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Kategorie Personen & Institutionen  

Der europäische Fatwa-Rat und die islamgerechte Kapitalbetreuung

15.11.2005: Er ist nicht so europäisch, wie er es selbst verlangt, er verfasst offenbar nicht nur streng gläubige Fatwas und er residiert, wie es scheint, auch nicht, wo er registriert ist: Der europäische Fatwa-Rat. Ein Bericht von Hildegard Becker

In dem Namen „europäischer Rat“ klingt das an, was manche Nichtmuslime als „europäischen Islam“ herbeisehnen – eben das, was man sich zum besseren und friedvollen Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen wünscht:

Ein Islam, dessen Anhänger die Trennung von Staat und Religion, Demokratie, Säkularität, die Menschenrechte in ihrer universalen Fassung - vor allem Frauenrechte - in „europäischer“ Begrifflichkeit und ohne Wenn und Aber akzeptieren und inhaltlich mit tragen. Hat der „Europäische Rat für Fatwa und Forschung“  mit dieser Vorstellung etwas zu tun? Oder ist das eher frommes Wunschdenken?

Der am  29./30. März 1997 auf Initiative der „Federation of Islamic Organisations in Europe“ (FIOE) in London gegründete  „European Council for Fatwa and Research“ (ECFR) möchte die Muslime in Europa auf den rechten Weg Allahs führen, sagt er – mit Rat und Tat sozusagen, durch Forschung, mit Empfehlungen und durch Fatwas; das sind islamische Rechtsgutachten, deren Grad der Verbindlichkeit von Muslimen sehr unterschiedlich gesehen wird. Grundlage ist die angeblich unanfechtbare Scharia – die islamische Rechts- und Lebensweise.[i] 

In dogmatischen Belangen eine Führungsrolle

Hier eine Einschätzung in der freien Enzyklopädie Wikipedia: „Der ECFR, mit Sitz in Irland, besteht aus selbstgewählten islamischen Geistlichen und Gelehrten. Vorsitzender ist Scheich Yusuf al-Qaradawi. Der Rat wird als den islamistischen Tendenzen innerhalb der islamischen Welt-Community (Umma) zugehörig betrachtet..

Der ECFR will eindeutig in allen dogmatischen und folglich auch in allen weltlichen Belangen eine Führungsrolle in der weltweiten islamischen Community einnehmen... Manchmal spricht man von dem Fatwa-Rat auch als dem ‚Islamic Cultural Centre in Ireland‘“.[ii]  Dieses Zentrum spielt in der Tat eine wichtige Rolle für den ECFR.

Der europäische Fatwa-Rat bezeichnet sich als „ein spezialisiertes, unabhängiges Gremium mit Hauptsitz in der Republik Irland“. Seinen „Standort“ gibt der Rat mit  folgender Adresse an: „19 Roebuck Road, Clonskeagh, Dublin 14“. Auf Englisch heißt es: „located at...“ das kann „niedergelassen“ oder „untergebracht“ heißen; außerdem aber bedeutet das Verb „to locate“: orten, aufspüren, ausfindig machen. 

  Die "Location"
  des Fatwa-Rates
  war an ganz
  anderer Stelle
  "registered"

Das ist ein recht amüsanter Sinnzusammenhang; einfach scheint es nämlich nicht zu sein, die „Location“ des Fatwa-Rates zu finden. „Ausfindig gemacht“ haben ein paar junge Leute Anfang des Jahres 2004, dass der Fatwa-Rat, der ECFR, offenbar unter einer ganz anderen Adresse „registered“, also angemeldet war.

Sie lautete: „65 Thomas Street, Dublin 8“. Und die jungen Leute haben diese Melde-Adresse auch „aufgespürt“. Was sie dort vorfanden, hat „aaron“ am 1. Februar 2004 in einem Forum von „Haganah“ gepostet, also öffentlich mitgeteilt [iii]: Er schrieb: „Wenn man dort hin geht, findet man dies“: 

http://www.dublinpubscene.com/thepubs/oneills3.html

The Definitive Guide to the Pubs of Dublin
A Member of Dublin Tourism
O'Neills
65 Thomas Street
Dublin 8
Ph: 01-4542070

Es erschien den Beobachtern nicht sehr wahrscheinlich, dass in einem Haus mit der Tourismus-Werbung für einen Dubliner Kneipenführer ein Treffen des Islamischen Fatwa-Rates stattfinden sollte. Sie riefen den Hausbesitzer an. Er bestätigte, dass diese Liegenschaft nicht bewohnt sei, auch nicht eine Etage höher oder nach hinten hinaus. 

