Die Unruhen in Frankreich waren kein Aufstand aus bitterer Armut, sie sind vielmehr ein gesellschaftspolitischer Aufschrei: Die jungen Leute, vornehmlich Muslime, gehören zu einer Generation, deren Väter aus dem Maghreb, insbesondere aus Algerien und aus dem subsaharischen Afrika, ins französische Mutterland kamen, formell französische Staatsbürger wurden, sich aber von den Sitten und Gebräuchen und vor allem ihrer Religion nie verabschiedet haben.
Deren Kinder und Kindeskinder sind in einem Frankreich groß geworden, in dem sie an der Peripherie der großen Städte zwar mitten in Frankreich lebten, aber nie bei den Franzosen angekommen sind. „Der Mythos der Integration ist tot,“ schrieb die französische Tageszeitung Le Figaro und fuhr fort: „Die jungen Franzosen arabischer Herkunft wollen sie ja gar nicht.“
An der Peripherie eigene Spielregeln entwickelt
Dass die Jugendlichen die französische Sprache beherrschten und sich in dem Land, in dem sie geboren waren, zumindest verbal verständigen konnten, reichte ihnen nicht. Sie waren in ihrem Dasein an der Peripherie vielmehr nicht nur symbolisch ausgegrenzt. Sie wurden in ihrem eigenen Milieu geboren, sind in diesem Milieu groß geworden und haben über Jahrzehnte dort ihre eigenen Spielregeln entwickelt.
Wenn nicht all zu große Verstöße gegen das Strafrecht zu verzeichnen waren, hat man sie sich selbst überlassen. Nach Erhebungen des französischen Inlands-Nachrichtendienstes DST gab es 1993 schon 843 Immigranten-Viertel, die der Kontrolle der Behörden entglitten waren, 1998 zählte man bereits 818 und im Herbst 2001 weit über 1000.
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Bild: dpa/Picture-Alliance
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Wie im übrigen Europa auch haben die Jugendlichen sich zu Street-Fighting-Gangs zusammengeschlossen, die sich in kleinkriminellen Aktivitäten - Rauschgifthandel, Diebstählen - hervortaten, um zu Geld zu kommen. Die Konfrontation mit dem Strafrecht und der Polizei war damit keineswegs neu.
Sie zieht sich vielmehr wie ein roter Faden über viele Jahre hindurch und es hat immer wieder in der Vergangenheit Auseinandersetzungen gegeben, bisher allerdings keine so massiven und so lang andauernden.
Irreversible Parallelgesellschaften
Letzten Endes ist daraus eine Art von Parallelgesellschaft entstanden, die von beiden Seiten eigentlich nicht gewollt und nicht gewünscht war, die sich aber so hat entwickeln können und die inzwischen irreversibel geworden ist.
Dabei wäre eine andere Entwicklung immerhin vorstellbar gewesen: Schon vor Jahren lebten im 13. Bezirk von Paris 80.000 Chinesen, die eine eigene Kultur geschaffen haben. Sie sind nicht auffällig, sie leben recht gut, sie sind einbezogen und leben trotzdem als kleine Gesellschaft in einer großen Gesellschaft, ganz ähnlich wie andere Chinatowns in anderen Städten außerhalb Asiens.
Diesen Weg sind die jungen Leute aus dem Maghreb und auch ihre Väter nie gegangen. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass sie bei ihren Weg in das „französische Mutterland“ die Vorstellung gehabt haben, als Franzosen akzeptiert und über zwei oder drei Generationen als gleichwertiger Franzose anerkannt zu werden. Für die schon erwähnten Chinesen galt dies keineswegs: Sie haben ihre chinesische Identität immer erhalten wollen. Sie hatten nie als Endziel hundertprozentige chinesisch-stämmige Franzosen sein zu wollen.
Eigene Ärzte, Reisebüros, Gemüsehändler
Mit Deutschland ist diese Entwicklung in Frankreich nicht zu vergleichen. Wir haben hier zwar kleinere Einsprengsel, die im Laufe der Zeit zu einem subkulturellen, kriminellen Milieu (auch eine Art Parallelgesellschaft mit eigenem Kodex) wurden, deren Mitglieder dort durch strafbare Handlungen ihren Lebensunterhalt verdienen.
