrat den so genannten „Scheich ul-Islam“, eine von Atatürk abgeschaffte und in Deutschland wiederbelebte Einrichtung aus der Zeit des osmanischen Kalifats. Dieses obsolete Amt findet allerdings kaum Resonanz. Zunehmend bedeutsam ist auch der Nurculuk-Zweig des Predigers und Islamgelehrten Fetullah Gülen, der mit seinem Medien- und Bildungsnetzwerk überall in der Welt Niederlassungen hat. In Deutschland existieren inzwischen ca. 70 Zentren, die aber keinem Dachverband angehören. Der über viel Geld verfügende Gülen und seine Leute präsentieren sich als dialogorientiert und moderat. Stark konservative Elemente sind aber unverkennbar.          

Eine aus Milli Görüs hervorgegangene Organisation, die keinem der beiden Spitzenverbände angehörte, war bis zu ihrem Verbot im Dezember 2002 der „Kaplan- Verband“ (Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V. – ICCB), der sich Kalifatsstaat nannte. Während sich die IGMG dezidiert gegen Gewalt und Terror ausspricht, leugnete der Kalifatsstaat keineswegs seine Bereitschaft, auch Gewalt als Mittel zur Durchsetzung seiner Ziele anzuwenden. Er wies in Zielsetzung und Ideologie starke Ähnlichkeiten zu Milli Görüs auf. Das verwundert nicht, denn die Gründe dafür, dass sein verstorbener Leiter, Cemaleddin Kaplan, sich 1984 mit zahlreichen Anhängern von der Milli-Görüs-Bewegung trennte, lagen weniger in der Uneinigkeit über Ideologie und Ziele als vielmehr über die Mittel, diese Ziele zu erreichen, vor allem was die Gewalt-Frage angeht. Der legalistisch taktierende Kurs des Necmettin Erbakan erschien C. Kaplan „unislamisch“. Der Kalifatsstaat wurde von der großen Mehrheit islamischer Verbände abgelehnt und hatte vor seinem Verbot nur noch wenige (ca. 1100) Anhänger.    

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) zählt außer zwei deutschen Verbänden (die Deutsche Moslemliga Hamburg und die Deutsche
Moslemliga Bonn
(DML) türkische, bosnische, iranische, sunnitische und schiitische, und eine Reihe arabischer Verbände zu seinen Mitgliedern, darunter auch solche, deren Anhänger den islamistischen „Muslimbrüdern“ nahe stehen. Sie werden teilweise noch von ihren jeweiligen Heimatländern unterstützt. Ihre unterschiedlichen ideologisch-politischen Einflüsse spielen in den Gruppierungen eine bislang nicht hinreichend erkannte Rolle.

Dies gilt z.B. für die „Islamischen Zentren“ (München, Nürnberg, Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart, Marburg, Köln, Wuppertal, Münster, Braunschweig, Trier), die ihrerseits wiederum Mitglied in der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland  (IGD) sind (diese ist wiederum Mitglied im ZMD – s.u.). – Mit einer „Islamischen Charta“ hat sich der ZMD im Februar 2002 grundsätzlich dazu geäußert, wie er und seine Mitglieder zum deutschen Grundgesetz, zur säkularen Rechtsordnung, Demokratie und den Menschenrechten stehen.

Die „Charta“ ist in der Öffentlichkeit zwar begrüßt worden, doch ist sowohl durch die innerislamische Kritik als auch durch die vielfach geäußerte Kritik von Nichtmuslimen deutlich geworden, dass bezüglich einiger verklausulierter Formulierungen und Unklarheiten weiterhin Diskussionsbedarf besteht. 

Das lslamische Zentrum Hamburg (IZH) ist das Hauptzentrum der Schiiten in Deutschland, hauptsächlich aus dem Iran, aber auch aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Libanon. Einige weitere schiitische „Islamische Zentren“ (z. B. Hannover, Münster), orientieren sich zum IZH hin. Der Iran erfüllt im IZH gewisse hoheitsrechtliche Aufgaben (z.B. Trauungen), und die offizielle iranische Ideologie wird vorwiegend durch Schriften verbreitet. Im „Islamischen Zentrum Hamburg“ findet auch Dialogarbeit statt. Auch eine Imamin ist interreligiös aktiv und arbeitet u.a. in der Schura Hamburg mit, einem von der IGMG stark beeinflussten Zusammenschluss verschiedener Verbände in Hamburg und Umgebung. Zu den Schura-Vorsitzenden gehört das IGMG-Mitglied Mustafa Yoldas.         

