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v.l.n.r: Jasmina Sonbati, Karl Gruber, Saida Keller-Messahli, Bülent Oecal,
Maha Bashir, Elham Manea. Foto: Vanessa Püntener/STRATES
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Sie sind es leid. Ständig ist von den „Islamisten“ die Rede, von Muslimen also, die den Islam in Verruf bringen, die „den Weg in die Zukunft zurück ins Mittelalter“ gehen, die den Islam politisch missbrauchen, die ihren Glaubens- und Lebensvorstellungen eine festgefahrene, buchstabenfixierte Lesart des Koran zu Grunde legen. Sie wollen das nicht. Sie fordern einen tabufreien Diskurs über Islam, Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frau sowie eine zeitgemäße Auslegung des Koran nach wissenschaftlich-hermeneutischen Prinzipien. Sie wollen einen „aufgeklärten Islam“ für aufgeklärte muslimische Bürger. Sie möchten Antworten suchen auf die Frage: Was bedeutet es, heute Muslim zu sein?
„Sie“ – das ist eine Gruppe engagierter Bürger in der Schweiz, die sich für dieses „Programm“ stark machen. Um eine Debatte anzustoßen, haben sie kürzlich in Zürich einen Verein gegründet, den sie „Forum für einen fortschrittlichen Islam“ (FFI) nennen. „Fortschrittlich“ – das heißt für sie: der Islam muss aus seiner Erstarrung, aus seinen ideologischen Fesseln befreit werden und „fortschreiten“. Der Islam soll mit einer unserer Zeit angemessenen Lesart des Koran neu überdacht, und gegebenenfalls sollten alte Zöpfe abgeschnitten werden, damit der Islam für die Muslime in den säkularen Demokratien verständlich und lebbar wird. In Artikel 2 der am 27. November 2004 genehmigten Satzung des Vereins heißt es:
Der Verein setzt sich zum Ziel, ausgehend von der Kulturgeschichte und den Texten des Islams, die Verhältnisse zwischen
a) den Menschenrechten und dem internationalen Recht
b) dem demokratischen Staat
c) der Religion
zur Diskussion zu stellen.
Auf der Basis dieser freien Debatte erarbeitet sich der Verein fortschrittliche islamische Positionen zu aktuellen sozialen, politischen und kulturellen Fragen. Auf diese Weise vertritt er in der öffentlichen Diskussion einen offenen und zeitgemäßen Islam.
Leicht ist das nicht, denn als Gottes direktes Wort gilt der Koran im derzeit vorherrschenden Mainstrem-Islam als unantastbar für alle Zeiten. Wer ihn wissenschaftlich-historisch hinterfragt und gewisse fragwürdige Passagen als nicht mehr zeitgemäß ansieht, weil sie nur im Kontext von Mohammeds Lebzeiten Sinn machten, der gilt vielfach noch als Tabubrecher. Von den Schriftgelehrten, den vermeintlichen Bewahrern der Wahrheit, werden solche Leute als Gefahr betrachtet. Deshalb verteufelt, meidet oder ignoriert man sie. Es verwundert daher nicht, dass die bereits existierenden islamischen Verbände in der Schweiz von der Neugründung des FFI öffentlich keine Notiz nehmen oder das Forum skeptisch beäugen. So beanstandete etwa ein Verbandsvertreter den Begriff „fortschrittlicher Islam“. Damit stelle man die anderen in die reaktionäre oder konservative Ecke, meinte er. (1) Diese Kritik mutet etwas kurios an, denn schließlich haben viele Verbände selbst dazu beigetragen, dass sie längst in eben dieser Ecke stehen. Als kurios anmuten mag auch, dass sich die deutschsprachigen Muslime der konservativen „Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich“ nur drei Tage nach der ersten Pressekonferenz (16.12.2004) des „Forums für einen fortschrittlichen Islam“ trafen – ebenfalls in Zürich (19.12.2004). Das mag ein Zufall sein. Ein Symptom für die Sprachlosigkeit unter Muslimen mit unterschiedlicher Ausrichtung ist es allemal.
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„Die Vertreter eines
religiös-konservativen
Islam meinen, den
‚wahren Islam‘ zu
repräsentieren."