Die größeren Gemeinden der Türken, die wir gerade in Berlin haben, sind eher vergleichbar sind mit der „Chinatown“ in Paris: man hat seine eigenen Ärzte, Zahnärzte, Reisebüros, Gemüsehändler bis zu Unternehmern die Arbeitsplätze für ihre Landsleute oder auch für Deutsche bereitstellen. Sie haben immer die Möglichkeit die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen und sie leben auch nicht irgendwo an der Peripherie, sondern mitten in der Stadt.
Der Vergleich zu
Frankreich stimmt
bei den Russland-
deutschen, die wir
an der Peripherie
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Der Vergleich zu Frankreich würde dann eher stimmen, wenn diese Türken nicht in der Stadt sondern an der Peripherie in irgendwelchen Plattenbauten untergebracht worden wären. Das haben wir in Deutschland – auch in Berlin – mit einem beträchtlichen Teil der Russlanddeutschen gemacht, die wir an der Periphere unserer Städte ansiedelten.
Dort waren recht wenig kulturelle und soziale Angebote vorhanden und dort war ebenfalls über die letzten Jahre zu beobachten, dass die jungen Leute, die zum Teil noch in Kasachstan geboren sind, sich zu Gangs zusammengeschlossen haben mit dem entsprechenden Konfliktpotential.
Mit Engagement um Dialog bemüht
Es geht also nicht nur um räumliche Trennung und Abschiebung. Der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich liegt darin, dass - vielleicht nicht immer sehr glücklich und auch nicht immer sehr effektiv - politisch Interessierte die Integration der Migranten immer gefordert und auch immer versucht haben, sie zu verwirklichen.
So genannte Ausländerbeauftragte, haben sich früher zum Teil mit großem Engagement bemüht, die Kulturen in einen Dialog zu bringen, so dass zumindest in Ansätzen der Eindruck entstand, sie würden wahrgenommen und zwar als Mitbürger und nicht als eine Art ethnischer Appendix. Die Bereitschaft des Staates die Migranten anzunehmen ist jedenfalls in Deutschland ungleich ausgeprägter gewesen als in Frankreich, das Einwanderer hereingelassen, sie zu französischen Staatsbürgern gemacht und sie dann aber sich selbst überlassen hat.
Welche Gefahren diese Entwicklung bergen kann, zeigt erst der Vergleich mit den Niederlanden: Die Niederlande waren über sehr lange Zeit in ganz Europa als der toleranteste Staat angesehen worden, in dem jeder seines Glückes Schmied war und sich nach seinen Möglichkeiten verwirklichen konnte.
Nach zwei Morden an Pim Fortuyn und van Gogh fragt man in den Niederlanden jedoch sehr kritisch, ob man nicht einem über Generationen hinweg gepflegten und gehegten Traum eines friedlichen Nebeneinanders aufgesessen ist und einiges bei genauerer Betrachtung hätte verhindern können. Durch diese Verbrechen ist man aus seinem Traum aufgewacht, die Integration vieler Kulturen und ein harmonisches Miteinander würden sich als eine Art Selbstläufer entwickeln.
Zwischen Baum und Borke gerutscht
Das war eben in Wahrheit kein Miteinander, sondern ein Nebeneinander an. Ein geduldetes Nebeneinander lässt sich politisch leicht als Toleranz verkaufen. Mit zumindest gleicher Berechtigung wird man ein geduldetes Nebeneinander als einen Ausdruck von Gleichgültigkeit ansehen dürfen.
Die marokkanisch-
stämmigen Nieder-
länder sind bei den
Einheimischen nicht
angekommen, sondern
zwischen Baum und
Borke gerutscht. |
Wenn keine Unruhe in der Gesellschaft entsteht, sieht man mit Vorsatz zu, dass sich in dieser Gesellschaft etwas entwickelt, was nicht urtypisch zu diesem Land und dieser Gesellschaft gehört. Auch hier sind die marokkanisch-stämmigen Niederländer bei den einheimischen Niederländern nicht angekommen und haben zugleich auch ihr Herkunftsland verloren. Sie sind zwischen Baum und Borke gerutscht.
Für diese Generation der Jungen bietet sich eine Rückbesinnung auf die Religion der Väter an. Dies ermöglicht es, die eigene Identität neu zu bestimmen, die dann nicht mehr eigenständig Niederländisch ist. Dann ist man zuerst Muslim, der dann in zweiter Linie in den Niederlanden lebt. Insofern ist die tödliche Gewalt in den Niederlanden sehr viel mehr mit den Anschlägen in London zu vergleichen.
