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Kategorie Migration  

Zwei Drittel der Kinder sprechen kaum Deutsch

10.02.2006: Türkische Zuwanderer stellen die am schlechtesten integrierte Ausländergruppe. Von Stefan Luft

Nur noch Deutsch auf dem Pausenhof? Eltern, Lehrer und Schüler an einer Berliner Realschule haben dies freiwllig vereinbart. Drei Viertel aller Frauen und zwei Drittel aller Männer in Deutschland finden eine solche Vereinbarung gut.

Junge Leute glauben, dass sie zur besseren Eingliederung führen wird und trotzdem protestieren türkische Verbände und die Regierung in Ankara schickt eine Beschwerde an die deutsche Regierung. Warum erscheint eine solche Pflicht notwendig und warum lernen in Deutschland geborene Kinder von Migranten nicht „von selbst“ Deutsch?

Aussiedler-Kinder sprechen viel häufiger Deutsch
 
Laut der im November 2005 veröffentlichten PISA-Studie („PISA 2003“) sind drei Viertel der Jugendlichen mit Eltern aus der Türkei in Deutschland geboren und aufgewachsen. „Umso auffälliger ist, dass weniger als ein Drittel dieser Schülerinnen und Schüler im Alltag überwiegend deutsch spricht und fast 20 Prozent sogar angeben, hauptsächlich die türkische oder die kurdische Sprache zu verwenden.“ [i]

Dabei steht fest, dass die Beherrschung der Unterrichtssprache „eine entscheidende Voraussetzung für den Lernerfolg in der Schule“ ist. [ii] Unter den Zuwanderer-Gruppen gibt es deutliche Unterschiede: Die Aussiedler-Kinder sprechen zu über 40 Prozent überwiegend deutsch, obwohl fast 90 Prozent von ihnen nicht in Deutschland geboren sind. „Umgekehrt stellt sich die Situation für die Jugendlichen türkischer Abstammung dar. Fast drei Viertel von ihnen sind in Deutschland geboren. Aber weniger als ein Drittel gehört zur Gruppe der ‚Deutschsprachigen’“. [iii]

Das Fazit der PISA-Autoren: „Die Gruppe der hier geborenen fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schüler mit Eltern aus der Türkei ist anhand dieser Ergebnisse offenbar als eine Gruppe einzuschätzen, für deren soziale und wirtschaftliche Herkunft eine unzureichende Grundlage besteht.

Nur eine Minderheit von ihnen spricht im Alltag überwiegend deutsch und ihre mit fünfzehn Jahren erreichten Kompetenzen liegen im Durchschnitt auf einem niedrigeren Niveau. Dieser Befund ist alarmierend, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass diese Jugendlichen bereits in Deutschland geboren worden sind, ihre gesamte Schulzeit in Deutschland verbracht haben und diese Gruppe einen relativ großen Anteil in der Bevölkerung aufweist.“ [iv]

Jeder zweite Hauptschüler hat keine berufliche Ausbildung
 
Auffallend ist die hohe Rate von jungen Zuwanderern aus der Türkei, die über keinerlei Schulabschluss verfügen oder einen Hauptschulabschluss erreichen, jedoch keine berufliche Ausbildung abschließen – der Anteil liegt bei 56,1 Prozent. [v] Angesichts der sozialen Herkunft der türkischen Zuwanderer können diese Befunde nicht überraschen.

Mit einer Einschulungsrate von nur 68 Prozent bei Mädchen liegt die Türkei weltweit an 110. Stelle. Landesweit besuchen nach Angaben von UNICEF mehr als 600.000 schulpflichtige Mädchen nicht die Schule. [vi] In einigen Provinzen besucht jedes zweite Mädchen keinen Unterricht.

  Die türkischen Zuwanderer
  sind die größte und zugleich
  am schlechtesten integrierte
  Ausländergruppe

Insgesamt bilden die türkischen Zuwanderer die größte Ausländergruppe und gleichzeitig die am schlechtesten integrierte. Das gilt für das Bildungswesen ebenso wie für den Arbeitsmarkt – Fachleute schätzen die Arbeitslosenquote der Türken in Deutschland auf rund 30 Prozent.

