Die Kämpfer der Al Qaida, Soldaten Allahs in der Welt des Islam, haben wir im Westen über lange Zeit mehr als Desperados angesehen, die mit unterstützenden Hilfen (Geld, Waffen, falsche Pässe etc.) an vielen Stellen der Welt einen von Osama bin Laden schon 1996 empfohlenen Guerillakrieg gegen die „Welt des Unglaubens“, zu der auch der Westen aus ihrer Sicht gehört, führen wollten. Was lag näher, als sie mit militärischen wie mit polizeilichen Mitteln zu bekämpfen?
Erst sehr allmählich setzt sich der Gedanke durch, dass hinter den vielen kleinen Kriegen eine ebenso gewalttätige wie verbindende Idee steckt, wie sie von Osama bin Laden, dem al-Qaida-Gründer, zwar immer verkündet, aber als großsprecherische Attitüde nicht ernst genug genommen wurde. Diese Idee wird in der islamischen Welt durch geschichtswirksame Vorbilder mit Leben erfüllt, die heute quasi zeitlose Kämpfer für die Sache Gottes (Mudschaheddin) in einem zeitlosen „Heiligen Krieg“ (Djihad) sind.
Dazu zählen Kämpfer, die schon vor langer Zeit - zum Teil bis zu Jahrhunderten früher - getötet wurden oder gestorben sind, aber im kollektiven Gedächtnis der islamischen Welt noch immer leben und deren Taten mit den Zielen des heutigen globalen Terrorismus verbunden werden. Um diese Männer ranken sich Mythen und Legenden, die allerdings in der islamischen Welt als durchaus real verstanden werden.
Als einer der ersten und größten zählt der Heerführer arabischer, kurdischer und türkischer Muslime, der aus dem kurdischen Nordirak stammende Saladin, der 1187 al-Quds (Jerusalem) von den „ungläubigen Kreuzfahrern“ befreite. Bis heute wird auch der Sunnitenführer Ibn Taymiya verehrt, der gegen die mongolische Invasion in Syrien (1299 bis 1303) kämpfte.

Der Feldherr Saladin belagert Jerusalem Bild: dpa/Picture-Alliance
Seine Lehre, Muslime sollten gegen jed islamische Regierung, die das Land nicht ausschließlich nach dem islamischen Gesetz regiert, Widerstand leisten, sie bekämpfen und sie stürzen. Sein Prinzip, Muslime sollten in den Djihad gegen jeden ziehen, dessen Glaube vom Islam abweicht, wird von überzeugten Djihadisten auch 700 Jahre später bis zum heutigen Tage noch so gesehen und hat seine Gültigkeit.
Das finale Ziel, globale Kalifat, der weltweite Gottesstaat, von dem im Zusammenhang mit Osama bin Laden immer die Rede ist, ist dagegen eine sehr entfernte Vorstellung. vergleichbar mit der christlichen Vorstellung einer Rückkehr in den Paradies-Garten Eden. Für die Muslime in allen Teilen der Welt steht dagegen als Nahziel die Verwirklichung einer islamischen Gesellschaft in ihrer jeweiligen Region vor Augen.
Auch Nichtaraber, wie die malayischen Völker in Indonesien, den Philippinen oder Süd-Thailand, Turk-Völker in Zentralasien oder negride Völker im subsaharischen Afrika kämpfen für die Realisierung dieser Idee, denn der gläubige Muslim kann im Idealfall nur in einem islamischen Gottesstaat leben, in dem das islamische Recht herrscht und nichts anderes daneben gilt.
Diese Intensität des Glaubens ist letzten Endes unabhängig von der ethnischen Zuordnung. Malayische Muslime in Indonesien können dies als Aufgabe und Pflicht ebenso empfinden, wie Angehörige von Turkvölkern in zentralasiatischen Regionen oder Kaukasusvölker wie Tschetschenen, Dagestaner oder Inguscheten und das Gleiche gilt für Muslime in Ostafrika beispielsweise in Somalia oder Kenia.
Der Heilige Krieg
um die Errichtung
des Kalifats will
den irdischen
Anfechtungen der
letzten 1300 Jahre
entgegen wirken |
Für uns Europäer mag dies schwer begreiflich zu sein, weil wir gelernt haben, den Bereich des Staates und den der Religion zu trennen. Diese Trennung kennt der Islam nicht, Staat und Religion sind vielmehr eine Einheit. Der Heilige Krieg um die Errichtung eines Kalifats will eigentlich den irdischen Anfechtungen der letzten 1300 Jahre entgegenwirken, um wieder ein muslimisches Reich ohne diese Trennungen zu errichten.
Eine solche Einheit gab es in der frühislamischen Zeit Mohammeds und seiner ersten Nachfolger (Kalifen), in denen der Idealzustand eines muslimischen Gottesreiches praktiziert wurde, wenn auch nur für kurze Zeit (632 bis 661). Selbst die Ultra-Fundamentalisten, zum Beispiel die Taliban, sahen und sehen in dieser idealisierten Vergangenheit ein erstrebenswertes Ziel für Gegenwart und Zukunft.
Niemanden stört, dass es nicht im Zeitraum einer Dekade oder einer Generation erreicht werden kann. Man behilft sich, indem man Ziele anstrebt, die näher liegen und den jeweiligen Ethnien und die der geschichtlichen Überlieferung in dieser Region sehr viel eher Rechnung tragen und mit denen sich vor allem die Bevölkerung und die Kämpfer selber sehr viel eher identifizieren können.
