Frau Kelek, die Terroranschläge haben die Öffentlichkeit sehr beunruhigt. Müssen wir mit einer wachsenden Fanatisierung der Muslime in Deutschland rechnen?
Ich muss leider sagen: Ja. Gerade wenn ich die Entwicklung der letzten zwei, drei Jahre betrachte, wie aus einer Suche nach einer neuen Identität die Institutionen – Koranschulen, Moscheen, kleine muslimische Vereine – sich in einem ersten Schritt gebildet und inzwischen eng vernetzt haben und wie diese Institutionen sich in ihren Predigten, die sich seit Jahren verfolge, entwickelt haben. Sie predigen auf auf türkisch, und beten auf arabisch und sie sprechen von der heiligen Sache des Islam, kein Wort über mögliche Integration. Und wenn ich sehe, welchen Einfluss sie auf die dritte und vierte Generation der Einwanderer ausüben, muss leider sagen, dass sich hier Gefahren entwickeln, auf die man ganz genau aufpassen muss.
In religiösen Fragen wollen sich die Jugendlichen laut Ihren Untersuchungen doch sehr individuell entscheiden?
Ich habe inzwischen etwa 200 Jugendliche in Berlin, Hamburg und Bückeburg befragt, die sich alle zum Muslim-Sein bekannt haben. In diesem Muslim-Sein habe ich einen bestimmten muslimisch-türkischen Common Sense, eine Werteorientierung gefunden. Dazu gehören traditionelle Vorgaben – ich muss Gehorsamkeit lernen, also mich meinen Eltern unterordnen. Zugleich wird den Jugendlichen vorgelebt, in der Umma, der Gemeinschaft der Muslime, gibt es die vertikale Trennung: Männer und Frauen sind zwei Gesellschaften.Die Frauen sind das Heim, die Privatheit, die Männer sind die Öffentlichkeit. Das ist der kulturelle Teil dieses türkischen Common Sense. Der religiöse Teil sind die religiösen Vorschriften, die fünf Säulen der muslimischen Religion*). Wenn wir in einer säkularen Gesellschaft darüber sprechen und ich frage: Wer ist ein Muslim? Dann kann er beides sein, ein kultureller oder ein religiöser Muslim. Ein Jugendlicher, der die fünf Säulen genau einhält, muss deswegen übrigens kein Radikaler sein. Jemand, der die fünf Säulen nicht einhält, nur kulturell Muslim ist, kann dagegen durchaus ein Radikaler sein.
Religiös bedingte Verhaltensweisen einerseits oder kulturelle bedingte Verhaltensweisen andererseits geben also keinen Hinweis auf Fanatismus?
Nein, es gibt einen selbstverständlichen und unumstrittenen Verhaltenskodex, eine Werteorientierung. Ich selbst bin beispielsweise in einer säkularisierten Familie groß geworden. Mein Vater war ein Anhänger des Kemalismus. Bei uns wurde im Ramadan immer Wein getrunken, weil er gerade zu diesem Zeitpunkt zeigen wollte: Das dürfen wir, das ist jetzt erlaubt, wir leben in einer Republik. Aber er hat mich genauso streng erzogen, wie dies in einer kopftuchtragenden Familie geschieht: Ab dem 13. Lebensjahr durfte ich nicht mehr selbständig aus dem Haus. Ich habe nie eine Klassenfahrt mitgemacht. Ich habe nie an einem Fest teilgenommen. Ich durfte nicht mit einem deutschen Mädchen befreundet sein, weil deren Freizügigkeit gegenüber Jungs für meinen Vater zu weit ging. Dieses kulturelle Verständnis ist in jeder türkischen Familie vorhanden.
In Ihrer Untersuchung vor ein paar Jahren haben Sie jedoch festgestellt, dass die Jugendlichen in Deutschland sich relativ säkular verhalten.
Ich habe damals eine Haltung des Laisser-faire zu den Anweisungen des Islam gesehen. Jugendliche haben gesagt: Ich bin noch zu jung. Ich möchte das lieber im späteren Alter anfangen. Besonders die Jungs haben sich an die islamischen Regeln kaum gehalten. Ihr Verhalten hat sich auf den kulturellen Kodex beschränkt. Nur bei ihrer Vorstellungen über die Frau gab es immer einen eindeutigen Konsens: Sie muss Jungfrau sei, sie hat sich keusch zu verhalten, sie hat ihrem Mann zu gehorchen. Das stand immer außerhalb der eigentlich religiösen Rituale fest. Jetzt muss ich leider feststellen, dass die beiden Bereiche immer mehr verschmelzen. Die Jugendlichen, die diesen Verhaltenskodex im Kopf hatten - ich muss die Ehre der Familie schützen, ich bin ihr Beschützer – werden jetzt von den Institutionen, den Vereinen gelockt, von den neuen Hodschas. Dafür gibt es überall Beispiele. Da werden Jugendliche nach Saudi-Arabien oder nach Afghanistan auf Koranschulen geschickt. Der Hodscha der Zentrums-Moschee in Hamburg hat sechs Jahre an der islamischen Rechtsschule in Riad Hodscha gelernt.