Im schulischen Alltag sind die Lehrkräfte in vielen Fällen mit besonders aggressiv auftretenden Kindern mit islamischem Hintergrund konfrontiert. Die Eltern sind sehr häufig nicht kooperationsbereit. Sie demonstrieren ausgeprägtes Desinteresse gegenüber den Problemen der Kinder und damit auch der Schule.

Hinzu kommt der Einfluss islamistischer Gruppen, sei es der Unterricht durch die „Islamische Föderation“ in Berlin oder anderer islamistischer Gruppen, die in ihrem außerschulischen Unterricht negativ auf die Integrations- und damit auch auf die  Anpassungsbereitschaft der Kinder einwirken. Überkommene Familien- und festgefügte Clan-Strukturen sind es zudem, die die Integrationschancen der Jugendlichen gegen Null tendieren lassen.

Nur Bildung kann Integrationshemnisse überwinden
 
Ein „Quartiersmanager“ aus dem „Rollbergviertel“ in Berlin-Neukölln beschreibt die Lage: „Viele Migranten in der Rollbergsiedlung stammen aus bildungsfernen Schichten; für die stellt Bildung fast keinen Wert dar. Dem zahlreichen Nachwuchs dieser Familien ist in einer Wissensgesellschaft die Dauerarbeitslosigkeit gewissermaßen in die Wiege gelegt. Bildung allein kann Integrationshemmnisse, wie das übermächtige Patriarchat, altertümliche religiöse Bräuche und Aberglaube sowie die totalitäre Macht der Familie, meist des Familienoberhauptes, über den Einzelnen, überwinden helfen.

Nur Bildungsanstrengungen vom Kindergarten an können lebenslange Ausgrenzung verhindern sowie islamistische Rückzugstendenzen eindämmen. In vielen Familien muss bei der Bildung, aber auch bei dem von unserer Gesellschaft erwarteten sozialen Verhalten bei Null angefangen werden. (...) Auch der anhaltende Trend bei vielen türkischen und arabischen Männern, Ehefrauen aus den Heimatdörfern zu 'importieren', sowie der fatale Einfluss der heimatlichen Satelliten-TV-Programme verlangsamen den Spracherwerb erheblich – und somit auch Bildung und Integration.“ [vii]

Der Bildungsstand der Eltern ist wesentlich für den Bildungserfolg der Kinder. „Eine der wichtigsten Ressourcen für Bildungsinvestitionen ist die von den Eltern gesammelte eigene Bildungserfahrung.“ [viii] Das gilt für elterliche Unterstützung bei Hausaufgaben und außerschulischen Lernprozessen ebenso wie für die Kenntnis der Struktur des Bildungssystems, die die Voraussetzung darstellt, sich dort geschickt zu verhalten. [ix] Die Herkunft aus „bildungsfernen Schichten“, Fremdheit gegenüber dem deutschen Bildungssystem, seinen Leistungsanforderungen und Mechanismen kommen erschwerend zu den mangelnden Sprachkenntnissen hinzu.

Bildung kann die wachsende Desintegration stoppen
 
Die „Bildungserfahrung der Eltern entfaltet ihre volle Wirksamkeit nicht zuletzt dadurch, dass sie ganz selbstverständlich zur kontinuierlichen Unterstützung der Kinder im Alltag bereitsteht.“ [x] Bildung ist die notwendige Voraussetzung, um die sich dynamisch entwickelnde Desintegration in den ethnischen Kolonien in deutschen Städten zu stoppen und eine dauerhafte Unterschichtung der einheimischen Bevölkerung durch die Zuwanderer zu vermeiden. „Kinder aus Zuwandererfamilien können in der Regel nur über Bildungsabschlüsse langfristig attraktive und gesellschaftlich anerkannte Positionen im Einwanderungsland einnehmen und damit im Kontext des Einwanderungslandes aufsteigen.“ [xi]