Sie gingen weiter und stießen unweit davon auf ein imposantes Gebäude, das schon eher nach dem Fatwa-Rat aussah – nämlich in 19 Roebuck Road, Clonskeagh, Dublin 14.  Einen Hinweis auf den ECFR fanden sie freilich auch hier nicht, jedoch ein Schild mit der Aufschrift „Islamic Cultural Centre of Ireland“ (ICCI).

Kooperation mit der als extremistisch  eingestuften Milli Görüs

In diesem „Islamischen Kulturzentrum von Irland“ hat der ECFR (nach einer Sitzung im Jahr 1999, die bei der als „extremistisch“ eingestuften „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ in Köln stattfand) wohl in der Tat schon mehrfach seine Jahrestagungen abgehalten.[iv] Und hier befindet sich auch die „Al-Maktoum Charity Organisation“, die zu jenen drei Organisationen gehört, die Wikipedia als Kooperationspartner des ECFR benennt (neben der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ und der oben schon erwähnten FIOE).[v]

Was es mit dem unbewohnten Haus als fiktive Registrieradresse auf sich hat, ist nicht bekannt. Doch verleitet dieser Umstand natürlich zu Spekulationen. Vielleicht gab es ja Gründe, um die enge Verbindung des sich als „unabhängig“ verstehenden Rates zu dem Islamischen Kulturzentrum von Irland und Al-Maktoum dezent zu verschleiern? Wer weiß? Warum aber hat sich der Fatwa-Rat überhaupt gerade in Dublin niedergelassen? Da könnte man auf böse, doch vielleicht gar nicht so abwegige Gedanken kommen. 

  Prominente Muslime
  nutzen Dublin als
  Standort für ihre
  Finanzgeschäfte
Wenn man versucht, sich auf einschlägigen Websites im Internet kundig zu machen, ist man jedenfalls erstaunt festzustellen, dass zahlreiche prominente Muslime den Standort Dublin für Finanzgeschäfte nutzen, wie das ja viele andere Geschäftsleute auch tun.

Wegen der günstigen wirtschaftlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen hat sich nämlich in Irland ein großer Teil der „grünen Hochfinanz“ niedergelassen. Und zu den in diesen Islam-Geschäften involvierten Scheichs gehören auch mehrere Mitglieder des Europäischen Fatwa-Rates, wie etwa der Vorsitzende, Scheich Yusuf al-Qaradawi, Scheich Abdul Sattar Abu Ghuddah (Saudi-Arabien) und Dr. Abdullah bin Suleiman Al-Manai (Saudi-Arabien).  

Verwirrendes Beratungs-Netzwerk 

Schaut man in die Listen von global agierenden Firmen, so stellt man fest, dass diese sich gern mit Namen von islamisch gebildeten Scheichs schmücken, zu denen auch Ratsmitglieder des ECFR gehören, die sich ausgiebig mit der ‚islamgerechten‘ Beratung von Firmen und ihrer Mitarbeit in Aufsichtsräten beschäftigen – und man kann wohl davon ausgehen, dass das nicht ohne entsprechende Vergütung geschieht.

So muss man sich wohl um die Finanzierung der da’wa“ („Einladung zum Islam“ = islamische Mission) keine Sorgen machen. Das Netzwerk und der Umfang des von Scheichs und Islamgelehrten  „mitbetreuten“ Kapitals scheint so verwirrend und groß, dass einem schon mal der Atem stocken kann.  Und unter vielen anderen Scheich-Namen tauchen auch immer wieder die oben genannten Namen auf, wenn es um Firmen geht, die sich auf islamisches Kapital spezialisiert haben. Hier einige Beispiele:   

So hat die ADIG Clients PLC ihren eingetragenen Sitz im Commerzbank House, Guild Street, I.F.S.C., P.O. Box 2747, Dublin 1, Irland, mit der Verwaltungsgesellschaft CICM Fund Management Limited unter derselben Adresse; auch Rechtsberater und Rechnungsprüfer sowie Broker (Goodbody Stockbrokers) und Treuhänder (AIB/BNY Trust Company Ltd.) haben ihre Büros in Dublin. ADIGs Anlageberater und Co-Vertriebspartner ist die COMINVEST Asset Management GmbH, Platz der Einheit 1, 60327 Frankfurt am Main.

