Herr Dr. Raddatz, Sie haben ein Buch geschrieben über die Frauen in der westlichen und der arabischen Welt. Hat Sie die Rolle der Frau in beiden Kulturen interessiert?
Ich verwende bei meinen Büchern ein im Grunde ähnliches Muster, indem ich islamische Verhältnisse kaum losgelöst, sondern zumeist im Zusammenhang mit der westlichen Geschichte betrachte. Das heißt, ich beschreibe auch unsere eigenen Randbedingungen und Perspektiven, um das Verständnis für den zuwandernden Islam zu erleichtern. In der Frauenfrage ist dies besonders wichtig, weil das Verhältnis der Geschlechter auch in der westlichen Kultur über lange Zeit sehr problematisch war und auch heute teilweise noch ist. Wenn man sich also die Mühe macht, die Situation der islamischen Frau zu analysieren, kann man nicht umhin, auch eine Beschreibung unserer eigenen Entwicklung zu geben. Dabei wird man feststellen, dass es interessante Parallelen gibt.
Können Sie solche Parallelen nennen?
Über viele Jahrhunderte ging es Immer wieder um die Frage, welche Beiträge Mann und Frau zur Entwicklung der Kultur leisten. Dabei hat der christliche Klerus den Frauen die Zugänge versperrt, die ihnen der Stifter dieser Religion eindeutig geöffnet hatte. In diesem Punkt ist man sozusagen insofern orientalisch geblieben, als man in der Frau – ähnlich wie heute noch die islamische Orthodoxie – die Dienerin des Mannes sah. Sie musste ihm sowohl physisch als reproduktives Instrument dienen als auch als metaphysische Stütze, die ihm die Rolle als Kulturträger zu erleichtern hatte.
Gilt das auch im Islam von Anbeginn an?
Islam und Christentum bauen auf verschiedenen Grundlagen auf. Das Christentum bezieht sich sowohl auf orientalische als auch indo-iranische Wurzeln. Bei Jesus verbinden sich jüdische mit zarathustrischen Gedanken, während der Islam aus der eher geschlossenen Situation Inner-Arabiens entstanden ist, die auch kaum an den Mythenstrom des Orients angeschlossen war. Mekka war zwar eine Handelsstadt mit Verbindungen nach außen, die jedoch nicht zu nachhaltigen Einflüssen durch die umgebenden Hochkulturen geführt haben. So blieb die Integration des Weiblichen in das Göttliche auf einer vergleichsweise niedrigen Stufe stehen, die keinesfalls an das Niveau der Babylonier und Perser heranreichte. Demgemäß undifferenziert fielen die Bewachungsformen für die Frau mit Harem und Eunuchentum aus, ein Privileg, das mehrheitlich ohnehin nur für die Reichen in Frage kam. Dennoch zeigt sich die Direktheit dieses Systems im Islam daran, dass bis heute auch der einfache Mann als der Wächter der Frau auftritt. Hinsichtlich der Führung der Frau und der Familie fungiert er als Stellvertreter Allahs, der für die Nachkommenschaft und innere Ordnung verantwortlich ist. Es gehört zu seinen wesentlichen Glaubenspflichten, die männliche Kontrolle zu gewährleisten und die Frau zu bewachen, weil ihre Sexualität auf die Männer beunruhigend wirkt und für die Reproduktion zu reservieren ist.
In der westlichen Kultur hat man hier wohl andere Vorstellungen.
Bis vor gar nicht so langer Zeit haben die christlichen Priester allerdings noch ähnlich argumentiert: Schon Paulus ließ keinen Zweifel daran, dass der Mann das Haupt der Frau ist, eine Sichtweise, die man über fast zwei Jahrtausende durchgehalten hat. Dabei kann nicht übersehen werden, dass der geistige Stellenwert des abendländischen Eheprinzips sich deutlich vom biologischen des Islam unterscheidet. In der islamischen Welt gilt die Ehe als Ort der Sexualität und Reproduktion, während man sie in Europa auch als geistige Gemeinschaft verstand. Dennoch bestehen Parallelen in der „quasi-islamischen“ Kontrolle, welche die Priesterschaft über lange Zeit ausgeübt hat.