Die Muslim Studentenvereinigung (MSV) gehört ebenfalls zum ZMD. Anhand der MSV können beispielhaft die oft sehr komplexen Verbands-Verflechtungen aufgezeigt werden. Der MSV-Vorsitzende Ibrahim el-Zayat (auch Vorsitzender der IGD, einem laut Verfassungsschutz von der ägyptischen Muslimbruderschaft beeinflussten Dachverband) ist verheiratet mit Sabiha, der Schwester des früheren IGMG-Vorsitzenden Mehmet Erbakan. Ibrahim el-Zayat ist u.a. für die EMUG tätig, die die Immobilien der IGMG verwaltet. So hat also ein ZMD-Mitgliedsverband auch einen Fuß in dem Konkurrenz-Verband Islamrat.

Die Union der Türkisch-islamischen Kulturvereine in Europa (ATIB) wurde nach der Loslösung von dem ultra-nationalistischen türkischen Verband ADTÜDF (als 'Graue Wölfe' oder „Idealistenvereine“ bekannte, extrem nationalistische Ülkücü-Bewegung) gegründet und ist mit derzeit vermutlich noch 8-10.000 Mitgliedern der größte  Mitgliedsverein des ZMD. Er propagiert eine politisch-kulturelle Synthese von Türkentum und Islam, mit Betonung auf Islam. ATIB distanziert sich von rassistischer und faschistischer Ideologie und von Gewalt.

Der Verband Islamischer Kulturzentren  (VIKZ) ist als wichtigster und zahlenmäßig größter Mitgliedsverband (ca. 20.000 Mitglieder) im Jahr 2000 aus dem ZMD ausgetreten. Die Gründe dafür lagen in einer „Umorientierung“, die dem VIKZ von dem türkischen „Heimatverband“, der Süleymanci-Bewegung (einer Korankurs- und Sufi-Bewegung mit mystischem Charakter), nach einem Führungswechsel verordnet worden war. Der zuvor aktiv betriebene Dialog mit den Kirchen wurde zugunsten einer drastischen Hinwendung „nach innen“ so gut wie aufgegeben, die „Islamische Akademie Villa Hahnenburg“ in Köln wurde geschlossen. 

Die Konzentration nach innen, d.h. auf die Weitergabe der Lehre des Führers Süleyman Tunahan an die islamische Verbandsjugend, hat zu einer weitgehenden Abschottung von der deutschen Gesellschaft und zu einer Verstärkung des Mangels an Transparenz geführt. Die wachsende Zahl der Internate“ (Schülerwohnheime), deren Aktivitäten nach außen hin nahezu undurchschaubar sind, sind nicht gerade vertrauensfördernd. Es wird vielfach befürchtet, dass damit eine für den wechselseitigen Integrationsprozess notwendige Öffnung als Voraussetzung für eine bessere gesellschaftliche Verständigung verhindert wird. In jüngerer Zeit ist wieder eine –  wenn auch sehr vorsichtige – Öffnungsbereitschaft einiger  VIKZ-Führungspersonen zu beobachten.

Arabische und auch deutsche Muslime sind vielfach in der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD) vertreten. Sie ist Mitglied im ZMD. Wie schon erwähnt gehören ihr die meisten „islamischen Zentren“ an. Die Vorläufer-Organisationen der IGD (Moscheebau-Kommission e.V. und Islamische Gemeinschaft in Süddeutschland) sind maßgeblich von Mitgliedern der Muslimbruderschaft (MB) gegründet und geleitet worden (Ziel der MB ist die  Umgestaltung von Politik und Gesellschaft auf der Grundlage der Scharia, der islamischen Rechts- und Lebensordnung, insbesondere in so genannten islamischen Staaten).

Eine größere Anzahl kleinerer Gruppierungen bildet ein weit verzweigtes Netzwerk (z.B. die Gesellschaft muslimischer Geistes- und Sozialwissenschaftler, das von Saudi-Arabien finanzierte Islamische Konzil,  die Muslimische Studentenvereinigung (MSV), die Muslimjugend (MJ) und Hilfswerke wie Muslime Helfen e.V.).