Und – wichtig für unser Thema: der Schariakoordinator und Co-Vertriebspartner ist die Al-Tawfeek Company for Investment Funds Ltd. mit außereuropäischem Sitz, nämlich Second Floor, West Wind Building, Harbour Drive, George Town, Grand Cayman, Cayman Islands, (British Virgin Islands). Al-Tawfeek – so erläutert ADIG Clients PLC – ist eine Tochtergesellschaft der Dallah Al-Baraka-Gruppe, Djidda, Saudi-Arabien, „ein großer Konzern im Nahen Osten mit einem Gesamtvermögen von mehr als 7 Milliarden US-$, der in mehr als 40 Ländern tätig ist und ausgedehnte wirtschaftliche Kontakte in den Weltmärkten hat.“[vi]

Anlageberatung nach Schariarecht

Der Leser der Website erfährt auch interessante Details über den Schariabeirat und seine Mitglieder: Die Verwaltungsgesellschaft bestellt auf Grund der Vorschläge des Schariakoordinators einen Beirat von Schariaberatern, der aus bedeutenden Schariagelehrten besteht, die den Anlageberater hinsichtlich Auswahlkriterien für die Anlage und Wiederanlage der Vermögenswerte des Fonds in einer Weise beraten, die mit den Grundsätzen des Schariarechts vereinbar sind.“ Der Schariabeirat besteht aus fünf Personen. Zu ihnen gehören:

Scheich Abdullah bin Suleiman Al-Manai,

Scheich Dr. Yousef Al Qardawi,

Scheich Dr. Adbdul Sattar Abdul Kareem Abu Ghuddah.

Alle drei sind Mitglied im Europäischen Rat für Fatwa und Forschung (ECFR). Scheich Abu Ghuddah ist außerdem „seit 1991 Schariaberater der Dallah Al-Baraka-Gruppe sowie mehrerer Finanz-, Bank- und Verwaltungsinstitutionen. Und er ist auch für den Dow Jones Islamic Market-Index als Schariaberater tätig“, wie man bei ADIG erfährt. 

  Scheich al Qaradawi
  hat so viele Funktionen,
  dass er nur als "Mitglied
  und Berater zahlreicher
  Bildungs-, Verwaltungs-
  und Wirtschaftsinstitu-
  tionen" genannt wird.
Und Scheich Al-Manai ist „derzeit Mitglied des Prominent Scholars Council und des Beirats mehrerer islamischer Finanzinstitute, so auch der Dallah Al-Baraka-Gruppe“. Was Scheich Al-Qaradawi betrifft, so hat dieser offenbar derart viele Funktionen im Finanzbereich inne, dass über ihn nur mitgeteilt wird, er sei “Mitglied und Berater zahlreicher panislamischer Bildungs-,Verwaltungs- und Wirtschaftsinstitutionen“.

So sind die ehrwürdigen Scheichs viel beschäftigt und treffen sich in den verschiedensten Unternehmen immer wieder. Etwa im „Sharia Board“ der Arcapita Bank Company, wo Scheich Al-Manai (alias Al-Menea) Vorsitzender und Abu Ghuddah (alias Ghodda) Mitglied ist.[vii]  Oder in der Al Tawfeek Company for Investment Funds, diesmal mit Scheich Abu Guhddah als dem Vorsitzenden des Scharia-Beirats ;[viii] 

Oder im  Al Sukoor European Equity Fund (mit Sitz in Dublin – Commerzbank-Gruppe), in dessen Sharia Advisory Board außer den Scheichs Muhammad Al-Mokhtar Al Salami und Mohammed Taqi Al-Usmani alle drei schon genannten ECFR-Mitglieder ( Scheich Abdullah bin Suleiman Al-Manai, Scheich Dr. Yousuf Al Qardawi und Sheikh Dr. Abdul Sattar Abdul Kareem Abu Ghuddah) sich zusammen finden. Viele Fonds sind auf verschiedene Weise ihrerseits vernetzt mit der mächtigen Dallah Al-Baraka-Gruppe, wo man wiederum die gleichen Namen im Scharia-Beirat wiederfindet. Das ließe sich vielfach fortsetzen.