  Warum sollen aus-
  ländische Kinder
  Deutsch lernen,
  wenn sie die Sprache
  in ihrer Umwelt nicht
  brauchen?
Je verfestigter die ethnischen Kolonien in den Städten wurden, desto geringer erschien die Notwendigkeit der sprachlichen Anpassung – zumal die Umgebung ja durchaus „einsprachig“ war – geprägt durch die Sprache des Herkunftslandes. Dies zeichnete sich bereits vor mehr als 30 Jahren ab. So stellte der Sozialwissenschaftler Hermann Müller 1974 fest: „Eine wachsende Aufgabe des Deutschunterrichts ist die Aufhebung kommunikativer Barrieren. Ausländerghettos und reine Ausländerklassen wie –schulen sind solche Barrieren. Warum sollen ausländische Kinder hier Deutsch lernen und sprechen, wenn sie diese Sprache in ihrer Umgebung gar nicht brauchen?“ [xii]

Unkenntnis über die Bedeutung beruflicher Ausbildung
 
Die Gründe für die offensichtlichen Defizite und Probleme liegen unter anderem in der Herkunft aus „bildungsfernen“ Schichten, einer bei vielen Eltern verbreiteten Unkenntnis über die Bedeutung beruflicher Ausbildung und nicht zuletzt bei traditionellen Vorstellungen über das Rollenverständnis von Mädchen. So bewegen sich die Ausbildungsquoten weiblicher Jugendlicher bei türkischen Staatsangehörigen mit 31,8 und bei griechischen mit 32 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt deutscher Auszubildender (54,6 Prozent). [xiii] Insgesamt drückt sich darin eine nicht ausreichende Integrationsbereitschaft aus.

Sie findet ihren Ausdruck auch in fehlenden Deutschkenntnissen im Elternhaus und mangelnder Bereitschaft, die Sprache des Zuwanderungslandes zu erlernen. „Schüler, die aus einem Elternhaus kommen, in dem das ethnische Milieu ausgeprägter ist, besuchen häufiger die Hauptschule. So sind etwa drei Viertel der Schüler mit mindestens einem schlecht deutsch sprechenden Elternteil auf der Hauptschule, während dieser Anteil bei Kindern mit gut deutsch sprechenden Eltern nur die Hälfte ausmacht.” [xiv].

Hinzu kommen nahezu ausschließlicher Konsum ausländischer Medien, mangelnde Information der Eltern über das deutsche Schulwesen und nicht selten ein zu spätes Nachholen der Kinder aus dem Ausland, so dass diesen „Seiteneinsteigern“ die Integration in einen regulären Klassenverband nur schlecht gelingen kann. Kinder, die nach dem zehnten Lebensjahr nach Deutschland geholt werden, besitzen die größte Wahrscheinlichkeit, die Hauptschule zu besuchen, während Kinder der zweiten Generation die niedrigste Wahrscheinlichkeit dafür aufweisen. [xv]

Zuwandererkinder haben schlechtere Chancen
 
Auf den Zusammenhang von Einreise oder Nachzug und Bildungserfolg weist auch der Berufsbildungsbericht der Bundesregierung hin: „Sind Jugendliche außerhalb Deutschlands geboren, steigt der Anteil junger Erwachsener ohne Berufsabschluss stark an (38,1 %), derjenigen über 24 Jahre auf 41,2 %.” [xvi] Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt in seiner Untersuchung über die deutsche Sprachfähigkeit von Zuwanderern zu einem eindeutigen Ergebnis: „Insbesondere die Kinder, die kurz nach der Einreise ihrer Eltern die Schule besuchen, haben deutlich unterdurchschnittliche Bildungschancen und leiden ein (Arbeits-) Leben daran.” [xvii]



Die Kinder werden im Laufe der Schulzeit häufig mit ihren Problemen alleine gelassen. Die Eltern kennen nicht die Leistungsanforderungen deutscher Schulen und die Notwendigkeiten, die sich daraus ergeben. Die notwendige Unterstützung und Förderung durch die Eltern fehlt aber auch noch aus anderen Gründen. So muss auch berücksichtigt werden – und das wird in der öffentlichen Debatte meist ausgeblendet – dass die türkischen Zuwanderer Bildungseinstellungen mitgebracht haben, die den hiesigen ziemlich fremd sind.