Ist der Einfluss derWahhabitn stärker geworden?
Ja, das war im Kosovo deutlich zu erkennen. Wenn es um religiöse Auseinandersetzungen oder Kriege geht, sind die Saudis sofort mit finanziellen Unterstützungen zur Stelle. Sie bauen prächtige Moscheen, übrigens in Deutschland und auch in der Türkei. Saudi-Arabien verfolgt hier eine ganz zielgerichtete Politik gegenüber Europa. Es gibt etwas Ähnliches auch von Seiten der Iraner. Was in den letzten 15 Jahren in Deutschland in Bezug auf die Migranten geschehen ist, steht in sehr engen Zusammenhang mit Bestrebungen aus diesen beiden Ländern. Ich habe mit meiner Arbeit 1995 angefangen und habe ganz erstaunt in Berlin eine junge Türkin mit Kopftuch in der S-Bahn gesehen. Das hatte ich in Hamburg noch nie gesehen. Innerhalb von neun Jahre ist es auf unseren Straßen eine Selbstverständlichkeit geworden. Das ist ganz eng verknüpft mit Bewegungen, die ursprünglich von der iranischen Revolution ausgegangen sind. Hier ist eine neue Ideologie, eine neue Form von politischer Identität für alle Islamischen Länder entstanden. Die muslimischen Migranten fühlen sich gegenüber den mächtigen Europäern benachteiligt und ohne eigene Identität. Der Glaube bietet ihnen die Zuflucht, die diese Gesellschaft ihnen offensichtlich nicht bietet..
Kann dies alles in nächsten Jahren wieder ganz anders sein?
Das kann sich nur dann verändern, wenn wir Demokraten jetzt eine offene und ehrliche Diskussion beginnen. Die interreligiösen Dialoge, die heute unter dieser Bezeichnung stattfinden, sind keine offenen Dialoge. Die Islamisten, - auch der Islamrat selbst - sind dazu viel zu geschickt. Ich habe Schriften vorliegen, mit denen die Moscheeführer geschult werden: Sie lernen was die Deutschen hören wollen. Zum Beispiel: Warum sind die Frauen nicht in der Moschee zu finden? Weil sie sich auf Allah konzentrieren möchten und nicht von Männern gestört werden wollen. Der eigentliche Grund, daß die Frauen in der Öffentlichkeit, also auch in der Moschee nichts zu suchen haben, erfährt niemand. Auf die Frage nach der Scharia wird geantwortet. Scharia bedeute der „direkte Fluß zu Allah“. Kein Wort der Abgrenzung, keine Distanzierung vom Vergeltungsrecht. Selbst der Zentralrat der Muslime spricht nur vom „islamischen Recht“ und vermeidet das Wort Scharia. Die politischen Muslime nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die demokratische Gesellschaft bietet.
Deshalb läuft hier eine vollkommen unehrliche Diskussion. Es wird keine wirklich inhaltliche, theologische Auseinandersetzung geführt, bei der ein christlicher Theologe und ein muslimischer Theologe miteinander streiten: Was hat sich in den letzten vierzehnhundert Jahren verändert und wie muß die Religion darauf reagieren? Ich sehe keine ehrliche Reformbewegung innerhalb des Islam. Wenn diese Diskussion in Europa nicht geführt wird, dann sehe ich die Gefahr einer reaktionären Entwicklung.
Entsteht eine Parallelgesellschaft?
Ja, sie ist schon da. In Dortmund, Duisburg, Berlin, Hamburg, in bestimmten Stadtteilen. Ich habe bei meinen Untersuchungen immer wieder diese „Umma“-Einstellung gefunden: Wir sind Muslime, wir müssen zusammenhalten. Selbst wenn alle Erfindungen der Welt oder die Kulturgüter und die Demokratie von diesen „Ungläubigen“ stammen, sind wir Muslime trotzdem die Besseren.
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*) Die „fünf Säulen des Islam“ sind grundsätzliche Pflichten, die jeder Muslim zu beachten hat: Das mündliche Bekenntnis, dass es keinen anderen Gott gibt und Mohammed sein Prophet ist. Das rituelle Gebet fünf Mal am Tag. Die Spende für die Armen. Das Fasten während des Ramadan und der Haddsch, die Wallfahrt nach Mekka
Dr. phil. Necla Kelek wurde in Istanbul geboren. Sie kam im Alter von 10 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland, lernte technische Zeichnerin, bevor sie in Hamburg Volkswirtschaft und Soziologie studierte und in Greifswald zum Thema "Islam im Schulalltag" promovierte. Zur Zeit lehrt sie an der Fachhochschule Hamburg und forscht zum Thema Parallel-Gesellschaften und Zwangshochzeiten. Neben ihrer Lehrtätigkeit macht sie Fortbildungsseminare für Richter und Vollzugsbeamte in Hamburg und Schleswig-Holstein zum Thema „Muslimische Gefangene im Anstaltsalltag“. Sie lebt in Hamburg und hat einen Sohn.