Der "islamische Kapitalismus" und der Westen

„Arab News“ berichtete am 20.6.2005[ix], unter Berufung auf einen saudischen Investment-Spitzen-Experten, die Staaten des „Gulf Corporation Council“ (GCC) hätten in den letzten zehn Jahren das beste Investment-Klima im Bereich der islamgerechten, Scharia-konformen Fonds, z.B. der GCC Equity funds, Bahrain, oder von “SHUAA Capital“ – auch hier wieder mit Ghuddah, Al-Manai unter den Mitgliedern des Scharia-Beirats.

Die gelehrten Scheichs in den Scharia-Beiräten werden als eine der „finanziellen Waffen“ der großen Global players, wie der Dallah Al-Baraka-Gruppe (vertreten in 40 Ländern), betrachtet. Der „islamische Kapitalismus“ weiß offenbar mit dem verpönten materialistischen Westen durchaus bestens umzugehen.

Das zinslose Banking und Anlagengeschäft ist zwar deutlich auf dem Vormarsch, doch geht es einigen Leuten noch zu schleppend voran. Das mag u.a. daran liegen, dass einigen Muslimen, denen das ganze Bankwesen nicht passt, selbst diese Art von Scharia-treuen Anlagemöglichkeiten nicht islamisch genug sind.

  Die "unislamisch", also
  verzinsten Auslands-
  anlagen belaufen sich
  auf mehrere hundert
  Milliarden  Dollar. Sie
  haben mehr Geld im
  Ausland als in ihren
  eigenen Ländern.
Es mag aber auch an den zahlreichen muslimischen „Reichen“ liegen. Deren „unislamische“ (verzinste) „Auslandsanlagen belaufen sich nämlich auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar“, weiß Prof. Dr. Udo Steinbach vom Deutschen Orient-Institut in Hamburg.  „Das heißt, die Ölprofiteure haben mehr Geld im Ausland als in ihren eigenen Ländern. Und diese Gelder werden nach professionellen Prinzipien der Geldanlage, d.h. mit Zinsen, verwaltet.“[x]

Dennoch ist der Boom des (zinslosen) islamischen Wirtschaftens nicht zu unterschätzen, und zum Erfolg tragen Scheichs und Islamgelehrte aus aller Welt bei, die für die Einhaltung der Scharia benötigt werden. Besonders im Aufwind sind die Käufergruppen auf den Immobilien-Anlagemärkten. 

So ist nach Auskunft des Direktors der TMW Pramerica Immobilien GmbH, Paul Devonshire, „ein 300 Millonen Dollar Eigenkapital schwerer Islamic Equity Fund auf der Suche nach lukrativen Immobilien-Investments in Lissabon, Luxemburg, Warschau und Paris“, wie DIE WELT am 9.11.2005 berichtete. Islamisch verbotene Zinszahlungen werden bei diesen Immobilien-Fonds über Zwischenkonstruktionen in erlaubte Mietzahlungen umgewandelt. 

Das weltweite Volumen der Finanzinvestments aus islamischen Ländern beträgt nach einer neuen Studie rund 500 Milliarden Dollar, mit steigender Tendenz.[xi]  Das haben auch mehrere Banken in den USA und vor allem jetzt auch in Europa erkannt. So macht es denn durchaus Sinn, dass  deutsche Banken, wie etwa die Commerzbank, Abteilungen für zinslose islamische Geldgeschäfte eingerichtet haben.

Auf diese Weise können sie sich eine Scheibe vom süßen Kuchen der Islamwirtschaft abschneiden. Wenn Zinsen im Islam verboten sind, müssen auch Banker flexibel sein und sich solchen Geldgeschäften zuwenden, die „halal“, d.h. islamgerecht sind. Die Kundschaft ist schließlich nicht zu vernachlässigen.[xii]

Ein Drittel nichteuropäische Mitglieder

Lästermäuler unter den Kennern der islamischen Geldwirtschaft behaupten übrigens, für den „European Council for Fatwa and Research“  sei die geistliche Betreuung der Muslime in Europa nur ein Nebenprodukt. Das mag übertrieben sein, doch bieten die Aktivitäten des Rates auf jeden Fall die Möglichkeit, bei den Muslimen in Europa das „richtige“ Bewusstsein zu wecken und so das Potential zu erweitern, das sich beim gottgefälligen islamischen Wirtschaften zur höheren Ehre Gottes und des Geldbeutels von Funktionären und Organisationen trefflich nutzen lässt. 

