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Osama Bin Laden hat mehrfach mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht, aber trotz seiner Kontakte zu pakistanischen Wissenschaftlern nicht genügend waffenfähiges Material erhalten und auch keine Atomwaffen beschaffen können.
Soweit ich weiß und kompetent bin, dazu Auskunft zu geben, hat bin Laden die Beschaffung von Atomwaffen nicht weiter verfolgt, sondern sich stärker bemüht, radiologische Substanzen zu erhalten. Eine Bedrohung mit einer „schmutzigen Bombe“ ist deshalb nicht auszuschließen.
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Die tschetschenischen Rebellen hatten schon vor 10 Jahren bereits in einem Moskauer Park einen Anschlag mit einem Kanister radioaktivem Caesium und einer Dynamit-Ladung geplant, der allerdings rechtzeitig entdeckt wurde. Die Gefahr müsste also wachsen?
Das ist schwer abzuschätzen. Ich halte die Gefahr jedoch für durchaus konkret und nach den vorliegenden Erkenntnissen eher noch steigend.
Schließlich haben auch zehntausende von Menschen ständig Zugang zu radioaktivem Material.
Sicherlich gibt es in vielen Ländern Zugangskontrollen, die übrigens von Land zu Land sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Selbst in den USA wurde immer wieder bemängelt, dass die Zugangskontrollen nicht ausreichen beziehungsweise nicht umgesetzt worden sind. Der Zugang zu diesem Material wird also nicht streng genug gehandhabt und wir haben sicherlich in verschiedenen Ländern und Institutionen „Schläfer“, die Zugang zu diesem Material besitzen.
Wie steht es um die Sicherheit von Atomkraftwerken?
Das Thema ist sehr facettenreich. Wir beschäftigen uns in der Firma Diehl ebenfalls mit der Sicherheit von Atomkraftwerken. Der Schutz von Atomkraftwerken ist ein Auftrag der deutschen Regierung und anderer Länder vor allem des Westens. Man könnte sich das Szenario des 11. September vorstellen, Raketen könnten auf ein Atom-Kraftwerk abgeschossen werden. Es es ist denkbar, dass Terroristen versuchen, in das Gelände einzudringen, sich abzuseilen von Hubschraubern und anderes mehr. Solche Szenarien allzu deutlich in der Öffentlichkeit zu diskutieren, halte ich nicht für sinnvoll, weil man damit Ideengeber spielen könnte. Im übrigen gibt es ganz eindeutig auch hier Handlungsbedarf, obwohl sich bereits viele Firmen in der Vergangenheit mit diesem Thema befasst haben.
Es wurden bereits ein Anschlag auf militärische Einrichtungen in Israel und ein anderer mit einer Lastwagenbombe auf einen US- Luftwaffenstützpunkt in Belgien geplant, die beide fehlschlugen.
Alle Einrichtungen der so genannten kritischen Infrastruktur müssen mit derartigen Anschlägen rechnen. Es hat bekanntlich auch Anschläge auf U-Bahnen und Eisenbahnen gegeben. Man muss sich also immer wieder die Frage stellen: Was könnten neue Anschlagsziele und -Strategien sein, wie kann ich solchen Anschlägen entgegentreten, über welche Maßnahmen verfüge ich?
Möglich ist auch eine radioaktive Verseuchung des Trinkwassers.
Es ist technisch sicherlich möglich. Die Wasserversorgungsbetriebe haben aber sehr hohe Sicherheitsstandards und sind rundum geschützt, um alle Versuche, hier einzudringen, abzuwehren. Als Mikrobiologin weiß ich im übrigen auch, dass alle solche Substanzen sehr schnell und hochgradig verdünnt werden.
Es hat Aufsehen erregende Pressemeldungen über die Herstellung von Ricin in Paris und London gegeben, ein hochwirksames, tödliches Gift.
Ricin ist tatsächlich sehr leicht herzustellen. Auch in Afghanistan wurden Laboratorien gefunden, in denen die Taliban Ricin hergestellt haben. Ich halte Ricin im übrigen für einen Giftstoff, der nicht nur gegen einzelne, sondern auch gegen größere Menschenmengen eingesetzt werden könnte. Es könnte im Wasser gelöst oder auch in trockener Form ausgebracht werden.
In Afghanistan wurde auch versucht, Zyanid, Botulinum und Anthrax herzustellen.
Bei Anthrax bin ich nicht sicher. Ich glaube die Al-Qaida hat versucht, es zu beschaffen. Die anderen von Ihnen erwähnten Stoffe wurden tatsächlich hergestellt.
Aber diese Laboratorien sind jetzt zerstört. Wird es künftig an vielen Stellen der Welt in „Garagen“ produziert?
Schwierig zu beantworten. Botulinumtoxin ist nicht so ganz einfach herzustellen, aber es ist natürlich viel einfacher, solche biologischen Kampfstoffe herzustellen als nukleares Material zu beschaffen. Man kann im Internet viele „Kochbuchrezepte“ für biologische und chemische Kampfstoffe finden und der einfache Zugang zu den Rohstoffen macht schon recht nachdenklich.
Sie haben es schon gesagt: Man kann im Internet Rezepte bis zum waffenfähigen Einsatz finden.
Ja leider. Dennoch: wenn es um am Bakterien und Viren geht, braucht es Experten. Der Umgang mit solchen Organismen ist nicht ganz einfach. Trotzdem ist es erschreckend, wieviel im Internet darüber geschrieben worden ist und wie einfach es Gruppen der organisierten Kriminalität und Terroristen damit gemacht wird.