„Die Eltern haben aber nicht einfach nur 'Informationsdefizite', sondern eine andere Vorstellung von Schule und Lernen, aus der sich auch die Distanz bzw. eine gewisse Abwehrhaltung der deutschen Schule gegenüber erklärt ... Sie sehen alle Fragen schulischer Bildung und beruflicher Ausbildung zunächst aus der Perspektive ihrer sozialen Vorerfahrung.“ [xviii]

Türkische Eltern lassen den Lehrern freie Hand
 
So hat in der traditionellen türkischen Schulwelt der Lehrer eine völlig andere und sehr viel stärkere Rolle als in Deutschland: „In der türkischen Schulwelt hat der Lehrer einen allgemeinen Erziehungsauftrag, soll gleichsam fortführen, was in der Familienerziehung begonnen und angelegt wurde. (...) Die Eltern lassen ihm nahezu freie Hand und signalisieren damit zugleich die Erwartung, dass er auftretende Konflikte selbst lösen sollte.

Das Verhalten des Kindes in der Schule fällt in das Aufgabenfeld des Lehrers, aus dem sich die Eltern heraushalten werden.“ [xix] Dazu gehört auch das Recht zu körperlichen Strafen, das bis dahin ausschließlich dem Vater vorbehalten war. Dies erklärt unter anderem die immer wieder festgestellte große Distanz und die gering ausgeprägte Mitwirkungsbereitschaft vieler türkischer Eltern in Angelegenheiten der Schule.

  Das türkische
  Bildungswesen
  setzt auf Autorität
  und Auswendig
-
  lernen
Ähnliche Unterschiede bestehen auch im Verständnis des Lernens. Das türkische Bildungswesen setzt immer noch stark auf Autorität und das Auswendiglernen. Nach wie vor „stellen sich türkische Eltern die Schule vor allem als eine Institution mit hierarchischer Ordnung, Disziplinierungstechniken und reproduzierbaren Lernergebnissen vor.“ [xx] Diese Einstellung hat kulturelle Ursachen.

„Die Hochschätzung des Auswendiglernens geht neben Gründen, die für jede Nicht-Schrift-Kultur gelten, auch auf ein religiöses Dogma zurück, nämlich auf die Lehre des Islam, dass nur der Originaltext der arabischen Verse das von Allah gesandte Wort ist und nur die getreue Wiedergabe (in möglichst korrekter Aussprache) die Verbindung im Gebet herstellt.“ [xxi]

Bildungsdefizite haben nicht allein soziale Gründe
 
Zu Recht stellen die Fachleute fest: „Der Auffassungsgegensatz, der zwischen solchen Lernhaltungen und modernen Lehr- und Lerneinstellungen aufbricht, ist fundamental.“ [xxii] Es spricht daher für Unverständnis der kulturellen Zusammenhänge (oder dem Unwillen, sie wahrzunehmen), wenn die Bildungsdefizite – insbesondere türkischer Zuwanderer – ausschließlich auf deren soziale Herkunft und Lage zurückgeführt werden.

Voraussetzung für erfolgreiche Integration sind zuallererst erhebliche Eigenleistungen und eine entsprechende positive Motivation der Zuwanderer. Dies wurde über viele Jahre – in der wissenschaftlichen wie in der politischen Debatte – weitgehend ausgeblendet. So unterscheidet der Politikwissenschaftler Axel Schulte als Ursachen sozialer Ungleichheit zwar zwischen „den Faktoren, die eher bei den Migranten, und solchen, die eher bei der Mehrheitsgesellschaft liegen“, führt aber konkret bei ersteren lediglich „besondere Beratungs- und Fördermaßnahmen“ an, die ihnen zuteil werden müssten. [xxiii] Verstärkte eigene Anstrengungen oder gar ein Einstellungswandel der Betroffenen werden hingegen nicht thematisiert.

Deutschkenntnisse der Eltern sind wichtig
 
Auch eine aktuelle Veröffentlichung des Beauftragten des Senats von Berlin für Integration und Migration legt zwar ausführlich die Zahlen und Fakten zur Schul- und Ausbildungssituation Jugendlicher nichtdeutscher Herkunft dar, beschränkt sich aber in der Analyse auf die Hinweise, dass sprachliche Förderung und Ganztagsschulen notwendig und „ausreichende Deutschkenntnisse der Eltern ... wichtig“ seien und stellt fest:

„Die Erwartung, dass die elementare Bildung eines Kindes im Elternhaus vermittelt wird – eine der Grundannahmen des deutschen Schulsystems – geht an der Realität vieler Familien vorbei.“ [xxiv] Ein Hinweis auf eine unverzichtbare eigene Anstrengung der betroffenen Eltern, fehlt hingegen.