  Der Vorsitzende des
  "europäischen" Rates,
  al-Qaradawi, ist
  Ägypter mit Wohnsitz
  in Qatar, ein Drittel der
  Mitglieder sind keine
  europäischen Bürger

Dabei kann es ja durchaus von Nutzen sein, dass der Vorsitzende des ECFR, der durch den Fernsehsender El-Jazeera überall in der Welt bekannt gewordene Scheich Yusuf al-Qaradawi, ein Ägypter mit Wohnsitz in Qatar ist und dass mehr als ein Drittel der Ratsmitglieder aus arabischen, afrikanischen und asiatischen Ländern kommt – was zunächst ja (zumindest aus Sicht von Europäern) für einen „europäischen“ Religions-Rat etwas seltsam anmutet.

Und schließlich gehört zu den Bedingungen dafür, dass ein Muslim Ratsmitglied werden kann, laut Satzung nicht nur, dass er einen einwandfreien islamischen Lebenslauf und einen guten Ruf sowie islamrechtliche Qualifikationen vorweisen muss –  wobei ausdrücklich Wert darauf gelegt wird, dass „die Konstanten der Scharia“ (des islamischen Rechts) eingehalten werden –, sondern er muss auch „resident“ eines europäischen Landes sein, also seinen Wohnsitz in einem europäischen Land haben.

Doch hat man wohlweislich einen Passus eingefügt, der besagt, dass Ausnahmen für Gelehrte gemacht werden können, „die außerhalb des europäischen Gebiets“ leben. Die Zahl von Nichteuropäern darf aber höchstens ein Viertel der Ratsmitglieder ausmachen.[xiii] Derzeit kommen allerdings 12 der insgesamt 32  ECFR-Mitglieder – das ist mehr als ein Drittel – aus außereuropäischen Ländern.[xiv]

Der ECFR hat auch Unterausschüsse für Frankreich und England eingerichtet. In Deutschland gibt es noch keinen solchen Unterausschuss. Vielleicht ändert sich das ja mit Blick auf die erwarteten Wachstumsraten des Scharia-Kapitals von 12 bis 15 Prozent; und auch für den Fall, dass es der „Steuerungsgruppe“ verschiedener islamischer Verbände im nächsten Jahr gelingen sollte, einen größeren Teil der Muslime in Deutschland zu einem Verbund zu vereinen, der als „Ansprechpartner“ für staatliche Stellen akzeptabel ist. 

Möglicherweise haben dann ja Yusuf al-Qaradawi und seine ECFR-Scheichs das Bedürfnis nach einer offiziellen Repräsentation auch in Deutschland? Inoffizielle Strukturen der „Muslimbruderschaft“ (MB) gibt es hierzulande schließlich schon lange. Und viele deutsche MB-Anhänger haben enge Verbindungen nach Frankreich, Holland, Belgien und England. Als Beispiel seien die engen Verbindungen zum „Institut Européen des Sciences Humaines“ bei Chateau Chinon in Frankreich genannt, das im Schatten der Muslimbrüder steht[xv] und durch einen besonders wichtigen Muslim-Funktionär Frankreichs, Scheich Dr. Ahmad Jaballah, im Europäischen Fatwa-Rat vertreten wird.

Keine Distanzierung der deutschen Muslime

Der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi, ist also in dem europäischen Fatwa-Rat bei weitem nicht der einzige Scheich mit engster Nähe zu dieser ideologisch gefährlichen, dem politischen Islam zuzurechnenden Bruderschaft.

Und er ist auch nicht der einzige (wenngleich der bekannteste), der Selbstmordattentate in Irak und Palästina ausdrücklich billigt. Distanzierende Äußerungen von Seiten islamischer Verbände in Deutschland mit Blick auf den Europäischen Fatwa-Rat sowie auf einige fragwürdige islampolitische Thesen und Ideologien ihres Vorsitzenden sind nicht bekannt. Einen „Islam europäischer Prägung“ propagieren mehrere Scheichs aus diesem Kreis jedenfalls kaum.[xvi]

Doch gibt es unter den ECFR-Mitgliedern offenbar durchaus Nuancen in Bezug auf ihre ideologische Ausrichtung. Da wäre etwa der aus Mauretanien stammende und in Saudi-Arabien niedergelassene Scheich Abdullah bin Bayyah zu nennen. Einige seiner öffentlichen Äußerungen bezüglich der Situation in Frankreich klingen hoffnungsvoll. Sie zielen auf eine „positive Koexistenz“ der Menschen aus verschiedenen Kulturen in Europa ab, in der „die gemeinsamen Werte des Bürgertums“ im Vordergrund stehen sollen.

