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Kategorie Personen & Institutionen  

Repräsentative Zahlenspielerei - Islam-Politik mit Statistik?

23.08.2005: Die "Frühjahrs-Umfrage" des "Zentral-Instituts Islam-Archiv Deutschland" gibt als eine der wenigen Quellen, einen scheinbar verlässlichen Einblick in das Innenleben der Muslimischen Gemeinschaft. Skepsis ist jedoch angebracht, sagt Hildegard Becker

Zunächst Allgemeines: Die „Frühjahrsumfrage“ des „Zentral-Institut Islam-Archiv“ (ZIIAD) vom 1. Juli 2005 enthält keine Informationen darüber, nach welchen Kriterien oder wissenschaftlichen Prinzipien, mit welchem Instrumentarium und mit Hilfe welcher Fachleute die Informationen gesammelt, bewertet und eingeordnet worden sind – nicht einmal andeutungsweise.

Ein Schwerpunkt der Fragen lag, wie es scheint, auf dem Feld des christlich-islamischen Dialogs. Das ist auch ein Schwerpunkt der Kirchen, doch sie kommen nicht gerade gut weg.

Zahlen über den Daumen gepeilt

Bei den Verbands-Zahlen handelt es sich anscheinend um reines Über-den-Daumen-Peilen. Es wird nicht einmal erwähnt, dass es exakte Zahlen faktisch nicht gibt und aus verschiedenen Gründen gar nicht geben kann.

Für den Islamrat gibt das ZIIAD die Zahl von 147.000 Mitgliedern an, für DITIB 120.000, so dass der Eindruck entsteht, der Islamrat sei der größte aller islamischen Verbände und die dem türkischen Staat eng verbundene DITIB nur die zweitgrößte.

Fachleute wissen, dass das nicht stimmt. In etwa zutreffend sind vielmehr die folgenden Zahlen: Der Islamrat selbst gibt an, er habe 37 Mitgliedsvereine. Die Mitgliederzahl wird von einigen Experten auf ca. 40.000 – 60.000, von anderen wiederum auf 100.000 geschätzt.

Beim „Zentralrat der Muslime“ (ZMD) gibt es derzeit 19 Vereine, und man kann von ca. 15.000 - 20.000 Mitgliedern ausgehen. DITIB unterhält nach eigener Aussage 867 Moscheevereine mit selbst geschätzten 130.000 Mitgliedern.

Etwas verblüfft stellt man fest, dass das ZIIAD die Nurculuk-Bewegung mit angeblich 12.000 Mitgliedern separat aufführt, obwohl sie Islamratsmitglied ist. Wegen der hohen Zahl für den Islamrat (147.000) ist zu vermuten,dass hier doppelt gezählt wurde (einmal enthalten in der

Zahl des Islamrats und zum anderen separat gezählt). Doppelzählungen dieser Art sind eine aus derVergangenheit nur zu bekannte Täuschungsmethode mehrerer Verbände.

  Doppelzählungen
  sind eine bekannte
 Täuschungsmethode
  der Vergangenheit

Die separate Aufführung der Nurculuk sei angeblich auf Wunsch der Bewegung selbst geschehen, heißt es. Eine Begründung dafür fehlt. Auch erfährt man nicht, ob die aus der Nurculuk-Bewegung hervor gegangene, auch in Deutschland erstarkte Bewegung des Fethullah Gülen hier mit einbezogen worden ist. Vielleicht ist sie ja schlicht weggelassen worden. Weil sie dem Islamrat nicht angehört? Fragen über Fragen.

Überraschende Zuwächse in einem Jahr

Die Beweggründe dafür, dass die Mitgliederzahl des ZMD für 2004 mit 12.000 und für 2005 mit 35.000 angegeben wird, bleiben ebenfalls im Dunkeln. Mit der Faktenlage hat das wenig zu tun, denn es gibt beim ZMD innerhalb des vergangenen Jahres sicher keinen Zuwachs von 21.000 Mitgliedern (das wäre ein Zuwachs um fast 200 %).

