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Der Count-down läuft. Vom 9. Juni bis zum 9. Juli wird die 18. FIFA Fußball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006TM in 12 Städten Deutschlands ausgetragen. Die freudigen Erwartungen sind groß. Nur eine kleine Gruppe von Menschen sieht sie zugleich mit beträchtlichen Sorgen: Die Sicherheitsbehörden. Werden die Terroristen die Anwesenheit mehr als drei Millionen begeisterter Fußball-Fans zu schweren Anschlägen nutzen? Und: Können wir der Bedrohung durch solche Anschläge wirksam begegnen? |
Anlass für diese Befürchtungen gibt es mehr als genug:
- Erst Anfang Mai rief die kurdische-irakische Terrororganisation Ansar al-Islam dazu auf, die Beleidigung des Propheten durch die dänischen Mohammed-Karikaturen zu rächen. Die neue Kampagne wegen des Nachdrucks der Karikaturen in 143 Zeitungen in 56 verschiedenen Ländern („... Steht der Weg in den in Djihad gegen die Feinde Gottes noch offen") betrifft auch vier deutsche Blätter.
- Daneben beunruhigt ein mögliches Atomwaffen-Programm des schiitischen Gottesstaates Iran. Wegen der Brandreden seines Präsidenten gegen Israel („muss von der Landkarte getilgt werden") und seiner Zweifel am Holocaust („eine Erfindung der Juden") hatten Abgeordnete des EU-Parlamentes den Ausschluss des Landes von der FIFA WM 2006TM gefordert. Jetzt kann Deutschland nicht einmal ausschließen, dass der iranische Präsident Mahmud Ahmadi Nadschad ein Spiel seines Teams in Deutschland besucht. Staatsoberhäupter brauchen kein Visum.
- Eine Eskalation des Golfkonflikts bis hin zum Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten ist während der Weltmeisterschaft immerhin möglich. Der WM-Teilnehmer USA - der iranische Ayatollah gab ihm den Namen „Großer Satan" - ist nicht nur die Führungsnation im globalen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus, sondern auch der am stärksten bekämpfte Besatzer im Irak.
- Im „Bündnis der Willigen“ im Irak stellten vor gut zwei Jahren England 8220 Soldaten, Italien 2950, Polen in 2500, die Ukrainer 1650, die Niederlande 1300, Spanien 1300, Australien 850, Südkorea 500, Portugal 100 und die Tschechische Republik 80. Auch wenn nicht mehr alle am Golf kämpfen, sind doch alle genannten Länder WM-Teilnehmer.
- Der Djihadist al Zarqawi terrorisiert schiitische Gläubige im Irak und damit letztlich auch den Gottesstaat Iran. Dem sunnitischen Konkurrenten des Iran, Saudi Arabien, sprechen die Djihadisten wiederum den Führungsanspruch in der Welt sunnitischer Muslime wegen dessen Kooperation mit dem „ungläubigen" Westen ab. Der Al-Qaida Begründer Osama bin Laden hat aus diesen Gründen dem Königshaus Saud den Krieg erklärt.
- Der WM-Teilnehmer Frankreich hat sich insbesondere dem Kampf nordafrikanischer Terrorgruppen verschrieben und der WM-Teilnehmer Tunesien - die Anschläge gegen die Synagoge auf Djerba im April 2002 sind nicht vergessen - lehnt wie viele andere islamische Länder die Errichtung eines Kalifats auf eigenem Boden strikt ab.
- Schließlich beteiligt sich Deutschland mit weit über 2000 Bundeswehrsoldaten an der UN-Schutztruppe ISAF im islamischen Afghanistan. Es bildet irakische Polizisten und Soldaten im Deutschland und im Ausland (Vereinigte Arabische Emirate) aus und es bekämpft den islamistischen Terrorismus auch im Inland. Beispielsweise müssen sich seit dem 9. Mai vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf drei mutmaßliche Mitglieder der Al-Qaida im bundesweit ersten Prozess wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung verantworten.
Im Übrigen ist die FIFA Fußball-WeltmeisterschaftTM nicht einmal innerhalb der arabischen Teilnehmerstaaten völlig unumstritten: „Fußball ist ein Weltsport und nicht Sport der Ungläubigen" hieß es vor einem guten halben Jahr aus dem Justizministerium Saudi-Arabiens. Es war die Reaktion auf die Fußball-Fatwa des wahhabitischen Religionsgelehrten Abdallah al-Najdi.
