Um es vorweg zu nehmen: Die Naturgewalt des Tsunami war eine Strafe Gottes. Das erfährt der Leser aber erst, nachdem er mit gruseligen Zitaten, Koransuren und Erörterungen darauf eingestimmt worden ist. Von „Einsicht“ des von Allah „privilegierten“ Muslim in „die Furcht einflößende Wirklichkeit“ ist die Rede und davon,
„dass Er Sich, gepriesen sei Er, in ihr durch Seine Zeichen in jedem Augenblick manifestiert, so dass auch das dem Erdboden gleichmachen ein Zeichen der Manifestation Göttlicher Gerechtigkeit ist.“ (die Rechtschreibung entspricht dem Original).
Was es mit der göttlichen Gerechtigkeit und
„mit der Bedeutung einer solchen Katastrophe“
auf sich hat, folgt erst später. Zunächst übt der Gottesgelehrte Kritik am Verhalten der überlebenden Muslime und spricht von dem
„Versagen der Muslime in ihren öffentlichen Erklärungen, in ihrer materiellen Antwort auf das Ereignis...“
Und er nennt dies den
„vielleicht erschreckendsten Aspekt des Ereignisses – weitaus erschreckender als die großen Verluste an Menschenleben“.
Wohl gemerkt: Nicht die verheerenden Folgen der Naturkatastrophe für die betroffenen Menschen rühren den Gottesmann an erster Stelle, sondern dass die Muslime der Welt nicht klar gemacht haben,
dass „dieses Ereignis eine Manifestation der Macht Allahs war“, Es wäre, so der Scheich, „für die Muslime eine Pflicht gewesen, der Welt zu erklären, dass nichts auf der Erde geschieht, was nicht eine Manifestation von Allahs Macht, Allahs Urteil und Allahs Gnade ist.“
Von der großen Hilfsbereitschaft der „Nichtmuslime“ meint er abschätzig, diese seien mit
„ihrem ständigen verzweifelten Versuch, einer Welt einen Sinn zu geben“,... „sehr bestrebt“ „zu zeigen, dass es angesichts eines solch bedeutungslosen Chaos immer noch den stoisch-heidnischen Mut gebe, der die Menschen dazu brächte, ‚zusammen zu stehen‘, um so ihre Humanität unter Beweis zu stellen.“
Und die Spenden seien ja
„heraus gepresst durch die Medienkampagne, die in einer Mischung aus Furcht vor der Natur und dem Anspruch schwelgte, dass die Spenden der Massen für menschliche Bindungen stünden.“
Zynischer und krasser in der Verachtung der „Ungläubigen“ [also der Nichtmuslime] geht es eigentlich kaum – denkt man, doch das täuscht. Jetzt geht’s nämlich erst richtig zur Sache. Nochmals wird ausdrücklich beklagt, Muslime hätten nicht offen ausgesprochen,
„dass dies keine bedeutungslose Naturkatastrophe war, sondern eine Strafe von Allah, dem Herrn der Welten.“
Strafe wofür?
„Ein Ereignis dieses Ausmaßes weist klar darauf hin, dass mit den Menschen an diesen Orten etwas Schwerwiegendes im Argen liegt.“
Und um nicht klar und deutlich sagen zu müssen, die Juden seien Schuld, spricht er von
„den Leuten des Thamuds
Ist dies ein Schreibfehler? Müsste es "Thalmud" heißen? Mitnichten! Vielmehr ist der Begriff doppeldeutig: Im Koran sind die Thamud ein Volk, das seinen Propheten leugnete und wegen seines Ungehorsams von Allah vernichtet wurde. Für Juden hingegen ist der Begriff "Thamud" ein Synonym für "Thalmud" (Zusammenfassung der Lehren und Überlieferungen des Judentums). Und auch Juden – also "die Leute des Thalmud" – leugneten den Propheten, d.h. sie akzeptierten Mohammed nicht als Prophet. So wird auch sie nach einem bestimmten orthodox-islamischen Verständnis die Strafe Allahs treffen. In eben dieser Doppeldeutigkeit spricht Scheich Abdalqadir von den "Leuten des Thamuds" und meint, bei ihnen sei es
„zuerst zu einer wahrnehmbaren Leugnung Göttlicher Autorität und zweitens zu den entehrenden Handlungen, die dieser Leugnung folgen, gekommen“.
Mit einem historischen Exkurs (über Aceh und Indonesien, Frankreich und England) lenkt der Schotte Ian Dallas, alias Scheich Abdalqadir As-Sufi, zunächst von seinem Thema, den Juden, ab, - oder besser gesagt: er leitet seine Wut auf die Juden ab – und lenkt sie auf die Protestanten.