Dies wird recht deutlich an dem Konflikt um Tschetschenien, der schon seit einiger Zeit nicht mehr ein Konflikt einer ethnischen Minorität von Muslimen gegen eine nicht-muslimische ethnische Majorität ist, sondern wo diese muslimische Minorität einen Gottesstaat in dieser Region, ein Emirat Nordkaukasus, für die Muslime errichten und die „Ungläubigen“ daraus entfernen will.
Im Nordkaukasus hat es schon im 18. Jahrhundert einen religiösen Führer, Mansur Uschurma, gegeben, der über Jahre den Truppen der Zarin Katharina der Großen einen Guerillakrieg lieferte, dann unterlag und in der Festung Schlüsselburg eingesperrt wurde, in der er 1793 starb.
Mit diesem Mann entstand etwas, was sich vielleicht mit unserer Kyffhäuser-Legende vergleichen lässt: Dieser verstorbene Imam soll der Überlieferung zufolge nur schlafen und sein Geist – so hieß es - würde später in einen anderen Kämpfer einziehen. Das war der Imam Schamil (1797 bis 1871), der eigentlich kein Tschetschene, sondern ein Aware war. Die Sufi-Sekte der Muriden wählte ihn 1834 zu ihrem Oberhaupt.
Dieser Imam Schamil ist zur Inkarnation des Kampfes gegen die Russen geworden. Schließlich hat er den Soldaten dreier Zaren über insgesamt 27 Jahre hinweg bis 1859 Widerstand geleistet. Der begabte spirituelle Militärführer hatte in der Zeit des Krieges gegen die „Ungläubigen“ (Gasawat) nicht nur Teile des Nordkaukasus zurückerobert, sondern auch ein theokratisches Imanat mit dem Kerngebiet Tschetschenien begründet.
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Der Imam Schamil wird in Tschetschenien noch heute sehr verehrt. Sein Bild hing
im Büro des ersten Untergrund-Präsidenten Dudajew und der heutige Führer des Kampfes der tschetschenischen Islamisten gegen die „ungläubigen Russen“ Schamil Bassajew sieht sich in der Nachfolge des berühmten Imam.
Ähnliches gibt es im Westen der Volksrepublik China, wo Muslime schon gegen chinesische Kaiser und für ihre Unabhängigkeit kämpften. Auch die Uiguren beziehen sich in ihrem heutigen Widerstand auf diese Ereignisse im 19. Jahrhundert, die insbesondere von der Sufi-Bruderschaft der Naqshbandiya
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| Schamil Bassajew Bild: dpa/pa |
initiiert wurden. |
So ließ zum Beispiel im Süden der heutigen Region Xinjiang der Muslimführer Yakub Beg von 1864 bis 1877 als Emir von Kashi in den von ihm beherrschten Gebieten die osmanische Flagge wehen.
Es gibt also eine ganze Reihe von Lehrern, die zugleich Kriegsführer waren, die noch heute Vorbilder sind und deren Schriften noch immer gelesen werden und ihre Aussagen werden neu interpretiert und auf die heutigen Ziele übertragen.
Das 19. und beginnende 20. Jahrhundert, die Spätzeit des Kolonialismus, spielte später eine große Rolle: So entwickelte sich etwa in Indien eine Bewegung für die Befreiung der Muslime von der britischen Herrschaft. Die Anführer waren keine Araber und zum Teil Lehrer, die an Universitäten lehrten und ihr Wissen und ihre Anschauungen auf diese Weise den Studenten weiter vermittelten. Dazu zählten gelehrte Männer wie der im Iran geborene Jamal al-Din Afghani (1838 bis 1897) und der aus Britisch-Indien stammende Abu I-Ala al-Maududi (1903 bis 1979).
Die Schriften wichtiger
Ideologen der Muslim-
bruderschaft haben die
Al-Qaida-Führer nach-
haltig beeinflusst. |
Ihre und andere Schriften sind über lange Zeiten verfügbar und werden immer wieder unter heutigen Aspekten neu interpretiert. Eine große Rolle spielten und spielen beispielsweise die Veröffentlichungen wichtiger Ideologen der Muslimbruderschaft, insbesondere die Schriften des Ägypters Sayyid Qutb (1906 bis 1966) und die des Palästinensers Abdullah Yusuf Azzam (1941 bis 1989). Ihre Schriften beeinflussten die heutigen Al-Qaida-Führer mit ihren politisch-militanten Djihad-Konzepten nachhaltig.
Es gibt also eine fast unüberschaubare Fülle von schriftlichen und mündlichen Überlieferungen, das meiste aus der arabischen Welt, aber auch aus nichtarabischen Gebieten. Gelehrte haben Überliefertes in asiatische und südostasiatische Räume übertragen und umgesetzt.
Dieser Prozess hält bis heute an und vermutlich gehen die wichtigsten Anstöße heute von den Regionen aus, in denen sich die meisten Muslime befinden, also Indonesien, wo es eine Vielzahl von Schulen gibt, die den Djihad lehren, aber beispielsweise auch Pakistan. Auch heute werden aus Kämpfern, die im Djihad den Tod finden, Märtyrer. Irgendeine Gruppe nennt sich nach diesen Märtyrern und wenn genügend Zeit vergangen ist, entstehen wieder Mythen und Legenden um diese Märtyrer herum.
Diese Mythen und Legenden spielen im islamischen Denken eine große Rolle. Wer ihre Gewalt nicht kennt, unterschätzt seinen Gegner.