Fußball nach "Regeln der Gottlosen"?
Die Saudis hatten sich gerade für die Teilnahme an der WM qualifiziert, da ergriff der fundamentalistische Imam das Wort. Für ihn waren die FIFA-Statuten - denn das Königreich war der FIFA bereits 1959 beigetreten – „Regeln der Ungläubigen“. Wer nach diesen Fußball spielte, der würde sterben und die Hölle würde ihn erwarten. Für den Fußball, der nach al-Najdi eigentlich „nicht im Sinne des Propheten“ ist, muss der Islam neue, eben „gottgefällige" Richtlinien aufstellen.
Die vom Scheich überarbeiteten FIFA-Regeln sollten auf keinen Fall mehr denen von „Häretikern, Juden oder Christen und insbesondere den teuflischen Amerikanern“ entsprechen: Das Tor hat keine Latte, das Spielfeld keine vier Linien, die Mannschaft keine 11 Spieler mehr; ein Schiedsrichter würde nicht gebraucht, gelbe und rote Karten würden sich erübrigen, Fouls nach der Scharia gerichtet.
Diese „Fußball-Fatwa“ erschien im Oktober 2005 auf einer islamistischen Webseite, die in der saudischen Zeitungen „al Watan“ abgedruckt wurde. Dort hieß es unter anderem: „...spielt nur Fußball, um besser für Gott kämpfen zu können und bereitet den Körper darauf vor, zum Djihad gerufen zu werden. Fußball dient nicht dem Zeitvertreib oder Spaß...“
Ein Drittel der Spiele hoch gefährdet
Mag man diese neuen Fußball-Regeln noch unter Kuriosa einordnen, will das Bundeskriminalamt (BKA) bei derart „politisch sensiblen" Spielen Anschläge islamistischer Terroristen keinesfalls ausschließen. Im jüngsten Lagebericht des BKA heißt es nach einem Bericht des Hamburger „Stern", dass „mindestens 21 der 64 Spiele als hoch gefährdet gelten". Das ist immerhin rund ein Drittel.
Dazu zählen nicht nur das Eröffnungsspiel (9.6. in München) und das Finale (9.7. in Berlin) sondern auch Spiele der USA und England, sowie des Iran und Saudi Arabiens. „Das größte Gefährdungspotenzial für die WM 2006", so das BKA, „dürfte aus dem Phänomen des islamistischen Terrorismus erwachsen“.
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| Iranische Fußball-Nationalmannschaft Bild: dpa/Picture-Alliance |
Die Welt zu Gast bei Freunden, lautet das Motto. Allerdings hat das US-Außenministerium in einem „Faktenpapier zur WM" seine Bürger schon Anfang Mai zur Wachsamkeit aufgerufen. Auch wenn es keinerlei spezifische oder glaubhafte Hinweise auf geplante Terroraktionen gebe, sei die Bedrohung durch internationale Terrorgruppen bei Großveranstaltungen wie der WM grundsätzlich ein Anlass zur Besorgnis.
Gefahren nicht nur durch al-Qaida
„Die von der Al Qaida unter Beweis gestellte Fähigkeit, ausgeklügelte Anschläge auf beträchtliche Strukturen wie Schiffe, große Bürogebäude, Botschaften und Hotels auszuführen, macht sie zu einer der größten potentiellen Bedrohungen für die Fußballweltmeisterschaft", hieß es in der Mitteilung, die das Ministerium aber nicht als Reisewarnung verstanden wissen wollte.
Hingewiesen wurde auch auf mögliche Gefahren, die in Europa durch dortige „homegrown“-Terroristen gegeben sind, für die beispielhaft die Attentäter von Madrid (marokkanisch-stämmige Spanier) und London (pakistanisch-stämmige Briten) stehen. Nach der Ermordung des holländischen Filmemachers van Gogh im November 2004 in Amsterdam durch einen nordafrikanischen Niederländer ist die Gefahr fanatischer Einzeltäter nicht auszuschließen, von terroristischen Trittbrettfahrern ganz abgesehen.
Im ministeriellen Faktenpapier wird auch vor Hooligans und generell davor gewarnt, dass große eigne angesichts hitziger Gefühle unberechenbar sein können. Wie berechtigt die Warnung vor Hooligans sein könnte, beweist eine Maßnahme der britischen Polizei, die rund 4000 bekannter „Problem-Fans“ Ausreiseverbot erteilt hat. Dennoch erwarten die Sicherheitsbehörden , dass rund 100.000 Fußball-Fans von der Insel nach Deutschland reisen.
