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Kategorie Die Bedrohung Europas  

Vernichtende Analyse

05.11.2005: Für die Einen ist er der "Luther des Islam", für die Anderen nur ein doppelzüngiger Islamist: Tariq Ramadan. Ralph Ghadban zertrümmert das Bild des grossen Reformdenkers und hält seine Gedanken für überflüssig. Eine Buchbesprechung von Martin Riexinger.

Der Genfer Studienrat für Philosophie, Tariq Ramadan, wird einerseits als bedeutender Reformer, ja als ein Luther des Islam gefeiert, andererseits als doppelzüngiger Islamist mit Verbindungen zum Terrorismus verteufelt. Während die Einen weihevoll unkritisch seinen Predigten lauschen, skandalisieren die Anderen Aussagen in Interviews mit ihm selbst oder gar seinem radikaleren Bruder Hani.

Ralph Ghadban, aus dem Libanon stammender Islamwissenschaftler, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Fachhochschule Berlin und eines der nichtmuslimischen Mitglieder des Initiativkreises der Muslimischen Akademie in Deutschland, gehört nicht zu den Leichtgläubigen im Lande, doch beabsichtigt er nicht die Reihe reißerischer Enthüllungsschriften zu erweitern. Sein Ziel ist es, Tariq Ramadans Denken auf der Grundlage seiner Abhandlungen zu analysieren und im Kontext der neueren islamischen Geistesgeschichte einzuordnen.

Fünf Fragen stehen für Ghadban im Mittelpunkt des Interesses:

1. Welches Bild vermittelt Ramadan von der westlichen Gesellschaft?

2. Welches Bild zeichnet Ramadan von der Entwicklung der geistigen Strömungen im Islam?

3. Wie ordnet er die Muslimbrüder in der neueren islamischen Geistesgeschichte ein?

4. Welche Position vertritt Ramadan mit Bezug auf die Rechtsmethodik des Islam?

5. Welche politische Strategie verfolgt er?

Ramadans Charakterisierung des gegenwärtigen Europa als sinnentleerter, gottferner Kultur des Zweifels deckt sich mit der Auffassung der Islamisten. Mit seiner Auffassung, dass die Beziehungen zwischen Islam und Westen deswegen konfliktträchtig seien, gehe er konform mit Huntington. Seine Urteile über das Christentum beruhen nicht auf Originalquellen. Dennoch werde er als Experte für den Dialog der Zivilisationen gehandelt.

Rationale Strömungen im Islam ausgeblendet

Ghadban weist nach, dass Ramadan von einem autoritativen Verständnis der Offenbarung ausgeht, dass der Vernunft kaum Autonomie zugesteht. Daraus ergibt sich, dass er ein Bild von der Geistesgeschichte des Islam zeichnet, das rationale Strömungen konsequent ausblendet. Philosophie und Theologie werte er generell ab. So behaupte er, theologische Fragen hätten anders als juristische Normen die frühen Muslime nicht interessiert, obwohl es zu den islamwissenschaftlichen Grundkenntnissen gehöre, dass sich die ersten theologischen Schulen herausbildeten, bevor die islamische Rechtswissenschaft entstand.

Die islamische Theologie lasse Ramadan mit al-Ghazzâlî (gest. 1111) beginnen, der mit seinen Angriffen gegen die Philosophie dem Rationalismus im Islam ein Ende bereitet habe. Als weiteren großen Denker preise er den Damaszener Rechtsgelehrten Ibn Taimiya (gest 1328), den Islamisten wegen seiner besonders rigiden Rechtsauffassungen gerne zitieren.

Ein wesentlicher Teil von Ramadans Publizistik ist dem Ziel gewidmet, das Wirken seines Großvaters Hasan al-Bannâ, des Begründers der Muslimbrüder, in positivem Licht erscheinen zu lassen. Seine Dissertation, die von der Universität Genf zunächst zurückgewiesen worden war, präsentiere Hasan al-Bannâ als geistigen Erben der modernistischen Reformer Al-Afghânî und Muhammad Abduh dar. Ghadban entlarvt dies als Geschichtsklitterung. Während es diesen beiden darum gegangen sei, dass Recht mit rationalistischen Methoden zu modernisieren, habe al-Bannâ danach gestrebt, die Normen des traditionellen Islam wieder allgemeinverbindlich durchzusetzen.

Belehrung mit halbgaren Gedanken

Ramadan erhebt den Anspruch, dass die von ihm vorangetriebene Erneuerung des Islams in Europa auf die islamischen Kernländer ausstrahlen werde. Doch ist dies nach Ghadban unwahrscheinlich. Schließlich warten die islamischen Autoritäten nicht darauf, mit halbgaren Rezepten belehrt zu werden.  Bei der Analyse von Ramadans kontroversen Stellungnahmen zu Einzelfragen zeigt Ghadban, dass er von der unveränderten Gültigkeit des islamischen Rechts ausgeht.

Halte er eine bestimmte Rechtsauffassung für nicht mehr angemessen, könne er nur für ein Moratorium plädieren, wie im Fall der Steinigung von Ehebrechern. Ein völliger Neuzugang zum Koran, der es erlaubte, Urteile auf Überlegungen zur Menschenwürde oder der Zuneigung der Geschlechter zu begründen liege jenseits von Ramadans Horizont.