Die Aktivitäten der IGD, besonders unter der Jugend, sind darauf ausgerichtet, die derzeit nur auf 1300 geschätzte Mitgliederzahl zu vergrößern. Unter Zuhilfenahme dieses Netzwerks ist die IGD bestrebt, gemeinsam eine neue islamische Identität als europäische „Umma“ (Gemeinschaft) aufzubauen.  Die ideologische Anlehnung an die

Muslimbruderschaft tritt in schriftlichen und mündlichen Äußerungen sowie in der Auswahl von Referenten zutage.

Zwischen den Spitzenverbänden Islamrat und Zentralrat gibt es begrenzte Bemühungen um Zusammenarbeit – z. B. um einen Islamischen Religionsunterricht nach Artikel 7,3 des Grundgesetzes durchzusetzen. Diese Bemühungen scheiterten bisher vor allem wegen eines fehlenden  Ansprechpartners, der für die Mehrheit der Muslime sprechen könnte. Das Bundesverwaltungsgericht hat im Februar 2005 die Frage, ob es sich bei ZMD und IR um Religionsgemeinschaften handelt, an das Oberverwaltungsgericht in Münster zurück verwiesen.

Die beiden Räte und der VIKZ haben kurz danach eine Steuerungsgruppe gebildet, die die notwendigen Strukturen für ein Gremium vorbereiten soll, das den verfassungsmäßigen Erfordernissen für die Einrichtung eines Islamischen Religionsunterrichts entspricht. Die DITIB arbeitet bisher nicht mit diesen Verbänden zusammen.

Die Türkische Union der Anstalt für Religion (DITIB) bildet neben den Spitzenverbänden (IR und ZMD) einen dritten Großverband, der jedoch mit diesen nicht vergleichbar ist. DITIB ist der zahlenmäßig stärkste islamische Dachverband und repräsentiert den vom türkischen Staat kontrollierten sunnitischen Islam (türkisch-islamische Synthese) . Die Religionsbehörde in Ankara – das Präsidium für religiöse Angelegenheiten  (Diyanet)  – beaufsichtigt die von ihr entsandten und bezahlten Imame durch die Konsulate (der DITIB-Vorsitzende ist jeweils der Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten). Führende Diyanet-Vertreter suchen derzeit verstärkt den Kontakt mit der deutschen Politik.

DITIB empfiehlt sich als Ansprechpartner für den deutschen Staat und möchte als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden. Dies erscheint wenig aussichtsreich, so lange die – wenn nicht juristische, so doch faktische –  Abhängigkeit vom türkischen Staat fortbesteht. Über den Vertretungsanspruch von DITIB gibt es widersprüchliche Äußerungen. Einigen DITIB-Funktionsträgern in Köln zufolge erhebt DITIB einen Gesamtvertretungsanspruch für die türkischstämmigen Muslime in Deutschland und strebt, wie es scheint, auch die Deutungshoheit für die theologische Ausrichtung des Islam in Deutschland an.

Ihr wichtigstes Argument lautet, DITIB könne am besten sicher stellen, dass in Deutschland kein fundamentalistischer Islam zum Zuge komme. Der Leiter von Diyanet (Ankara) hingegen sagte kürzlich in Berlin, niemand könne den Anspruch erheben, die Muslime zu vertreten.

DITIB-Imame bleiben in der Regel nur 3 bis 5 Jahre, sprechen kaum Deutsch und sind mit den Lebensumständen der Bürger türkischer Herkunft hierzulande unzureichend vertraut. Die Türkei bemüht sich seit kurzem, zusammen mit dem Goethe-Institut und der Bundeszentrale für politische Bildung, hier einiges zu verbessern. Bisher war es allerdings ein erklärtes Ziel der Religionsbehörde, die „Auslandstürken“ für das Türkentum zu erhalten und deren Loyalität zur Türkei zu befördern. Es gibt Bestrebungen bei DITIB, künftig stärker auf eine Integration der Bürger türkischer Herkunft in Deutschland hin zu arbeiten.

Ein von Diyanet bezahlter Stiftungslehrstuhl in Frankfurt soll Religionslehrer ausbilden. Bei vielen Muslimen steht DITIB in dem (wohl nur bedingt gerechtfertigten) Ruf, einen zeitgemäßeren, moderateren Islam zu vertreten als andere Verbände, so dass sie DITIB-Moscheen bevorzugen. Zu einer Zusammenarbeit mit ZMD und IR ist es bisher nicht gekommen. Eine Ausnahme bildet der „Runde Tisch“ in Niedersachsen.