Die deutsche Polizei wiederum befürchtet Aufmärsche von Rechtsextremisten, die ein begehrtes Motiv ausländischer Fotoreporter und Kamerateams sein könnten und für die sie – angesichts aller anderen Verpflichtungen - nicht mehr genügend Ordnungskräfte bereitstellen könnte. Außerdem könnten Rechtsextremisten die Hasstiraden des iranischen Regierungschefs gegen Israel bei Auftritten der iranischen Mannschaft durch entsprechende Schlachtrufe unterstützen.
Erstmals deutsche Sicherheitszentrale
Um diesen und anderen Störungen zu begegnen zu können, ist erstmals in der Geschichte Deutschlands eine Sicherheitszentrale für das gesamte Land in Betrieb gegangen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eröffnete in seinem Haus das „Nationale Informations- und Kooperationszentrum", kurz NICC. Dort erstellen insgesamt 22 Behörden und Organisationen - darunter der BND, die Bundeswehr aber auch Interpol - täglich ein „zentrales Lagebild zur WM".
Gut 120 Experten werden rund um die Uhr alle sicherheitsrelevanten Informationen zusammentragen. Zum zentralen Aufgabenfeld gehören Terrorismus und Extremismus sowie Fußball-typischen Gefahren wie Hooligans. Das NICC-Lagebild wird zweimal täglich - am frühen Morgen und am Nachmittag - an die Bundesregierung und alle beteiligten Organisationen gehen.
Nicht zuletzt mit einer solchen Koordination will die Bundesregierung Ereignissen wie vor fast dreieinhalb Jahrzehnten in Deutschland vorbeugen: Während der XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München nahmen Terroristen des palästinensischen „schwarzen September" 11 israelische Sportler im Olympischen Dorf als Geiseln, um 200 ihrer Anhänger aus israelischer Haft frei zu pressen.
Der Terrorakt endete damals mit dem Tod aller Geiseln und eines deutschen Polizisten. Von den Attentätern kamen fünf ums Leben, drei wurden im Folgemonat frei gepresst. Seit München, so IOC-Präsident Jacques Rogge 2004, „genießt die Sicherheit höchste Priorität bei den Olympischen Spielen", nach den Anschlägen des 11. September letztlich alle Großveranstaltungen.
Schutzbedürftig durch "mediale Begleitumstände"
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Für das Fußball-
Großereignis hat der
internationale Fußball-
Verband FIFA einige
Beschränkungen
verfügt, die eine
unbehinderte Bericht-
erstattung - offen-
sichtlich aus Gründen
der Vermarktung -
beeinträchtigen:
Das Ereignis darf nur
in der dafür vorge-
schriebenen Form und
mit Trademark (tm)
bezeichnet werden,
das oben im Beitrag
gezeigte Symbol darf
nur in genau bezeich-
neter Größe und das
Symbol der FIFA nur
bei Beiträgen über die
FIFA gezeigt werden
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Mit Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind alle wirtschaftlichen, sportlichen oder politischen Großveranstaltungen, ob G-8-Gipfel oder die anstehende WM davon betroffen und gelten als „schutzbedürftig auf hohem Niveau". Dieser Schutzbedürftigkeit bedeutet jedoch nicht, dass die internationalen Großveranstaltungen selbst das „Premium-Ziel" (prime target) des Djihad-Terrorismus darstellen.
Viel wahrscheinlicher machen die „medialen Begleitumstände“ derartige Großveranstaltungen für Attentäter interessant. Über die Großveranstaltung FIFA WM 2006
TM werden 15.000 Journalisten berichten, eine gewaltige Medienpräsenz. Medien globalisieren die „Macht der Bilder" - auch die von Anschlägen. Ihre Präsenz ist quasi der Garant einer „Breitenwirkung des Schreckens".
Die Schlussfolgerung könnte deshalb lauten, dass nicht die in der Regel hoch gesicherte Großveranstaltung, sondern die geringen bis nicht gesicherten " weichen Ziele" (soft targets) das eigentliche Premiumziel darstellen. Dazu gehören unter anderem die an 300 Orten in Deutschland aufgestellten Großleinwände, auf denen die Spiele übertragen werden sollen und viele Zehntausende von Besuchern ansprechen können.
„Zu jeder Zeit wachsam sein" gilt also nicht nur für amerikanische WM-Besucher, sondern für jeden "schutzarmen" Zivilisten.