Einige Fachleute vermuten vielmehr, dass der zahlenmäßig bei weitem größte (türkische) ZMD-Verband ATIB Mitglieder verloren habe. Und über die Gründe des ZIIAD-Leiters, dem ZMD im vergangenen Jahr nur 12.000 Mitglieder „zuzugestehen“, kann man höchstens spekulieren.

Jedenfalls wurde im Jahr 2004 mit dieser niedrigen Zahl der Eindruck erweckt, als solle damit die Bedeutungslosigkeit des Spitzenverbandes ZMD augenfällig gemacht werden. Dass die ZMD-Zahl nunmehr mit 35.000 angegeben wird, deutet darauf hin, dass es für das ZIIAD Gründe gibt, diesen Eindruck wieder rückgängig zu machen.

Bleibt noch die Fußnote zu erwähnen, in einer anderen epd-Veröffentlichung werde die Zahl mit 20.000 angegeben. Und schließlich hat man einen erläuternden Kommentar bei den angeblich 147.000 Islamrats-Mitgliedern nicht für nötig befunden, und so fällt das unterschiedliche Vorgehen eben auf

Bezüglich der eigens aufgeführten „Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen“ (IRH) ist die in der ZIIAD-Umfrage nicht erwähnte Tatsache zu berücksichtigen, dass deren 11.000 Mitglieder Einzelmitglieder sind, von denen einige wiederum Mitglied im ZMD, die meisten jedoch Mitglieder der IGMG, also des Islamrats sind – auch hier also lässt sich wiederum auf eine Doppelzählung schließen.

  Horrende Zahlen-
  spielchen, die man
  nicht weiter ernst
  nehmen muß

Da die horrenden Zahlenspielchen der Großverbände aus der Vergangenheit bekannt sind, muss man das alles nicht weiter ernst nehmen Da sprach der Islamrat mal von 900.000 und der Zentralrat von 800.000 Muslimen, wenn auch nicht als Mitglieder, aber als Muslime, die sie zu vertreten glaubten.

Und nach Angaben einiger DITIB-Führungskräfte aus der Vergangenheit vertritt dieser (türkische) Verband gar 74 % ALLER Muslime in Deutschland – das wären rund 2,5 Millionen, was nicht gut möglich ist, denn es gibt insgesamt nur etwa 2,2 Millionen Türken in Deutschland (einschließlich Aleviten). Interessengeleitete Schätzzahlen allerdings in einer Umfrage, die sich als repräsentativ verstanden wissen möchte, derart schlicht als Fakten auszugeben, ist schon dreist.

Hier ein paar Kostproben aus der ZIIAD-Umfrage:

"Die in Hamburg zusammen gekommenen Verbandsvertreter unterstrichen eine nie da gewesene Solidarität mit der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG)", heißt es. Gemeint ist das erste Treffen Anfang dieses Jahres, um eine Einigung der Muslime für einen bundesweiten „Ansprechpartner“ in Gang zu bringen. 

Was will uns dieser Satz besagen? Da kann man nur spekulieren: Milli Görüs (IGMG) wird vom Verfassungsschutz seit Jahren als extremistisch-islamistische, wenn auch gewaltfreie Organisation eingeordnet und beobachtet.

"Nie dagewesene Zustimmung" zur IGMG?

Milli Görüs ist angestrengt bemüht, aus diesem für sie sehr hinderlichen schlechten Ruf heraus zu kommen. Da ist es natürlich hilfreich, wenn die IGMG als dominierender Verband im Islamrat Schützenhilfe von anderen (auch konkurrierenden) Verbandsmuslimen erhält. Ob nun die „nie da gewesene Zustimmung“ tatsächlich so einhellig war, wie der ehemalige Leiter des von IGMG dominierten Islamrats, M.S. Abdullah, schreibt, ist eine andere Sache.

  Etwa 70 bis 80
  Prozent der nicht-
  organisierten
  Muslime wollen
  von den Verbänden
  nicht vertreten
  werden

Ohne Milli Görüs würde es der auf dem Hamburger Treffen ernannten „Steuerungsgruppe“ jedenfalls allein wegen der niedrigen Zahl der vertretenen Muslime schwerlich gelingen, einen für staatliche Stellen akzeptablen „Ansprechpartner“ zustande zu bringen – zumal der größte Verband DITIB nicht mitmacht und schließlich die geschätzten 70 - 80 Prozent der nicht organisierten Muslime von den Verbänden nicht vertreten werden wollen.