Saida Keller-Messahli
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Aber die FFI-Gründer sehen derzeit auch wenig Möglichkeiten, an die bestehenden Verbände anzuknüpfen. Denn, so meinen etwa die Vorsitzende des neuen Forums, die Romanistin Saida Keller-Messahli, und der Islamwissenschaftler Thabet Eid: „Die islamischen Zentren beschränken sich auf die Pflege der Gemeinschaft der frommen Muslime. Sie verhalten sich gegenüber den brennenden Fragen sehr passiv“ (2). (Eid nannte als Beispiel Fribourg, wo der umstrittene, aber populäre Muslim Tariq Ramadan Islam lehrt, der in den USA - ‚aus Sicherheitsgründen‘, wie es hieß - kein Visum erhielt, obwohl ihm bereits eine Professur zugesagt war) Und Frau Keller-Messahli fügte hinzu: „Die Vertreter eines religiös-konservativen Islam meinen, den ‚wahren Islam‘ zu repräsentieren. In diesen Islam-Bildern können sich die meisten Muslime in der Schweiz nicht wiedererkennen. Diese Mehrheit ist weder religiös-konservativ, noch ist sie organisiert und fühlt sich durch die bestehenden islamischen Organisationen nicht vertreten (3).“ Das ist wohl in der Schweiz nicht anders als in Deutschland.
Eben dieser großen „schweigenden Mehrheit“ der Muslime in der Schweiz will das FFI Möglichkeiten für einen offenen, unabhängigen Diskurs anbieten. Die Vorsitzende weiß sehr wohl, dass diese Initiative für einen „fortschrittlichen Islam“ bei dem orthodoxen Verbandsislam nicht auf Gegenliebe stößt. Die 47-jährige Saida Keller-Messahli ist Muslimin, gebürtige Tunesierin und eingebürgerte Schweizerin. Sie ist Mutter von zwei Söhnen, unterrichtet Französisch an einem Gymnasium in Zürich und arbeitet außerdem für eine Sendung des Schweizer Fernsehens.
In der Vorstellungswelt orthodoxer Muslime hat sie einen „Makel“: Sie ist mit einem Nichtmuslim verheiratet. Damit hat sie gegen das immer noch geltende Gebot „verstoßen“, dass zwar ein Muslim eine Christin, nicht aber eine Muslimin einen Christen heiraten darf – geschweige denn einen Atheisten. Es ist daher kaum verwunderlich, wenn ein solch vermeintliches „Fehlverhalten“ dazu führt, dass ihren muslimischen Gesinnungsfreunden (hinter vorgehaltener Hand, versteht sich) nahe gelegt wird, sich „mit so einer“ doch ja nicht einzulassen – zumal noch drei weitere Vorstandsfrauen in eben solchen Ehen leben. Solche Methoden sind zwar hinterhältig – aber wirksam, denn der soziale Druck funktioniert auch unter Muslimen in der Schweiz.
Es ist dennoch davon auszugehen, dass es immer mehr Muslime geben wird, die sich nicht einschüchtern lassen, besonders wenn man, wie Saida Keller-Messahli und ihre Freunde, erkannt hat, dass
„Die wichtigste
Auseinandersetzung
findet nicht als Kampf
zwischen den Kulturen,
sondern als Kampf in
der islamischen Kultur
selbst statt“. |
„die wichtigste Auseinandersetzung nicht als Kampf zwischen den Kulturen, sondern als Kampf in der islamischen Kultur selbst“ stattfindet, nämlich als „ein überaus heftiger Kampf um kulturelle Definitionen (4)“. Das gilt für arabische Länder – was in Deutschland leider kaum zur Kenntnis genommen wird – und zunehmend auch für Europa.
Die Gründer des „Forum für einen fortschrittlichen Islam“ wollen, dass Muslime, zusammen mit interessierten Nichtmuslimen, in diesem „Kampf um Ideen“ für eine neue Definition des Islam miteinander ringen, streiten und sich zusammenraufen. Das aber – so macht es der Vorstand deutlich – geht nur, wenn Muslime bereit sind zu Ehrlichkeit und Selbstkritik, wenn sie von einfachen Klischees wegkommen und wenn sie offen sind für einen undogmatischen, weltoffenen Umgang mit dem Islam.
Die Initiative „für einen fortschrittlichen Islam“ hat vor allem in der Schweizer Öffentlichkeit, aber auch in Österreich, Frankreich und Deutschland, schon sehr rasch ein breites und positives Echo gefunden – sicher mehr noch unter den Nichtmuslimen als unter den Muslimen. Zum FFI-Vorstand gehört übrigens auch ein Christ, nämlich das Mitglied im Verfassungsrat des Kantons Zürich, Karl Gruber. Zeitungen und Rundfunk berichteten ausgiebig über das neue Forum und machten Interviews mit den Vorstandsmitgliedern.
Kurz nach der Gründung des Forums hatte der „Tagesanzeiger“ zu einer Podiumsdiskussion in der Zürcher Universität eingeladen. Diskutiert wurde über das Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen und über die Frage, welche Wege in der Schweiz beschritten werden, um über den Islam zu diskutieren. Dazu war auch die Vorsitzende des FFI , Saida Keller-Messahli, eingeladen. Die Zürcher Universität hatte einen Saal für 500 Leute bereitgestellt. Etwa 1000 Leute kamen, so dass ein zweiter Raum geöffnet wurde, in den man die Reden übertrug. Trotzdem fanden 200 Interessierte keinen Platz mehr, berichtete die Vorsitzende – eine erstaunliche Resonanz also. Sie zeigt: das Bedürfnis in der Schweizer Bevölkerung für einen offenen Diskurs über den Islam ist groß.
