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Kategorie Migration  

Die neue Gemeinschaft der Muslime und die Cyber-Muftis

24.08.2005: Trotz Unterschieden in den Herkunftsländern entsteht in Europa eine neue, virtuelle Gemeinschaft aller Gläubigen, die in politisierter Form zu Spannungen mit dem Gastland führt. Von Marwan Abou-Taam*)


Trotz aller Unterschiede vereint in einer transnationalen Gemeinschaft  
Bild: istockphoto

Die Terroranschläge von Madrid und London, aber auch das verbreitete Gefühl einer „Überfremdung“ haben die Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Migranten verstärkt. Viel wurde zu lange wurde übersehen, dass Migranten Menschen sind, die ihre Ideen, Weltanschauungen und Konflikte mitbringen.

Auf diese Weise die „Sicherheitspolitik“ auf der einen und eine „Migrationspolitik“ auf der anderen Seite getrennt zu behandeln, hat jedoch zu schwer wiegenden Folgen für die Politik geführt. Die Lösung bedeutet nicht eine Versicherheitlichung von Migrationspolitik, sondern vielmehr die kritische Analyse der gegenseitigen Bedingungen und Abhängigkeiten, um damit die Diskussion zu versachlichen.

Entschlüsselung transnationaler Netzwerke

Um die Konfliktmechanismen zu verstehen, müssen außer den wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Migration auch die soziologischen Bedingungen untersucht werden. Dies darf auch nicht nur im Zielland, sondern muss im gleichen Umfang auch im Herkunftsland geschehen. Nur dadurch können in Veränderungen in beiden Gesellschaften in Zusammenhang gebracht und transnationale soziale Netzwerke über Staatsgrenzen hinweg entschlüsselt werden.

  Menschen möchten
  positiv bewerteten
  Gruppen angehören,
  also personal wie
  sozial positive Be-
  wertungen erzielen
 
Menschen definieren sich zum großen Teil als Mitglieder sozialer Kategorien, sie möchten also positiv bewerteten Gruppen angehören, um sowohl eine positive personale Identität als auch positive soziale Identität zu erreichen. Psychologen sprechen von einem Mechanismus der Selbstwerterhöhung.1)  

Man muss dabei stets bedenken das auch in den Kulturen, in denen Kollektive dominieren, die personale Identität, die von Personen zur Person natürlich variiert, stark von der Zugehörigkeit zu Gruppen bestimmt wird. Dies gilt auch dann, wenn man in Rechnung stellt, dass das Selbstverständnis einer Person immer von individuellen lebensgeschichtlichen Erfahrungen beeinflusst wird.

Auf der Suche nach verlorenen Identitäten

Nun führt die globale Migration dazu, dass lokale Identitäten globalisiert, von den Menschen in ihre neue Heimat mitgebracht und als eine Art Überidentität revitalisiert werden. Auf der Suche nach den verlorenen Identitäten basteln sie sich aus vorhandenen Lebensstilen, Sinn-Elementen und Sehnsüchten eigene kleine Konstruktionen.

Nicht die ursprüngliche dörfliche oder gar Stammes-Identität wird in der Neuen Heimat ausgelebt, sondern ein Konstrukt aus konservierten und im höchsten Maße romantischen Teilaspekten ihrer herkömmlichen Identität verbunden mit neuen Solidarisierungsformen in einer großen sozialen Gruppe.

Am Beispiel muslimischer Migranten in Deutschland drückt sich dieses Phänomen bei Teilen dieser Gruppe darin aus, dass sie sich selbst als Bestandteil eines globalen islamischen Kollektivs betrachten.

Ihre subjektive Situation, d.h. Ihrer fehlende Integration und die damit verbundenen Rahmenbedingungen mit ihren Auswirkungen auf den Einzelnen, wird so umgedeutet, dass es möglich ist, sich selbst als Teil einer hierarchisch geordneten Identität zu verstehen. Das Gefühl das Leben habe einen Sinn wird zur Grundlage aller Betrachtungen und wirkt so gegen eine Orientierungslosigkeit.

Die Zuordnung zu einer solchen fiktiven Gruppe wird ohne weiteres vollzogen, obwohl viele muslimische Migranten aus Gesellschaften kommen, die in Stämmen organisiert sind und damit eine sehr eng definierte soziale Identität pflegen. Überall dort, wo die Menschen nicht in die Aufnahme-Gesellschaft integriert werden, schaffen Sie sich eigene Bewertungsk der riterien, die die Überlegenheit ihrer Gruppe mit einer meist irrationalen Begründung belegen sollen.

