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Das Netzwerk der Glaubensschwestern
15.06.2006: Nach dem ersten Selbstmord-Attentat einer gebürtigen Europäerin überprüfen die Sicherheitsbehörden neue "Gefahren in unserer Mitte", ein "Netzwerk von Glaubens-Schwestern" zu dem auch deutsche Konvertitinnen gehören könnten. Von Berndt Georg Thamm
Die Mitteilung an ihre Glaubensschwestern schien harmlos und kam von einer Konvertitin, die sich „Mutter Abdullahs“ nannte: „Ich bekomme jetzt eine großartige Möglichkeit mit meinem Baby. Natürlich habe ich ein wenig Angst um mein Kind. Deshalb will ich euch bitten, für mich und mein Baby zu beten, dass Allah, der Gepriesene, uns für das Paradies akzeptieren wird.“
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Auffällig war nur der letzte Teil des Satzes, der stark den Formulierungen von Selbstmordattentätern in Palästina in ihren Abschiedsbriefen ähnelte. „Mutter Abdullah“ war ein Pseudonym für eine zum Islam konvertierte Deutsche, die 39jährige Berlinerin Sonja B. Auf einen Tipp aus den USA hin wurde die Frau im Mai an ihrer Ausreise in den Irak gehindert und das Kind dem Jugendamt übergeben. Bei der Durchsuchung der Wohnung der Frau fand die Polizei zahlreiches Material über islamistische Extremisten-Organisationen, die ausgewertet wurden.
Nach Informationen des Berliner „Tagesspiegels“
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gehörte die Frau zusammen mit zwei weiteren Deutschen aus Bayern zu einer Gruppe von bis zu 47 Frauen islamischen Glaubens - die anderen kamen aus Dänemark und insbesondere aus Belgien - die im Internet über eine türkischsprachige Homepage für Anschläge geworben werden sollten.
Kommuniziert wurde in einem nur für Eingeweihte zugänglichen Chatroom - auf Türkisch, Deutsch und Englisch. Das auf Internet-Sicherheit spezialisierte Hamburger Unternehmen PAN AMP hatte dies recherchiert und Material über die Homepage an einen US-amerikanischen Nachrichtendienst weitergegeben.
In dem inzwischen geschlossenen Chatroom soll sich an der Agitation zu Selbstmordattentaten auch eine - im letzten Jahr getötete - Belgierin beteiligt haben:
- Am 9. November 2005 hatte sich die aus dem südbelgischen Städtchen Monceau-sur-Sambre stammende Muriel Degauque an einer Straßensperre in Baakuba in der Nähe einer US-Patrouille mit einem Sprenggürtel, den sie unter ihrem Tschador versteckt hatte, in die Luft gesprengt. Die 38jährige Frau war nach ihrer Heirat mit einem Türken zum Islam konvertiert, ließ sich wieder scheiden, und heiratete anschließend einen marokkanischen Migranten.
Während eines mehrmonatigen Aufenthalts in der Heimat ihres zweiten Mannes radikalisierte sich die Muslima. Später ließen sich beide zum „Einsatz“ in den Irak schleusen. Nach dem „Märtyrertod“ der Frau nahm die belgische Polizei 14 mutmaßliche Mitglieder eines Netzwerkes fest, dass offensichtlich von Brüssel aus Freiwillige für den Djihad im Irak rekrutierte.
Ein Terrorverdächtiger sagte seinerzeit aus, dass noch eine Reihe junger Frauen für den Selbstmordeinsatz bereitstünden.
- In Deutschland wurde schon 1997 der 1971 in Detmold geborene und 1994 zum Islam konvertierte Stephan Smyrek (der sich dann Abdel Karim nannte) bei seiner Einreise in Israel verhaftet. Smyrek war in Deutschland von Anwerbern der Hisbollah rekrutiert worden und erhielt eine „Märtyrer“-Ausbildung im Südlibanon. In dieser Vorbereitungszeit wurde er bereits vom Bundesnachrichtendienst (BND) und dem israelischen Mossad beobachtet.
Nach Abschluss seiner „Unterweisungen“ ließ er sich filmen: „Ich bitte die Christen, dem Islam zu dienen und den islamischen Weg mit Blut zu beschützen“. Der „für das Paradies bereite“ deutsche Shahid (islamischer Märtyrer) wurde in Israel wegen Unterstützung der Hisbollah zu 10 Jahren Haft verurteilt und vorzeitig (2003) nach Deutschland abgeschoben. Die Hisbollah bemühte sich Mitte der 1990er Jahre gezielt konvertierte Europäer für Selbstmordanschläge in Israel.
anzuwerben, da die Europäer dort - im Verhältnis zu Arabern - weniger Aufmerksamkeit erregten und „unverdächtiger“ auftreten können.