„Die Niederländer waren in Europa jene erfolgreiche Kraft, die die landgestützten christlichen Monarchien zerschlug und sie durch protestantisch-atheistische Republiken ersetzte, die durch die Finanzmacht des wucherischen Bankwesens regiert wurden.“
Dies ist übrigens nicht das erste Mal, dass Scheich Abdalqadir, gegen die Protestanten hetzt. Es muss wohl etwas mit seinem Judenhass zu tun haben. Auch zum Beispiel in einem Vortrag zum Thema „Demokratie – die schreckliche Wahrheit"3) hatte er es auf die Protestanten abgesehen:
„Diejenigen, die vor Allahs Majestät gewarnt werden müssen, sind die ‚mushriks‘ (=Götzenanbeter), die ein Idol anbeten. Damit meine ich die evangelischen Christen, die ihre Nation gegen ihren Willen in ein tödliches Bündnis mit den Absichten von Zion gestürzt haben.“
In diesem Fall ist „Zion“ die umschreibende Chiffre für die Juden. Doch zurück zu Scheich Abdalqadirs Tsunami-Sicht, die ja im Titel bezeichnender Weise verallgemeinernd „islamische Sicht“ genannt wird, und so ist davon auszugehen, dass es auch die Sicht der „Islamischen Zeitung“ ist. Jetzt schlägt der Scheich auf die
„Kafir-Mächte“
mit ihrem „
Bankismus“
ein (vor allem die USA). Die von der Tsunami-Katastrophe betroffenen Länder seien, so heißt es etwas vertrackt,
„von einem einheitlichen sozialen Phänomen betroffen worden“
– gemeint ist der Tourismus in dieser Region, und das „Phänomen“ stelle
„einen der korruptesten menschlichen Skandale unserer dekadenten Zeit dar“.
Gegeißelt werden nun Bars, Nachtclubs und sexuelle Ausbeutung, die die Bevölkerung zu „Lohnsklaven“ gemacht haben – was ja vielfach durchaus zutrifft.
Doch welch ein Furcht erregender, antiquierter und menschenverachtender Gottesbegriff steht hinter der Schlussfolgerung, die Naturkatastrophe in Asien sei die Strafe Gottes für das, was der Scheich die
„moralische Verwirrung“
nennt? Und so etwas wie auch nur das Zugeständnis eines „guten Willens“ der „ungläubigen“ Welt, die spontan helfen und die Not der Menschen lindern wollte, scheint es in dieser „islamischen Sicht“ überhaupt nicht zu geben. Alle die etwas tun wollen, werden mit Scheich-Verachtung gestraft. Und dass sich die (ungläubigen) Christen nur ja nichts einbilden! Ein
„Beweis der moralischen Verwirrung und des Bankrotts“
liege in der
„nerventötenden Zurschaustellung ‚inter-religiöser‘ Pseudo-Gottesdienste“.
Gemeint sind die
„Überlebenden und selbst ernannten Retter“.
Unerträglich war es für den Scheich, dass
„zusammen mit verwirrten Katholiken, die froh waren, etwas zu tun zu haben“, Muslime „hervor gezerrt“ wurden, „um vor goldenen Buddhastatuen zu stehen.“
Das Ganze ist für Abdalqadir eine
„Orgie humanistischen ‚Mitleids‘, die auf den Geldmärkten weiter“
geht. Und so geht das weiter – wiederum mit Koransuren, die daraufhin abgeklopft werden, ob sie für diese Deutung taugen. Schließlich geht es dieser „islamischen Sicht“ nicht um das Leid der Menschen, sondern um den Koran und darum, dass dieser richtig verstanden werde. Und die Quintessenz?
„Es ist der Gipfel der Unwissenheit und des Aberwitzes, an einer Hilfsaktion beteiligt zu sein, von der weder die Ursache, noch die Folge verstanden worden sind.“
Scheich Abdalqadir as-Sufi hat das natürlich verstanden, und böse würde er den abkanzeln, der seine Deutung als „Aberwitz“ bezeichnete. Aber was kann man von „kafirun“ (Ungläubigen) und „mushrikun“ (Götzendiener) schließlich auch erwarten? Sie taugen eben zu nichts.
Als „Ungläubige“ bleiben mir dabei ein paar Fragen im Halse stecken: Taugt eine solche „islamische Sicht“ für einen Dialog? Sollten Christen mit Muslimen, die eine solche Haltung an den Tag legen, überhaupt in einen Dialog eintreten? Und kann dieser mehr sein als eine Farce oder – um mit Kardinal Lehmann zu sprechen – mehr als „Gequatsche“?
Eines sollte aber doch wohl allen – ob Muslim oder „Ungläubiger“ – , die die „Islamische Zeitung“ hofieren, als Sprachrohr benutzen, sich von ihr interviewen lassen oder sie für „harmlos“ halten, zu denken geben: Ausgerechnet in der gefeierten 100. Ausgabe der „Islamischen Zeitung“ gibt ihr Herausgeber (Abu Bakr Rieger) dem Gründer und Scheich der bekanntlich zweifelhaften Polit-Sekte „Murabitun“4) Gelegenheit, seine obskure Geisteshaltung auszubreiten. Abu Bakr Rieger ist ein Deutscher, der durch eben diesen Scheich zum Islam gefunden hat. Rieger wird im Internet als „Amir“ der Murabitun-Bewegung für Europa und sogar als „Rais“, also Führer der weltweiten Murabitun-Bewegung – »World Leader of the Murabitun Movement« - bezeichnet (so jedenfalls wurde er noch im vergangenen Jahr in Südafrika als Referent einer Murabitun-Veranstaltung vorgestellt). Deshalb ist davon auszugehen, dass er die Geisteshaltung „seines“ Scheichs billigt und teilt. Er würde sie sonst kaum als „islamische Sicht“ bezeichnen. Und er würde dem Scheich sonst in seiner Zeitung auch keinen Raum geben.