Das Hamburger Treffen wurde, wie aus verbandsinternen Kreisen zu erfahren war, von Mitgliedern des ZMD (z.B. Ibrahim El-Zayat, Aiman Mazyek) und des Islamrats (z.B. Mustafa Yoldas) initiiert. Der einstige Islamratsvorsitzende M.S. Abdullah hingegen meint, dass es „vom Islamrat initiert war“.

Und Abdullah, der auch sonst in seiner Umfrage dem Vorsitzenden des bisherigen Konkurrenz-Verbandes ZMD, Nadeem Elyas, „eins auswischt“, wo immer er es für angebracht hält, fügt den folgenden Kommentar hinzu:

"Der Zentralrat der Muslime in Deutschland wurde trotz Meinungsverschiedenheiten in die Arbeit des sich abzeichnenden Bündnisses einbezogen, an deren Ende eine neue, wie auch immer strukturierte Einheitsorganisation stehen soll, die ihren Mitgliedern gleichwohl die Freiheit garantiert, die je eigenen Traditionen zu leben."

Randerscheinungen islamischer Existenz in der EU

  Die European Muslim
  Union ist im Vergleich
  eine sicher gefährlichere
  Randerscheinung
Gänzlich inakzeptabel ist, dass Mohammed Salim Abdullah – unter totaler Aussparung irgendwelcher Erläuterungen zur "Natur" bzw. Zuordnung der Urheber und ohne irgendeine Bewertung bezüglich der Bedeutung bzw. Nichtbedeutung – das neue Gebilde EMU (European Muslim Union) herausstellt, als sei das jetzt das Non-plus-Ultra einer europäischen Einigung der Muslime - sozusagen als Gegensatz zu dem von Elyas initiierten Kooperationsrat (von 1996), "der jedoch eine Randerscheinung islamischer Existenz in der EU bleiben sollte" – womit er ja Recht hat, aber die EMU ist im Vergleich sicher noch viel mehr eine (wenngleich gefährlichere) Randerscheinung.

Sie ist zahlenmäßig marginal, und ihr Vorstand besteht  vorwiegend aus Mitgliedern der „Murabitun“, einer Politsekte des zum Islam konvertierten schottischen Hitler-Verehrers und Antisemiten Ian Dallas (Scheich Abdalqadir as-Sufi). Der Initiator und Vorsitzende der EMU ist der Murabitun-Amir von Deutschland, Gründer und langjähriger Leiter des so genannten „Weimar-Instituts“, Mitbegründer und Funktionär der „Muslim Lawyers“ und Herausgeber der „Islamischen Zeitung“, Abu Bakr Rieger.

Abu Bakr Rieger hält Vorträge auf Murabitun-Veranstaltungen und wird als „Rais“ (= Führer) der weltweiten Murabitunbetitelt. Obwohl M.S. Abdullah die EMU in seiner Umfrage hochstilisiert, verrät er über diese Zusammenhänge nichts. Das einzige, was er dazu unverfänglich anmerkt, ist der Satz:

"Auffallend ist, dass die im Gründungsbericht genannten Personen zumeist zum Umfeld der "Islamischen Zeitung" gehören..." - Dass die Politsekte Murabitun (mit ihren europäischen Zentren in Potsdam, Bonn und ihrer neuen Moschee in Granada) das Mini-Unternehmen EMU fest im Griff hat, wird geflissentlich verschwiegen.

Unter „Sondergemeinschaften“ werden zwar die Ahmadiyya, nicht aber die anatolischen Aleviten genannt. Die kommen dann später mal vor und werden auf 420.000 beziffert. Da aber werden sie unter "Sunniten und Schiiten" subsumiert. (S. 11). Ob die Aleviten dahin gehend eingeordnet werden wollen, ist sehr zu bezweifeln.

Verblüffend ist, dass nach dieser "repräsentativen" Umfrage nur 18 % der Befragten angegeben haben sollen, nicht organisiert zu sein. Da fragt man sich denn doch: Wen hat das ZIIAD denn eigentlich befragt? Schließlich leugnet ja auch M.S. Abdullah nicht die allseits bekannte Tatsache, dass ca. 70 bis 80 % der Muslime in Deutschland nicht organisiert sind. Dazu stehen die diesbezüglichen Antworten der Umfrage (18 %) in keinem Verhältnis.