Es ist Zeit, die verhärteten
Fronten aufzubrechen und
ein ‚Wir‘ in der Gesellschaft
zu kreieren“.
Bülent Öcal |
Vieles wird aber davon abhängen, ob Muslime selbst sich stärker als bisher engagieren. Jasmina El-Sonbati, Gymnasiallehrerin und Vizepräsidentin des FFI, meint, es sei Zeit, dass sich Musliminnen und Muslime selbst in Frage stellten und selbstbewusst in die innerislamische Debatte eingriffen. „Anstatt von der Gegenseite immer etwas zu verlangen, sollten wir uns endlich einmal überlegen, was wir tun können. Es ist Zeit, die verhärteten Fronten aufzubrechen und ein ‚Wir‘ in der Gesellschaft zu kreieren“, betonte Bülent Öcal, Designer und FFI-Vorstandsmitglied.
Ein solcher Prozess benötigt Geduld, Mut und Selbstbewusstsein. In Deutschland haben die nicht-organisierten Muslime, also die „schweigende Mehrheit“, bisher keine solche Initiative auf die Beine gebracht. Ein vergleichbares Forum gibt es nicht. Vielleicht waren die spärlichen Versuche in kleinen Kreisen bisher zu zögerlich; sie gingen auch nicht von Muslimen, sondern von Christen oder vereinzelt von Akademien aus. Jedenfalls scheiterten sie bisher vor allem aus Mangel an diskussionsbereiten und diskussionsfähigen „fortschrittlichen“ Muslimen. Das neue Forum in der Schweiz ist aber innerhalb Europas keineswegs der einzige Versuch, eine Reform-Debatte unter Muslimen und auch mit Nichtmuslimen über eine zeitgemäße Interpretation des Islam in Gang zu bringen. Solche Versuche gibt es vor allem in Frankreich, wo sich unter mehreren anderen Initiativen eine starke Gruppe um den Mufti von Marseille, Soheib Bencheikh, schart. Doch bildet dieser prominente Muslim unter den Islamgelehrten eine Ausnahme, und außerdem sind derartige Initiativen trotz großen Engagements vieler Einzelner bislang vom „offiziellen“ Islam massiv an den Rand gedrängt worden. Sie sind bis jetzt auch fragmentarisch und ohne Breitenwirkung geblieben.
Das „Forum für einen fortschrittlichen Islam“ in der Schweiz hat nach nur wenigen Wochen seiner Existenz immerhin schon 70 Mitglieder. Das lässt die Initiatoren und viele interessierte Schweizer auf Erfolg hoffen. In Deutschland wird man die Aktivitäten in Zürich aufmerksam beobachten, schon weil der christlich-islamische Dialog auf der Funktionärs-Ebene und der politisch-gesellschaftliche Dialog sich hierzulande in einer Sackgasse befinden. Es wäre schlecht bestellt um die Integration der Muslime – und das heißt „aller“ Muslime – , wenn dieser Zustand in Resignation endete. Wenn die Neugründung des Forums in der Schweiz weiterhin Zulauf hat und durch öffentliche Debatten Beachtung findet, dann dürfte das auch für den Dialog mit Muslimen in Deutschland von Bedeutung sein.
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(1) Tagesanzeiger 4.12.2004: Farhad Afshar, Präsident der Koordination islamischer Organisationen Schweiz (Kios)
(2) NZZ 27.11.2004: „Den Islam überdenken – Fortschrittliche Muslime aus Zürich lancieren eine Debatte“
(3) Papier des „Forum für einen fortschrittlichen Islam“ (FFI) zur Vorstellung der Vorstandsmitglieder
(4) ditto -
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Wie die FFI-Präsidentin Saida Keller-Messahli Anfang März mitteilte, ist ein Mitglied des Vorstands, dessen Identität nicht bekannt gegeben wurde, in den letzten Wochen telefonisch bedroht worden. Der anonyme Anrufer gab zu verstehen, dass das Vorstandsmitglied für sein "gottloses Verhalten" eine Bestrafung zu erwarten habe. Der FFI-Vortand beschloss, eine solche Drohung nicht wirklich ernst zu nehmen, sondern sie öffentlich zu machen. Die Verantwortlichen des "Forums für einen fortschrittlichen Islam" haben sich vorgenommen, sich durch derartige Vorfälle nicht von ihrer Arbeit abhalten zu lassen