Als Reaktion auf die Migration größerer Gruppen von Muslimen in westliche Länder hatten Rechtsgelehrte wie al-Qaradâwî Konzept des „Rechts der Minderheiten“ entwickelt, das den muslimischen Migranten viele Ausnahmeregeln gewährt, da sie sich in einer Zwangslage befinden. Ramadan propagiere stattdessen, dass die muslimischen Migranten einen Vertrag mit westlichen Gesellschaften geschlossen hätten, der ihnen Loyalität gebiete, solange nicht in ihre religiösen Belange eingegriffen werde.

In Partnerschaft mit anderen gesellschaftlichen Gruppen solle der Aktionsradius für islamische Projekte erweitert werden. Da Allianzen mit anderen Akteuren im politischen Feld aber nie aus innerer Affinität erwüchsen, sondern allein aus der Spekulation auf einen taktischen Vorteil, seien sie nie von langer Dauer.

Ziel ist die Islamisierung des Westens

Aus taktischen Gründen propagiere Ramadan ein kommunitaristisches Gesellschaftsideal. Er, der die westliche Zivilisation stets kritisiert, fordert, Weltanschauung und Traditionen minoritärer Gruppen dürften nicht infrage gestellt werden. Damit finde er bei Multikulturalisten Anklang. Ramadans Ziel sei die Islamisierung der westlichen Gesellschaften. Die Demokratie heiße er daher gut, weil sie ihm Aktionsmöglichkeiten eröffnet. Die auf den Menschenrechten gegründete Verfassungsordnung wolle er hingegen überwinden.

Das Bild vom großen Reformdenker Ramadan zertrümmert Ghadban eindrücklich, doch beurteilt er dessen Gedankengut als eher überflüssig denn gefährlich. Die marginalisierten Vorstadtjugendlichen erreiche er nicht, beschäftigten sich die gebildeteren europäischen Muslime mit seinen Ideen gingen ihnen Energien für eine produktive Auseinandersetzung mit der Moderne verloren.

Er betrachtet es daher als wenig hilfreich, wenn Kirchen und Regierungen im Westen ihn als Ansprechpartner ausersehen. Wo ein Bewunderer Ramadans ihn lobt, weil er die Muslime „abholt, wo sie stehen“, demonstriert Ghadban, dass man so nie vorwärts kommt.1

Geistesgeschichte etwas klischeehaft

Wenngleich die Ghadbans Kritik stichhaltig ist, verunzieren einige Mängel das Buch. Der Autor holt zu langen historischen Exkursen aus, bei denen Tariq Ramadan in Vergessenheit zu geraten droht. Dies ist zugegebenermaßen dem Dilemma geschuldet, dass die notwendigen islamwissenschaftlichen Kenntnisse nicht allgemein vorausgesetzt werden können. Außerdem ist Ghadbans Sicht der islamischen Geistesgeschichte zuweilen etwas klischeehaft. Al-Ghazzâlî kann zum Beispiel nicht rundheraus als Antirationalist abgekanzelt werden.

Als Inspirationsquelle der islamischen Modernisten um 1900 nennt er die frühislamische theologische Schule der Mutazila. Es trifft zwar zu, dass sich Denker wie Abduh auf diese Strömung berufen haben, allerdings konnten sie deren Lehren allenfalls aus den Polemiken ihrer Gegner erschließen, da erst mit Handschriftenfunden im Jemen der 1950er Jahre mutazilitische Originalquellen bekannt wurden.

Höchst ärgerlich ist zudem, wie schlampig das Buch redigiert wurde. Die Umschrift ist uneinheitlich und manchmal nicht korrekt, manche Personen erscheinen in einem Absatz in zwei verschiedenen Schreibweisen! Dies ist für den Laien verwirrend, für den Fachmann ärgerlich und Ramadans Claque dürfte sich auf diese Fehler stürzen, um das Buch zu desavouieren.

____________________________

1) Ludwig Ammann: „Tariq Ramadan: Die konservative Reform" in ders. & Katajun Amirpur (Hg.): /Der Islam am Wendepunkt. Liberale und konservative Reformer einer Weltreligion/, Freiburg: Herder, 2006, S. 23-33, dort S. 30. Mit Ghadban ist er sich allerdings einig, dass in den Grenzen der traditionellen Rechtsmethodik nicht mehr möglich ist (S. 32), doch nennt er Ramadans Aufruf zum Moratorium für Steinigungen, einer Strafform, die in der großen Mehrheit der islamischen Länder abgeschafft wurde, „spektakulär".


*) Dr. Martin Riexinger ist Islamwissenschaftler und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Arabistik an der Universität zu Göttingen. Seine vielseitige Publikationstätigkeit fußt unter anderem auf mehrfachen Studienreisen nach Pakistan, in die Türkei und nach London.

_____________________________

 

   Ralph Ghadban:

   Tariq Ramadan und
   die Islamisierung
   Europas

   Schiler Verlag Berlin

   Preis 17,-
   ISBN 3-89930-150-1

 

05.11.2005 / B. Schmalenberger

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