Unerwartete Zahlen christlicher Freundschaften

„Bewundernswert“ ist auch, wie viele  Muslime angeblich christliche Freunde" haben, nämlich 86 %. Das ist doch wirklich mal etwas Positives! Ist denn das nicht auch ein Zeichen von „Integration“? Was wollen wir also eigentlich, wenn wir die Segregation der Muslime in Deutschland beklagen?

  Steigende Sympa-
  thien für die SPD,
  enttäuschendes
  Abschneiden der
  Grünen - alles
  klar zur Wahl im
  September?

Über eines kann sich laut M.S. Abdullah auch die SPD freuen. Die Zahl der muslimischen SPD-Sympathisanten, so heißt es in der Umfrage, sei nämlich von 41 % (2004) auf 48 % (2005) gestiegen. Dann kann ja der SPD bei der Wahl im September 2005 nichts mehr passieren - oder?

Die Grünen haben laut Umfrage hingegen an Sympathie der Muslime verloren, was wiederum enttäuschend für sie sein muss, wo doch so viele Grüne, z.B. in NRW, sich so für die Rechte von Muslimen stark gemacht haben, gerade auch vor der letzten NRW-Kommunalwahl

Wenn man dann auf Seite 23 noch staunend liest, wie viele gebildete und ausgebildete Muslime es gibt, fragt man sich verwundert, ob es denn überhaupt auch Muslime mit niedrigem Bildungsniveau gibt.  Die sollen zwar dem Vernehmen nach in der Mehrzahl sein, aber das ist ja nur Hörensagen. In dieser „repräsentativen“ Umfrage scheinen sie gar nicht befragt worden zu sein. Man könnte daraus fälschlicherweise den Schluss ziehen, es gebe sie in Deutschland gar nicht

Ja, das ist schon alles toll – man liest und staunt. Amüsiert nimmt der Leser auch zur Kenntnis, wie der frühere Vorsitzende des Islamrats, M.S. Abdullah, die Gelegenheit nutzt, mal wieder Stimmen von anno dazumal zum Zuge kommen zu lassen. Dazu dient ihm der Anhang der „repräsentativen“ Umfrage. Da darf natürlich der verstorbene frühere Präsident seines „Islamischen Weltkongresses“, Inamullah Khan, nicht fehlen.

Und die nach M.S. Abdullahs Einschätzung offenbar wichtigsten, hier im Wortlaut aufgeführten „Grundsatzerklärungen“ stammen von Tunku Abdul Rahman, ehemaliger Leiter der so genannten „Islamischen Konferenz“  (5 Seiten), vom „Islamrat für Europa“, über die „Islamischen“ Menschenrechte (von 1980). Und dann ist da noch die „Chambesy“-Erklärung von 1976. Was das mit einer „repräsentativen“ Umfrage über „neue Daten und Fakten über den Islam in Deutschland“ – so der Untertitel – im Jahr 2005 zu tun hat, ist nicht ersichtlich.

Zahlenspiele mit amtlichen Siegel

Beachtenswert ist aber dies: Die Zahlen dieser Umfrage werden kritiklos übernommen, weit gestreut und ständig zitiert – als handle es sich um eine tatsächlich wissenschaftlich fundierte, repräsentative Umfrage, was man ja in Anbetracht der genannten Beispiele zumindest bezweifeln kann. Eines von vielen Beispielen für die unhinterfragte Zahlenübernahme ist ein Artikel im Rheinischen Merkur vom 18.8.2005  ( „ZUSAMMENARBEIT / Welche Islam-Vertreter der Vatikan zum Dialog bittet. Und welche nicht“).

Warum sollte man eine so wertvolle Arbeit auch in Frage stellen? Schließlich heißt es auf dem Deckblatt der ZIIAD-Umfrage zu Daten und Fakten im Islam vom 1. Juli 2005 : „Dieses Projekt wurde vom Bundesministerium des Innern gefördert“.

23.08.2005 / B. Schmalenberger

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