Die Erziehung der Muslime müsse darauf ausgerichtet sein, dass die „Harmonie [des Muslims] mit sich selbst und mit seiner Umwelt, mit den Werten und der Zivilisation gefördert werden.“ Bayyah meint: „Auf diese Weise wird aus dem muslimischen Franzosen ein französischer Muslim.“ Zur Erläuterung fügt er hinzu: „Unser Apostolat (!) muss sich in diesem Rahmen vollziehen, im Respekt vor den republikanischen Werten, der öffentlichen Ordnung und der toleranten Laizität. [xvii] 

Der Islam-Fachmann für muslimische Minderheiten, Scheich Abdullah bin Bayyah, betont, dass die Muslime in Frankreich (und in Europa) nicht danach trachten sollten, die Scharia-Gesetze in Europa anzuwenden. Sie sollten ihren Islam unter sich und für sich leben. Und der Dschihad für die Muslime in Europa bestehe nicht im Kriegführen – „euer Djihad, euer Kampf besteht darin, die Werte der Toleranz zu propagieren, anderen vom Glauben zu erzählen, das Image eurer Religion zu pflegen und im Dienst eures Vaterlandes zu wirken... Das ist eure religiöse und nationale Pflicht.“

Eine solche Sichtweise scheint jedoch im „European Council for Fatwa and Research“ nicht sonderlich stark vertreten zu sein.



[i] "the Shari`ah cannot be amended to conform to changing human values and standards, rather, it is the absolute norm to which all human values and conduct must conform; it is the frame to which they must be referred; it is the scale on which they must be weighed." 

(Die Scharia kann nicht verändert werden, um wechselnden menschlichen Werten und Standards zu entsprechen. Vielmehr ist sie die absolute Norm, der sich alle menschlichen Werte und Verhaltensweisen angleichen müssen. Sie ist der Rahmen, auf den sich diese beziehen müssen. Sie ist die Messlatte, an der sie gemessen werden müssen)

http://www.islamonline.net/fatwa/english/FatwaDisplay.asp?hFatwaID=61551

[v] Cooperation with other islamic organisations in Europe:

1.       Al-Maktoum Charity Organisation, Dublin, Ireland

2.   Milli Gurus (German and other sections)

      3.   Federation of Islamic Organisations in Europe

[viii] ditto

[x] 'Der islamische Fundamentalismus hat mit dem Islam wenig zu tun‘. Chat mit Prof. Udo Steinbach, Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg. Abgelesen 20.9.2005.

http://www.politik-digital.de/salon/transcripte/usteinbach_transcript.shtml

[xi] 9.11.2005: Die Welt. „Islamisches Geld erobert die Märkte“. Von Robert Ummen und Markus Gärtner: Studie des Maklerverbundes der Royal Institution of Chartered Surveyors (RICS)

[xii] „halal“: die Anlagen unterliegen den Anforderungen der islamischen Rechtsordnung (Verbot von Zinszahlungen, Verbot von Geschäften mit „unsauberen“ Branchen wie Alkohol, Erotik und Wettbüros)

[xiv] (4 aus Saudi-Arabien, 2 aus Qatar, 2 aus Sudan, 1 aus Libanon, 1 aus Mauretanien, 1 aus Kuweit, 1 aus Pakistan) 

[xv]  Herbert L. Müller: „Islamische Organisationen in Deutschland – eine Herausforderung der Demokratie?“ in EZW- Materialdienst 10-11/2001 http://www.ekd.de/ezw/5885.html

[xvi] zu Yusuf al Qaradawi siehe auch Hildegard Becker: Gefährlicher Aktivist mit religiösem Anspruch“, 09.10.2004:

[xvii]  Referat von Scheich Abdallah Bin Bayyah in Bourget (Frankreich) über „Fatwa und Rechte der Minderheiten“

http://www.bladi.net/modules/newbb/sujet-18900-6
-conference-de-shaykh-abdallah-bin-bayyah.html

15.11.2005 / B. Schmalenberger

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