In zwei Fällen sind Anschläge gescheitert, weil Kenntnisse in der Verfahrenstechnik fehlten: Bei dem Anschlag in der U-Bahn von Tokio und bei den geplanten Milzbrandanschlägen in den USA. Solche Kenntnisse dürften auf die Dauer aber zur Verfügung stehen.
Es kommt immer darauf an, was man erreichen will. Genügt es, eine Terror-Warnung zu verbreiten und will man nur Panik verbreiten. Die japanische Gruppe kannte sich übrigens mit Anthrax überhaupt nicht aus und insofern zeigte der Anschlag keine Wirkung. Sie verfügten nicht über ein Bindemittel und der Stoff verklumpte dadurch. Außerdem haben sie es von Hochhäusern ausgebracht und es wurde vom Winde verweht. Aber die Kenntnis wächst natürlich und die Anthrax-Anschläge in USA haben dokumentiert, dass man in sehr viel höherem Umfang über den Einsatz von Bindemitteln und anderem Bescheid weiß.
Die Al-Qaida verfügt heute bereits über hochintelligente Spezialisten im Internetbereich. Sie könnte sich auch Experten in den Laboratorien anwerben.
Das ist sicherlich eine ernsthafte Gefahr. Es gibt ein großes Potenzial an Experten in vielen Ländern der Welt, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen oder frustriert sind und die damit über eine Prädisposition verfügen, die die Al-Qaeda ausnutzen könnte. Man ist im Wissenschaftsbereich international sehr eng vernetzt und weiß, dass sie tatsächlich Zugang zu allen möglichen Personen unterschiedlicher Qualifikation und Tätigkeit haben.
Handelt es sich bei all dem also eher um „Panikwaffen“, bei denen es vor allem auf die wirksame Drohung ankommt?
Bisher hatte sich immer noch gezeigt, dass bei großen Anschlägen die klassischen Mittel eingesetzt wurden, etwa Sprengstoff und nicht die etwas schwieriger zu handhabenden chemischen und biologischen Substanzen. Allerdings gibt es auch Sprengstoffe, die schwieriger zu handhaben sind und die - wie unter anderem der Londoner Anschlag gezeigt hat - auch schon Leben von Terroristen gekostet haben. Bei den A-, B- und C-Kampfstoffen kann ich mir - mit Ausnahme vielleicht der „schmutzigen Bombe“ - vorstellen, dass sie eher als Panikwaffen genutzt werden. Das heißt nicht, dass ein großer Anschlag mit einer erheblichen Zahl von Toten auszuschließen wäre. Die Tendenz ist leider, immer mehr Menschen bei einem Anschlag umzubringen und das erreiche ich natürlich gerade mit B-und C-Waffen.
Sind wir auf solche Anschläge vorbereitet?
Ich kann nur über meine eigenen Erkenntnisse sprechen aus den verschiedensten Kreisen der inneren Sicherheit, Feuerwehr, Katastrophenschutz oder schließlich der Bundeswehr. Ich beobachte, dass wir in der A- und C-Abwehr technisch sehr gut ausgestattet sind, die Einsatzwagen der Feuerwehr und der Berufsfeuerwehr haben eine sehr gute Ausstattung. Bei der B-Abwehr herrscht Mangel. Hier ist bisher wenig vorhanden, es dauert auch alles viel zu lange. Es gibt viele Angebote von Seiten der Industrie, aber bisher bestehen noch immer große Lücken in der Ausstattung. Bei der Taktik und Logistik kann ich nur eigene Eindrücke wiedergeben, dass auch hier noch vieles im argen liegt. Bemühungen dies zu ändern, stoßen immer wieder auf Grenzen, zum Beispiel Grenzen des Föderalismus. Die Kommunikationsmöglichkeiten und Hierarchien sind bei Polizei, Bundespolizei, THW, Feuerwehr sind zu unterschiedlich. Es gibt immer wieder Einrichtungen auf lokaler Ebene, die sehr gut miteinander arbeiten. Sie beruhen aber meist auf sehr guten persönlichen Kontakten und nicht auf einer einheitlichen Struktur. Hier ist also noch großer Handlungsbedarf.
Von Seiten der Industrie gibt es umfassende Angebote?
Ja. Bisher war es im Bereich der biologischen Kampfstoffe schwierig, etwas schnell und einfach zu messen. Das hat sich aber grundlegend geändert. Das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie hat hier in in Zusammenarbeit mit der Firma Diehl eines der besten Geräte dafür entwickelt, das schnell und zuverlässig mit einer sehr leichten Einheit Ergebnisse mit einer großen Bandbreite liefern kann, wo bei anderen ganz unterschiedliche Geräte eingesetzt werden müssen.
Zum Schluss eine Frage: finden Sie es gefährlich, über solche möglichen Bedrohungen öffentlich zu reden? Betreiben wir damit das Geschäft der Terroristen?
Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten: Ich habe seit vielen Jahren Vorträge zum Thema B-Waffen gehalten, über Einsatz wie Abwehr und habe immer wieder festgestellt, dass die Bevölkerung entgegen mancher Befürchtungen für präzise und ausgewogene Informationen sehr dankbar war. Die Bevölkerung möchte informiert werden und es tut auch gut zu erfahren, dass sich viele Gedanken machen, dass sie zusammenarbeiten und dass auch technische Möglichkeiten zur Abwehr vorhanden sind.
*) Frau Dr. Elisabeth Hauschild ist promovierte Mikrobiologin, Major der Reserve in der Bundeswehr und Key Account Manager bei der Firma Diehl BGT Defence