Aleviten-Gemeinde
Bremen

Zum Spektrum des Islam zählen auch die Aleviten. In der Türkei stellen sie etwa 20 % der Bevölkerung, das sind ca. 12 Millionen. In Deutschland schätzt man ihre Zahl auf 500 bis 600.000. 1990 haben sich die in den 80er Jahren entstandenen Vereine zu dem Dachverband der  Alevitischen Gemeinde Deutschland  (AABF) mit Sitz in Köln zusammengeschlossen. Sie vertritt 96 Vereine mit ca. 12.000 Mitgliedern. Die „Anhänger Alis sind aus dem Schiitentum hervorgegangen.

Sie werden von den Sunniten und Schiiten  als „Ketzer“ (Häretiker) diffamiert und nicht als Muslime anerkannt, weil sie sich in wichtigen Punkten unterscheiden: Sie essen Schweinefleisch, trinken Alkohol, haben keine Moscheen, sondern „Cem-Häuser“, in denen Männer und Frauen gemeinsam beten und feiern, und die Frauen tragen keine Kopftücher. Sie erkennen die Scharia nicht an; sie haben ihre eigene Koraninterpretation, denn  der Koran ist in ihrer Sicht von Sunniten und Schiiten verfälscht worden. Toleranz und Humanität stehen hoch im Kurs. Die Aleviten befürworten die Trennung von Religion und Staat sowie die Demokratie. In der Türkei gehören viele von ihnen zur laizistischen politischen Intelligenz.

Es hat zahlreiche Versuche der „Sunnitisierung“ von Aleviten und blutige Übergriffe gegeben, wie etwa den Brandanschlag am 1.7.1993 in Sivas, bei dem 37 alevitische Künstler und Schriftsteller ums Leben kamen. Ausgrenzungen und Übergriffe gehörten zu den Gründen, weshalb Aleviten ihren Glauben lange Zeit verbargen, so dass auch ihre Lehren erst langsam wieder entwickelt werden müssen. Seit 1997 versucht die aus der Türkei stammende staatsnahe Cem-Stiftung auch in Deutschland, die Aleviten zum Sunnitentum zurückzuführen und tritt damit in Konkurrenz zur AABF. Die Cem-Stiftung soll 10 Vereine und 1000 Mitglieder unterhalten.

Vom orthodoxen Islam abgelehnt wird auch die aus Pakistan kommende Ahmadiyya Bewegung. Die Ahmadiyya Muslim Gemeinde hat ihren Hauptsitz in Frankfurt und wird auf 50.000 Anhänger geschätzt. In Pakistan wird die Bewegung massiv verfolgt. Sie wurde 1974 per Staatsdekret zu Nichtmuslimen erklärt. Viele Ahmadis sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Sie berufen sich mit ihren Lehren auf den Gründer Hazrat Mirza Ghulam Ahmad (gestorben 1908), den sie als neuen (sekundären) Propheten verehren, was sie in den Augen des orthodoxen Islam zu „Ungläubigen“ macht, da es nach Mohammed keinen weiteren Propheten geben könne (Mohammed - Siegel der Propheten)  Wenngleich sich die Ahmadiyya als „Reformbewegung“ versteht, vertritt sie einen traditionalistischen Islam und ist betont missionarisch.

Ein Rat zum Schluß

Die genannten Organisationen sind nur ein Teil der großen Vielfalt islamischer Gruppierungen. In den Gemeinden vor Ort mag es andere, weniger bekannte Gruppen geben. Vor allem mag es dort auch Tendenzen geben, in denen die in den Kurzbeschreibungen erwähnten Elemente nicht unmittelbar erkennbar sind. Wer mit Muslimen in einen Dialog eintritt, dem sei angeraten, sich über die möglichen Verbindungen zu einem der Verbände kundig zu machen. Wie aus den Einzelbeschreibungen hervorgeht, lässt sich nicht immer eindeutig sagen, von welcher Ideologie die Verbandsmitglieder geprägt werden und welche Ziele sie verfolgen. Ein Dialog jedweder Art mit Muslimen sollte auf möglichst klaren Informationen aufgebaut und auf der Grundlage von konkreten Zielen durchgeführt werden, um Enttäuschungen auf beiden Seiten möglichst zu vermeiden. 

25.03.2005 / B. Schmalenberger

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