- Der 1978 im schwäbischen Blaubeuren geborene Thomas Fischer wurde im November 2003 bei Kämpfen an der Seite der Tschetschenen bei dem Ort Serschen-Jurt, etwa 30 km südöstlich von Grozny von russischen Spezialeinheiten getötet. Der zum Islam konvertierte Sportsmann soll, so berichteten Medien, Vorstandsmitglied des islamischen Informationszentrums Ulm gewesen sein.
Seine Besuche dort und insbesondere auch die im Multikulturhaus in Neu-Ulm ließen aus dem Konvertiten, der aus einem katholischen Elternhaus stammte, einen Islamisten und später einen von „Allahs Kämpfern“ werden, der sein Finale im Djihad im Nordkaukasus fand. Nach Angaben russischer Armeesprecher war der schwäbische Djihadist bereits der dritte Deutsche, der bei Kämpfen in Nordkaukasus ums Leben kam. Fischers Vorgänger stammten aus der süddeutschen Provinz und sammelten Spenden für Tschetschenien. Als ihnen dies nicht mehr reichte, reisten sie vermutlich über die Türkei und das Pankisi-Tal (Nord-Georgien) zu ihren Glaubensbrüdern.
Diese Anwerbung der potentieller Kämpfer seien keine Einzelfälle, sondern wurden gezielt in Richtung Europa, insbesondere auch in Deutschland unternommen. Allein in den Djihad am Golf sollen seit Beginn des amerikanischen Einmarsches im Irak 2003 nach Kenntnissen europäischer Nachrichtendienste mindestens 300 Muslime aus Westeuropa gereist sein, um dort gegen die Amerikaner und ihr „Bündnis der Willigen“ zu kämpfen.
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Die Anwerbung der Glaubensbrüder - und auch Glaubensschwestern - erfolgte meist über das Internet. In den über 4500 Webseiten „mit Djihad-Bezug“ - eine Reihe von Ihnen hat direkte Verbindung zur Al-Qaida-Bewegung - werden angehende Djihadisten motiviert und gibt es ungezählte Aufrufe, selbst das Leben der großen Sache (dem Djihad mit dem Ziel einer Errichtung des Kalifats) zu opfern.
Auch Frauen wurden dabei für den Djihad geworben. Ihr Einsatz als Märtyrerinnen wird allerdings erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts betrieben:
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- Nach dem ersten Tschetschenienkrieg (1994 bis 1996) gründete der arabischstämmige Ibn al-Chattab - ganz nach dem Vorbild der Al-Qaida - ein „Lehrzentrum Kaukasus“. Mit Unterstützung afghanischer und saudischer Spezialisten wurden hier nicht nur Djihad-Rekruten geschult, sondern ab dem Jahr 2000 junge Frauen aus dem Nordkaukasus zu Selbstmordattentäterinnen ausgebildet.
Arabische Instrukteure bereiteten die meist jungen „schwarzen Witwen“ auf Märtyrereinsätze vor. Weltweit wahrgenommen wurden diese Spezialistinnen im Oktober 2002 während des Geiseldramas im Moskauer Nord-Ost-Theater. Die dortigen Kämpferinnen des „Witwen-Heldinnen-Bataillons Tschetscheniens“, wie sie sich seinerzeit auf der Internetseite Kavkaz.org nannten, waren mit Sprengstoffgürteln verkabelt und kostümiert wie arabische Selbstmordattentäter. Ihren beabsichtigten Märtyrertod hatten sie in einem vom arabischen TV-Sender al-Dschasira ausgestrahlten Video angekündigt.
Nach Schätzungen des russischen Inlandsdienstes FSB soll es um die 150 tschetschenische „Smertniki“ (russisch: Selbstmordattentäter/innen) geben, meist junge Frauen bis zum 30. Lebensjahr. Der Warlord des Djihad im Nordkaukasus, Schamil Bassajew, befehligt noch heute mit dem „Regiment der Shahids“ eine ihm treu ergebene Gruppe islamistischer Selbstmordattentäterinnen.
- Selbstmordanschläge palästinensischer Attentäter sind über Jahre eine Waffe im asymmetrisch geführten Krieg in Nahost gewesen. Als sich am 27. Januar 2002 in die 26jährige Wafa Idris, Kämpferin der Al-Aqsa-Brigaden, mitten in Jerusalem in die Luft sprengte, eröffnete die aus einem Flüchtlingslager stammende „Schwester aller Krieger“ eine neue Dimension des Terrors: Die erste Selbstmordattentäterin in der Geschichte der Intifada bekam kurz nach ihrem Tod von ägyptischen Rechtsgelehrten den Status einer Märtyrerin, war ihr Tod doch ein „Akt der Selbstverteidigung auf dem Weg Gottes“.