Hat die Aufklärung in Europa die Rolle der Frau beeinflusst?
Teilweise ja. Die Aufklärer haben in der Tat einige sehr wertvolle Gedanken zur Frauenfrage entwickelt. Denker wie Montesquieu und Condorcet haben hier Hervorragendes geleistet, blieben allerdings letztlich auch in der Theorie stecken. Sie sprechen über idealisierte Frauenfiguren, die es aber dann in der Praxis nicht gegeben hat oder die nur zufällig entstanden. Die Salons der gebildeten Frauen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts sind erste Anfänge, bei denen Literaten, Politiker und Bankiers in geistvollen Zirkeln zusammen kamen. So etwas hat es im Islam bis auf den heutigen Tag nicht gegeben.
Vielleicht brauchen wir wieder diese Salons?
Angesichts der Bildungsmisere ganz bestimmt. Dafür bedarf es allerdings eines entsprechenden, wirtschaftlichen Engagements. Daran mangelt es ganz gewaltig. Zur Zeit wird die Frau eher wieder in den Hintergrund gedrängt. In der Wirtschaft ist ihre Rolle so unbedeutend, dass man die wenigen Führungskräfte mit Namen kennt.
Hat die Frauenbewegung hier keine Erfolge erreicht?
Ganz im Gegenteil. Durch die Dominanz des Wirtschaftsliberalismus hat der Feminismus nicht nur an Boden, sondern gegenwärtig seine Orientierung verloren. Dieser Trend ist so stark, dass er den weiblichen Intellektualismus, der noch in den 1980er Jahren Beachtliches leistete, zur Bedeutungslosigkeit verurteilt hat. Überzeugende Feministinnen muss man heute mit der Lupe suchen. Auch Frau Schwarzer hat hier neben einigen mutigen Aussagen zur islamischen Frauenrepression keine brauchbaren Perspektiven entwickelt, wohin die heutige Entwicklung der Rolle der Frau führen könnte.
Was sollte also geschehen?
Es dreht sich immer wieder um das, was man den „Zugschub“ nennt: Darunter ist die erwähnte Differenz zu verstehen, die seit Urzeiten zwischen der Kulturrolle des Mannes und der Dienstrolle der Frau besteht. Insofern ähneln sich jetzt beide Kulturen – die westliche und die islamische, die sich im Westen ansiedelt. Die Muslime richten sich immer autonomer in ihrer traditionellen Lebensform ein, während wir keine Anstalten zu ihrer Integration machen und uns dabei selbst zwangsläufig „islamisieren“. Somit entstehen Verhältnisse, die es den Muslimen erspart, westliche Grundrechte zu akzeptieren, was wiederum zu Lasten der Frauen geht.
Und was gilt für die Frau in der westlichen Kultur?
Man sollte sich die fundamentalen Diskrepanzen, die sich in der Machtverteilung innerhalb des Geschlechterverhältnisses bis heute erhalten haben, zunächst einmal konkret bewusst machen. Von einer Gleichberechtigung kann insofern keine Rede sein, als die weibliche Präsenz mit der Höhe der Führungsebenen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft abnimmt. Wir haben es hier mit einer tief reichenden Tendenz zu tun. Der weibliche Einfluss wird fortlaufend „technisiert“, d.h. in der kommerziellen Bilderwelt der Moderne werden die Frauen und ihre Sexualität immer mehr zur Ware. Familie und Ehe verlieren ihren Stellenwert, die westlichen Gesellschaften beginnen zusehends zu vergreisen und öffnen so ein demographisches Vakuum. Dies kann nun vor allem der Islam mit seiner vitalen Reproduktionsdynamik, aber auch seiner aggressiven Ideologie füllen.
Das Interview führte Jochen Denso