Auch in Deutschland ist im Übrigen diese Hinwendung zur Religion der Väter festzustellen, wie eine höhere Frequenz des Moschee-Besuchs in den türkischen Gemeinden in Deutschland eindeutig zeigt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Anschläge in den Niederlanden wie in Großbritannien von den Tätern her gesehen neu ist:
Der Mord in Amsterdam ist von einem marokkanischen-stämmigen Niederländer verübt worden, der in den Niederlanden zur Welt gekommen ist. In Großbritannien sind die Anschläge von pakistanisch-stämmigen Engländern begangen worden, die in Großbritannien zur Welt gekommen sind.
"Hass-Prediger" beeinflussen junge Leute
Uns wird damit überdeutlich vor Augen geführt, dass auch in Europa in den großen muslimischen Gemeinden Migranten-Kinder hineingeboren werden, deren Lebensläufe der letzten Jahr durch Ereignisse wie den 11. September, die Konflikte in aller Welt insbesondere in der Welt des Islam und durch die Re-Islamisierung geprägt wurden, aber eben auch durch so genannte „Hass-Prediger“ und durch Rückkehrer aus dem Bosnien-, dem Afghanistan- und dem Irak-Krieg, die alle in Europa unterwegs sind und deren Stimmen von jungen Leuten gehört werden.
Diese Veteranen des „Heiligen Krieges“ beeinflussen junge Muslime in Europa insbesondere die, die entweder bereits mit den Strafgesetzen in Konflikt geraten sind und in Gefängnissen einsitzen oder die, die arbeitslos und unzufrieden in den Ghettos hocken. Hier ist das Potenzial in dem die„Talentsucher“ des Djihad fündig werden.
Nun hat in Frankreich und Deutschland im Gegensatz zu den Niederlanden und Großbritannien eine Re-Islamisierung noch nicht im gleichen Umfang stattgefunden. Frankreich unterscheidet sehr stark zwischen Staat und Religion seit 100 Jahren (Laizismus-Gesetz1905).
Drei Viertel der Imame
sind französische Staats-
bürger, aber ein Drittel
beherrscht die Sprache
nicht |
Im Jahr 2004 erregte eine Bestandsaufnahme des französischen Innenministeriums Aufsehen, die ein möglichst genaues Abbild des Islam in Frankreich zum Ziel hatte. Sie machte deutlich, dass zu den rd. 6 Millionen Muslimen in Frankreich 1.200 Imame predigen, von denen drei Viertel keine französischen Staatsbürger waren und ein Drittel die Landessprache nicht beherrschte.
Von den 1685 Moscheen und Gebetshäusern im Lande waren nach Einschätzung der Sicherheitsdienste 50 fest in der Hand von islamistischen Radikalen und in diesen wurde insbesondere die Jugend angesprochen, eine Warnung, die man hätte ernst nehmen sollen.
Das Gewaltpotenzial instrumentalisieren
Das Jugendpotenzial, dessen Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung Frankreich erschütterte, ist ein unüberhörbares Signal, an alle diejenigen, die dieses Gewaltpotenzial für andere Zwecke instrumentalisieren möchten, nicht zuletzt fundamentalistische Muslimbrüder. Sie agieren in einer Subkultur die in ihrer großen Mehrheit aus Muslimen besteht.
Deren Mischung aus Gewaltbereitschaft, Subkultur, Erfahrungen mit Straftaten und die Religion sind geradezu ideale Voraussetzungen für die Werbung angehender Gotteskrieges. Von dort ist der Weg zum Djihad-Terroristen nicht mehr weit. Frankreich hat auch bisher schon Terroranschläge erlebt.
Diese Tätergruppen hatten ihren Ursprung jedoch nicht in Frankreich, sondern beispielsweise in Algerien. Für die Drahtzieher des Terrorismus muss es verlockend sein, solche Gruppen jetzt auch in Frankreich direkt heranzuziehen.
Die Entwicklung, wie wir sie jetzt in Frankreich erlebt haben, ist in einem Zeitraum von ein oder zwei Generationen für kein Land Europas auszuschließen, auch nicht in Deutschland. Hierzulande wird eine solche Entwicklung für die nächsten zwei Jahrzehnte voraussichtlich jedoch noch nicht Platz greifen.
Nach einer oder zwei Generationen könnten wir jedoch ebenfalls mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wir haben also glücklicherweise einen größeren Zeitraum vor uns, den wir nützen können, damit es zu einer solchen Entwicklung nicht kommen muss.