  Drei Viertel aller
  Eltern türkischer
  Herkunft kümmern
  sich nicht um die
  schulischen Belange
  ihrer Kinder
Nach Einschätzung von Ertekin Özcan, dem Bundesvorsitzenden der „Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland“ und Koordinator des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg, kümmern sich drei Viertel der Eltern türkischer Herkunft nicht um die schulischen Belange ihrer Kinder. [xxv]

Das zeigt: Ohne einen grundlegenden Einstellungswandel der Eltern werden alle Integrationsbemühungen weitgehend erfolglos bleiben. Das gilt auch für die dramatische schulische Situation großer Teile der dritten Generation insbesondere der Zuwanderer aus Dritte-Welt- und Schwellenländern: Ein Land wie Berlin wird trotz Haushaltsnotlage nicht umhin können, in den Brennpunktstadtteilen verstärkt Ganztagsschulen zu schaffen.

Elternrecht ist auch Elternpflicht
 
Für eine echte Trendwende wirklich entscheidend ist der Einstellungswandel der Eltern. Ohne die nachdrücklich vermittelte Einsicht, dass Ausländer, die auf Dauer in Deutschland leben und Rechte in Anspruch nehmen wollen, eine Pflicht zur Integration haben, wird es keine dauerhaften Erfolge geben.

Der zunehmend ins Wanken geratende und zwangsläufig auf Kernaufgaben reduzierte Sozialstaat wird zwar Unterstützung geben, aber nicht mehr den Eindruck erwecken können, die erforderliche Integrationsanstrengung weitgehend abnehmen zu können. Nicht von ungefähr spricht das Grundgesetz nicht nur vom „natürlichen Recht der Eltern“ zur Pflege und Erziehung der Kinder, sondern im gleichen Atemzug auch von der „zuvörderst ihnen obliegenden Pflicht“ (GG, Art.6, Abs. 2).

Allein die Tatsache, dass die Integration von Zuwanderern ein derart zentrales Thema für die deutsche Politik ist, zeigt, dass sich die Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eben nicht wie ein Einwanderungsland verhalten und sich die passenden und integrationswilligen Einwanderer ausgesucht hat. „Die klassischen Einwanderungsländer kennen die Integrationsfrage an sich nicht, denn wer geprüft und für passend gefunden wurde, braucht keine gesonderte Integration.“ [xxvi]

Sozialwissenschaftler haben bereits vor Jahren darauf hingewiesen, „dass wir von einem erheblichen interethnischen Konfliktpotential zwischen der ‚einheimischen‘ Mehrheitsbevölkerung und der hier zum großen Teil bereits in der zweiten oder dritten Generation lebenden türkischen Minderheit ausgehen müssen.” [xxvii] Die schulisch gescheiterten und am Arbeitsmarkt erfolglosen Jugendlichen in den ethnischen Kolonien werden sich mit dieser Perspektivlosigkeit nicht abfinden.

Immer stärker und immer häufiger wird die Frustration in Aggressivität und Gewalt umschlagen. Deshalb müssen alle Kräfte darauf verwandt werden, hier die Dynamik der Desintegration zu durchbrechen. Der Vorsitzende des „Verbandes türkischer Unternehmer und Industrieller in Europa, Esref Ünsal, hat zurecht darauf hingewiesen, dass ansonsten „einem nicht zu unterschätzenden Teil der Migrantenkinder und Jugendlichen die Gefahr [droht], den Anschluss an die Informations- und Wissensgesellschaft zu verlieren und integrationspolitisch zu einem unlösbaren Problem zu werden.“ [xxviii]

_____________________________________

[i] PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.): PISA 2003. Der zweite Vergleich der Länder in Deutschland – Was wissen und was können Jugendliche? Münster, New York 2005, S. 279