Bis dahin waren die israelischen Sicherheitskräfte von einem festen Täterprofil ausgegangen: männlich, 17 bis 22 Jahre, arm, ungebildet, fanatisch, religiös. Wafa Idris, die als Rettungssanitäterin beim palästinensischen Roten Halbmond arbeitete, war nichts von alledem. Mit dem Anschlag auf das Restaurant Maxim in Tel Aviv Anfang Oktober 2003 hatte sich das Profil der Attentäter endgültig geändert: die palästinensische Selbstmordattentätern, eine 29jährige Rechtsanwältin, kam aus Jenin und hatte Monate zuvor Bruder und Cousin durch israelische Soldaten verloren.
„Sie schuldete niemandem mehr Gehorsam, ihren Eltern nicht, nicht der Gesellschaft, nicht Arafat. Auch die Schutzvorkehrungen hielten sie nicht ab. Nur ihr Glaube diktierte ihre Taten“, so damals die Analyse des israelischen Schriftstellers Yehoshua. Die junge Anwältin Tayassir Dscharada war die vierte Märtyrerin im Djihad gegen Israel und blieb nicht die letzte Selbstmordattentäterin.
- Der Selbstmordanschlag der Belgierin Muriel Degauque am 9. November 2005 nördlich von Bagdad riss mehrere irakische Polizisten in den Tod. Sie war die erste weibliche Attentäterin mit europäischem Pass. Ihre Tat hatte sie im Internet geplant. Ihre Reiseroute über die Türkei beschrieb sie detailliert in Chatrooms, dazu Pläne für Bombenbau und andere terroristische Aktivitäten.
Als im Zusammenhang mit dieser Tat in Belgien landesweit Personen festgenommen wurden, geschah dies unter dem Verdacht, sie würden sich und andere auf den Einsatz im Djihad vorbereiten. „Sie hatten zum Ziel, Freiwillige ins Schlachtfeld zu schicken“, so die Brüsseler Kriminalpolizei. Ein Terrorverdächtiger, der im Monat des Anschlags in Marokko festgenommen worden war, hatte ausgesagt, dass in Belgien eine ganze Gruppe Frauen auf ihren Einsatz als Attentäterinnen warte. Er hätte entsprechende Kontakte gehabt.
Möglicherweise gehören die nun im Mai bekannt gewordenen deutschen Frauen zu einem - im Entstehen begriffenen – „Netzwerk von Glaubensschwestern“, einem Verbund zum Islam konvertierter Frauen in europäischen Ländern, die in der Regel über ihre Ehemänner sich radikalisierten - bis hin zur Einsatzbereitschaft im Djihad.
Unstreitig ist, dass in den vergangenen Jahren Konvertiten eine zunehmend wichtigere Rolle im islamistischen Djihad eingenommen haben. Bis zum heutigen Tage haben „Märtyrer-Konvertiten“ ihre Anschläge außerhalb ihrer Heimatländer verübt - in der Regel auf den wichtigen Schauplätzen des Djihad außerhalb Europas. Dass hoch motivierte Konvertiten ihre Anschläge künftig jedoch auch in der eigenen Heimat verüben können, bleibt dennoch als „mögliche Gefahr in unserer Mitte“ zu befürchten. „Homegrown“-Terroristen, wie die Attentäter von London, pakistanischstämmige Briten der zweiten Generation, könnten als Vorbild dienen.
Zweifellos werden die Sicherheitsbehörden zukünftig Web-Seiten und Chat Rooms noch intensiver durchforsten. Ob es aber wirklich gelingen kann, die Entwicklung wirksam zu bekämpfen, ist zweifelhaft. Hier scheint eine Meta-Ebene mit häufig verschlüsselten Botschaften und Geheimsprachen für Eingeweihte entstanden zu sein, die sich in einem fortlaufenden Prozess weiter entwickelt. Wenn etwas entschlüsselt wird, gilt es als „verbrannt“, wird also von den Eingeweihten nicht länger genutzt und durch andere Begriffe ersetzt. Zusätzlich werden diese Angebote heute in vielen Sprachen nicht nur der islamischen Welt, sondern auch in vielen europäischen Sprachen, darunter auch in Deutsch, verkündet. In naher Zukunft könnten durch noch mehr Sprachen noch mehr Motivivierte erreicht werden.
Die mutmaßliche Attentäterin aus Berlin wird wohl straffrei ausgehen. „Das Vorgehen der Polizei gegen die Frau erfolgte im Rahmen gefahrenabwehrender Maßnahmen, ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts einer Straftat gibt es bislang nicht“ , so ein Vertreter der Berliner Staatsanwaltschaft Anfang Juni. Eine Ausreise allein sei nicht strafbar, und die eher vagen Ankündigungen und Andeutungen der „Mutter Abdullahs“ im Internet seien kein ausreichender Beweis für die Einleitung eines Verfahrens.
15.06.2006 / B. Schmalenberger
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