Alte Werte werden neu definiert

  Bildung wird als
  niedrigere Kategorie
  definiert und "Ehre"
  groß geschrieben
So verlassen etwa die meisten türkischen Jugendlichen in Deutschland die Schule mit einem schlechten Zeugnis oder sogar ohne einen Schulabschluss. Die Bildung wird kurzerhand als niedrigere Kategorie definiert, während die „Ehre“ groß geschrieben wird. Ein Blick in die Türkei zeigt jedoch, dass die Bildung dort für die Menschen, die es sich leisten können, eine große Rolle spielt und durchaus gesellschaftlich angesehen ist. In Deutschland werden andere Kriterien als vorteilhafter angesehen und die Gruppe erreicht durch diese Einschätzung eine positive Bewertung der Kriterien, die für die eigene Identität wichtig sind.

Die neue „Wir-Gruppe“ löst sich allmählich aus ihrem traditionellen Verhaltensmuster: Sprache und räumliche Nähe sind nicht mehr das Hauptmerkmal der neuen Einordnung sondern die eigene Identifikation mit einer virtuellen, übernationalen Gruppe. Hier entstehen neue, noch nicht verfestigte Organisationsformen, die in ihrer Ausgestaltung höchst komplex sind.

Denn: Die mitimportierten Konflikte werden trotz aller Solidarität innerhalb der neuen Konstruktion aufrechterhalten. Gegenüber der Aufnahmegesellschaft gehören „Türken“ und „Araber“ zur umma - der gemeinschaftlichen Vereinigung aller Gläubigen - eine gewisse „Erbfeindschaft“ wird jedoch auch weiterhin gepflegt.

Spannungen zu Staat und nationaler Sicherheit

Die transnationale Religion ist damit der Identität bildende und gleichermaßen verbindende Faktor. Auf seiner Basis erfolgt die Gründung der neuen Gemeinde. Der Islam mit seinem Anspruch, für die gesamte Menschheit und überall auf der Welt zu gelten, schafft durch diese neuartigen Möglichkeiten, die die Globalisierung bietet, eine „transnational civil society“, die in ihrer politisierten Form im Spannungsverhältnis zum Staat und seiner nationalen Sicherheit steht.2)

  Der Zentralrat der
  Muslime will alle
  Muslime vertreten,
  aber gleichzeitig
  ihr Verhältnis zum
  Staat definieren
Die religiöse Identität eines muslimischen Migranten in einem so globalisierten Raum wird von den ursprünglichen lokalen Bindungen gelöst und in einer zunehmend homogenisierten globalen Tradition von Standards und Richtlinien festgelegt und durch die Kontrolle anderer Angehöriger dieser Gemeinschaft überwacht. So beansprucht der Zentralrat der Muslime in Deutschland die Vertretung der Muslime zu sein und legt gleichzeitig fest wie das Verhältnis der Gläubigen zum Staat auszusehen hat 3).

Solche Selbst-Identifikationen, die sich sowohl aus der subjektiven Zugehörigkeit zu sozialen Kategorien als auch individuellen Faktoren der eigenen Selbsteinschätzung zusammensetzen, erschwert die Sicherheitspolitik ganz erheblich, denn die Transnationalität einer so die definierten Identität zieht die schnelle Ausbreitung von Konflikten mit sich. Werden diese Konflikte auf der Grundlage einer Religion ausgetragen, gerät der pluralistische-demokratische Rechtsstaat in kaum lösliche Schwierigkeiten.

Unterschiedliche Rechtsgüter stehen zur Abwägung, die der Rechtsstaat in gleicher Weise zu schützen sich verpflichtet hat: die Religionsfreiheit und die Sicherheit. Durch die Nationalität der Religion wird das Problem verschärft, denn der Widerspruch entsteht global und kann lokal kaum ventflochten werden.

In mehr als einer Gesellschaft leben

Wichtig ist dabei, dass eben jene „multiplen Identitäten“4) mit Bezug zum Heimatland wie zum Aufenthaltsland dadurch entstehen, dass Migranten gleichzeitig in mehr als einer Gesellschaft über einen langen Zeitraum leben. Die Spannung wird dadurch noch komplexer, wenn die bereits beschriebene Bezugsgruppe entsteht, die potenzielle jeder Form von Konflikt als globalen Kulturkonflikt interpretiert, der damit Auswirkungen auf die Sicherheit der Aufnahmegesellschaft ausübt.

Solange also die Situation der Migranten in den Aufnahmeländern und ihren Herkunftsgesellschaften instabil ist, die gesellschaftliche, politische, ökonomische und kulturelle Integration also nicht gelungen erscheint, müssen diese transnationalen Bindungen ernst zunehmende Risiken für die Aufnahmegesellschaften bedeuten.