[ii] ebd., S. 283

[iii] ebd., S. 291

[iv] ebd., S. 294

[v] Kristen, Cornelia: Ethnische Unterschiede im deutschen Schulsyssten, in: APUZ B 21-22/2003, S. 27

[vi] „Türkei: Auf in die Schule, Mädchen!“, http://www.unicef.de/tuerkei_maedchen.html

[vii] Duhem, Gilles: „Soziale Stadt – meine Sicht“, in: Soziale Stadt info 17, September 2005, hrsg. vom Deutschen Institut für Urbanistik, S. 24

[viii] Kirsten, Cornelia; Granato, Nadia: Bildungsinvestitionen in Migrantenfamilien, in: Bade, Klaus J.; Bommes, Michael (Hrsg.): Migration – Integration – Bildung. Grundfragen und Problembereiche (= IMIS-Beiträge 23/2004), Osnabrück 2004, S. 126 

[ix] Vgl. ebd., S. 126 f.

[x] ebd., S. 127

[xi] Kristen, Cornelia: Ethnische Unterschiede im deutschen Schulsyssten, in: APUZ B 21-22/2003, S. 26

[xii] Müller: Deutsch für ausländische Kinder, S. 169

[xiii] Vgl. Loeffelholz, Hans Dietrich von; Hernold, Peter: Berufliche Integration von Zuwanderern. Gutachten im Auftrag der Unabhängigen Kommission „Zuwanderung“ beim Bundesminister des Innern, hrsg. vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung e.V., Essen 2001, S. 68

[xiv] Alba/Handl/Müller: Ethnische Ungleichheit im deutschen Bildungssystem. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 46 (1994) S. 218, 229

[xv] Ebd., S. 224

[xvi] Berufsbildungsbericht 2000. Deutscher Bundestag Drs. 14/3244, S. 65

[xvii] DIW-Wochenbericht 24/01: Deutsche Sprachfähigkeit und Umgangssprache von Zuwanderern, www.diw.de/deutsch/publikationen/wochenberichte/docs/01.24-2.html

[xviii] Leenen, Wolf Rainer; Grosch, Harald; Kreidt, Ulrich: Bildungsverständnis, Plazierungsverhalten und Generationenkonflikt in türkischen Migrantenfamilien, in: Zeitschrift für Pädagogik, 5/1990, S. 758

[xix] Ebd., S. 759

[xx] Ebd., S. 760

[xxi] ebd.

[xxii] Ebd., S. 761

[xxiii] Schulte, Axel: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Demokratie: Lebensverhältnisse von Migranten und staatliche Integrationspolitiken in der Bundesrepublik Deutschland, in: Schmals, Klaus M. (Hrsg.) Migration und Stadt. Entwicklungen, Defizite, Potentiale, Opladen 2000, S. 63 f.

[xxiv]  Ohliger, Rainer; Raiser, Ulrich: Integration und Migration in Berlin. Zahlen – Daten – Fakten, hrsg. vom Beauftragten des Senats von Berlin für Integration und Migration, Berlin 2005, S. 30

[xxv] Vgl. „Die natürliche Zweisprachigkeit fördern“, Interview mit Ertekin Özcan vom 10. April 2003, in: Bildung Plus: http://bildungplus.forum-bildung.de/templates/imfokus_inhalt.php?artid=178&start=0&str1=%D6zcan&str2=&str3=&lib=&art=&details= [11. März 2005]

[xxvi] Schmid, Josef: Bevölkerungsentwicklung und Migration in Deutschland, in: APUZ B 43 (2001), S.29

[xxvii] Schröder, Helmut u. a.: Ursachen interethnischer Konflikte. In: Heitmeyer, Wilhelm; Anhut, Reimund (Hrsg.): Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen, Weinheim, München 2000, S.191 f.

[xxviii] ATIAD-Kurzbericht zur Situation türkischstämmiger Bevölkerung in Deutschland anlässlich des Treffens türkischstämmiger Unternehmer mit dem Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Gerhard Schröder, 22. August 2002, http://www.atiad.org/media/pdf/
Redemanuskript_Besuch_bei_Gerhard_Schroeder.pdf
[17. Mai 2005]

 

10.02.2006 / B. Schmalenberger

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