Diese Gefahren werden durch die Solidarisierungseffekte verstärkt, die diese nicht integrierten Muslime mit der von ihnen konstruierten über Gruppe pflegen. Damit kann eine Überfülle von Konflikten zur Aufnahmegesellschaft und im schlimmsten Fall einer Feindschaft entstehen, wie wir es bei den islamistischen Gruppierungen in Deutschland beobachten.

Diese transnationalen religiösen Bewegungen entfalten sich innerhalb der Diaspora-Gesellschaft und entwickeln sich zu einer Einflussgröße, die in einer Mischung aus traditioneller Vorstellung und politischen Ambitionen agiert und den Führungsanspruch innerhalb der muslimischen Gemeinde einfordert. Dass es sich dabei nur um einen geringen Prozentsatz der Migranten handelt, macht diese Gruppen nicht minder gefährlich.

"Cyber-Muftis" als konkrete Gefahr

  Die Fatwas der
  "Cyber-Muftis"
  haben weithin
  ideologischen
  Charakter und
  sind über das
  Internet leicht
  verfügbar

Eine zentrale Rolle im Aufbau dieser transnationalen Bewegungen spielen die so genannten „Cyber-Muftis“ die es zu einer Autorität gebracht haben, die über nationale Grenzen hinweg Handlungsanweisungen zum Teil ohne Rücksicht auf die Gegebenheiten vor Ort erteilen können. Ihre Fatwas/Rechtsgutachten besitzen weithin einen ideologischen Charakter und ihre schnelle Verfügbarkeit im Internet macht sie zu einer kaum abwehrbaren konkreten Gefahr für die innere Sicherheit eines Staates.

Durch diese Gewalt-Fatwas/Rechtsgutachten und der Kampf, den sie als legitim gegen Demokratie und westliche Interessen verkünden, werden die Kosten für staatliche Präventionsmaßnahmen in die Höhe getrieben. Dies steigert zugleich Befürchtungen in der Bevölkerung, die ihrerseits Druck auf die politische Führung ausübt.

Eine Minderheit kann damit auf Grundlage einer exklusivistischen Ideologie das Gesetz des Handelns ausüben, während der Staat zunehmend in eine defensive Position gerät. Hier sieht sich der Staat im Rahmen der Erfüllung seines Auftrages „Sicherheit“ mit einer aus dem oben beschriebenen Phänomen sich resultierenden Vielfalt von sicherheitspolitisch relevanten Herausforderungen konfrontiert, die einer komplexen Antwort bedürfen.

Jenseits staatlicher Reichweite

Sicherlich ist auf langer Sicht eine nachhaltige Integrationspolitik die effizienteste Sicherheitspolitik, jedoch muss aus der heutigen Perspektive bedacht werden, dass dem Staat tatsächlich nur wenige Möglichkeiten bereitstehen konsequent auf die heutigen Gefahren zu reagieren.

Die offene pluralistische Gesellschaft eines Rechtsstaates hat eben begrenzte Mittel, zumal die „Cyber-Mufties“ jenseits staatlicher Reichweite agieren. Gleichzeitig wirken sie massiv auf die Festigung der Gräben zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den muslimischen Migranten.

Im Kampf für die freie Gesellschaft müssen die Muslime aktiver an der Eindämmung von radikalen Einflüssen werden und fundamentalistischen Meinungsträgern massiv entgegenwirken. Dabei muss der Staat seine Sicherheitsorgane für die Problematik sensibilisieren um die Gefahren rechtzeitig abwenden zu können.

Muslime können dabei eine zentrale Rolle spielen, wenn sie ihre Bereitschaft manifestieren würden, in und mit den Sicherheitsorganen zu wirken. Dies wäre ein Vertrauensgewinn, der als Basis für die Integration wirken kann.

*) Marwan Abou-Taam ist in Beirut geboren und Deutscher seit vielen Jahren. Er studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Islamwissenschaften in Göttingen, Beirut sowie Aix-en-Provence und schreibt an einer Doktorarbeit über den arabischen Terrorismus. 

__________________

1) Crocker, J./ Luhtanen, R. et al. (1994): Collective self-esteem and psychological well-being among White, Black, and Asian college students. Personality and Social Psychology Bulletin, 20, 503-513.

2) Hierzu vgl. Rudolph, Susanne Hoeber/ Piscatori, James (Hrsg.) (1997): Transnational Religion and Fading States. Boulder, Colorado. Insbesondere darin den Aufsatz Rudolph, Susanne H. 1997. “Introduction: Religion, States, and Transnational Civil Society.”S. 1-24.

3) Vgl. Zentralrat der Muslime (2002):Islamische Charta, Broschüre. (abrufbar im Internet: http://www.zentralrat.de/3035.php.

5) Vgl. Rouse, Roger (1991): Mexican Migration and the Social Space of Postmodernism. In: Diaspora 1(1): 8-23.

24.08.2005 / B. Schmalenberger

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