Schon die Terroranschläge vom 11. September 2001 hatten auch in der arabischen Öffentlichkeit mehrheitlich zur Verurteilung des Terrorismus und der islamistischen Ideologie von Al-Qaida geführt Allerdings zeigte sich relativ bald, dass der tiefere Grund für die Anschläge nicht in den einzelnen Gesellschaften der Region selbst, sondern vielmehr außerhalb gesucht und gefunden wurde.
Nach dem 9/11 wurden
die Anschläge Verurteilt,
aber die Gründe dafür bei
den anderen gesucht. Die
Rechnung der Al Qaida
war damit aufgegangen. |
So haben viele Kommentatoren den Terror in der arabischen Öffentlichkeit als eine zwar falsche aber irgendwie doch verständliche Reaktion auf die imperialistische arrogante Politik der USA und eine menschenverachtende israelische Besatzungspolitik betrachtet. Damit war die Rechnung der Al-Qaida, die auf in der arabischen Öffentlichkeit weit verbreitete anti-amerikanische und anti-israelische Haltungen zielte, mehr oder weniger aufgegangen.
Mehr noch: In vielen arabischen Medien ließ sich in den Monaten nach dem 11.9. ein neuer antisemitischer Mythos beobachten. So war es entweder der israelische Mossad, der direkt hinter den Anschlägen vom 11.9. vermutet wurde oder es war der CIA, der auf diese Weise israelische Interessen verfolgte. Die Behauptungen über im WTC beschäftigte jüdische Angestellte, die am 11. September angeblich nicht zur Arbeit erschienen waren, weil sie gewarnt worden seien, sind in diesem Zusammenhang weithin bekannt geworden.
Die Theorie, wonach die USA und Israel mit dem 11.9. nur einen Vorwand für politische und militärische Interventionen im Mittleren Osten geschaffen hätten, um dort ihre Hegemonie zu sichern, fügte sich nahtlos in anti-amerikanische und anti-israelische bzw. anti-semitische Weltanschauungen ein, die in der Region weit verbreitet sind.[1]
Noch ein Jahr nach den Anschlägen erklärten einer Umfrage der ägyptischen Wochenzeitung Al-Ahram-Weekly zufolge 39% der befragten Ägypter, dass ihrer Meinung nach der Mossad hinter den Anschlägen steckte, während lediglich 19% von der Täterschaft Al-Qaidas oder anderer militanter Islamisten überzeugt waren. 52% vertraten überdies die Ansicht, dass die USA die Anschläge „verdient“ hätten.[2]
Selbstmordanschläge in arabischen Ländern
|

Aus: Al-Madina (Saudi-Arabien),
21. Juli 2005
|
Durch die in den darauf folgenden Jahren in Indonesien, Spanien, der Türkei und England aber auch in Kuwait, Marokko, Saudi Arabien, dem Irak und Ägypten verübten Anschläge ist der arabischen Öffentlichkeit dagegen schmerzlich bewusst geworden, dass islamistische Selbstmordattentäter sich nicht nur in Israel und den USA, sondern weltweit und auch in islamischen Ländern mit dem Ziel in die Luft jagen, möglichst viele Menschen zu töten.
Zuletzt haben die kurz aufeinander folgenden Attentate in London und dem ägyptischen Scharm Al-Scheich die Aufmerksamkeit auf Fragen nach den Motiven der extremistischen Gruppierungen gelenkt. Mehr denn je werden dabei mittlerweile auch Fragen nach Ursachen des Terrorismus in den Gesellschaften der Region selbst laut.
Tatsächlich hat sich der in den vergangenen vier Jahren in der arabischen Medienöffentlichkeit geführte Diskurs über Terrorismus und Selbstmordanschläge inzwischen stärker nach innen – das heißt auf die Situation in den Herkunftsländern der Täter – gerichtet. Das ist zum einen sicher darauf zurückzuführen, dass infolge zunehmenden politischen Drucks von außen und innergesellschaftlicher Entwicklungen in der Region selbstkritische Stimmen lauter geworden sind und sich mehr Raum verschaffen konnten.
Kritik an der notorischen Korruption
In neuer Form und mit größerem Nachdruck verlangen diese Stimmen nach Reformen etwa im Bildungswesen, nach stärkerer politischer Partizipation der Bevölkerung, nach Demokratisierung und Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten. Gleichzeitig kritisieren sie die notorische Korruption sowie fortwährende Menschenrechtsverletzungen. Überdies werden in diesem Zuge Forderungen nach Säkularisierung der arabischen Gesellschaften, einer Revision der Rolle des Islam sowie einer Neubestimmung des schwierigen Verhältnisses zu Israel und den USA erörtert.[3]
|
Kritik an den
Zuständen in
ihren Ländern,
aber auch der
Tod von Muslimen
bei den Anschlägen
hat zu die Debatte
über den Terror
intensiviert
|
Zum anderen geht die Intensivierung der Debatte sicherlich auch darauf zurück, dass im Irak und zuletzt in Scharm Al-Scheich vor allem Muslime zu Opfern des islamistischen Terrors geworden sind. Eine zumindest in Teilen lange zurückhaltende ist vor diesem Hintergrund zuletzt einer deutlich vehementeren Verurteilung der Anschläge gewichen.
Natürlich gibt es noch immer Positionen, die solche Anschläge lediglich als Reaktion auf eine verfehlte Nahostpolitik sowie auf den ‚Krieg gegen den Terror’ verstanden wissen wollen, mit dem vor allem die USA eine ‚amerikanische Hegemonie’ über die Region anstrebten. Zwischen der westlichen und der ‚islamischen Welt‘ herrsche Krieg und da müsse man sich eben verteidigen.
Treffen und getroffenwerden - das ist Krieg
So äußerte sich zum Beispiel Mamoun Al-Tamimi, Mitglied des Palästinensischen Nationalrates, in einer Diskussion über die Anschläge in London im Fernsehsender Al-Jazeera: „Im Krieg triffst du und du wirst getroffen - das ist die Gleichung. [...] Großbritannien hat unendliche Zerstörung über das irakische Volk gebracht.“ Zu den Motiven der Attentäter konstatiert Al-Tamimi, dass sie den Tod liebten wie andere das Leben: „Und was hat dazu geführt, dass sie den Tod lieben? Die britische und die amerikanische Politik. Das amerikanische und das britische Volk werden den Preis dafür bezahlen, wenn sie ihre Regierungen nicht absetzen.“[4]
Obwohl er verschiedentlich einzelne Anschläge und Terror generell verurteilt hat, begreift auch der Chefredakteur der panarabisch-nationalistischen Tageszeitung Al-Quds Al-Arabi, Abd Al-Bari 'Atwan, die Anschläge in London als Bestandteil des Irakkrieges: „Wir wollen die Anschläge nicht rechtfertigen, sondern sie analysieren und interpretieren. Der britische Premierminister Tony Blair müsste als erfahrener Politiker eigentlich wissen, dass, wenn er den Kampf gegen die Hochburg des Terrors in den Mittleren Osten trägt, diese [Terroristen] oder Gruppen, die ihnen nahe stehen, genauso denken [wie er] und den Terror nach London, New York, Washington oder Rom bringen werden.
Krieg ist Krieg und der Terror ist eine Seite von ihm - sei es nun in Form von Raketen und Granaten oder durch das Zünden einer Bombe in einem öffentlichen Verkehrsmittel, dass unschuldige Menschen zu ihren Arbeitsplätzen bringt. Wir leben in einer Zeit, in der wir durch Angst und Terror regiert werden – und das wird uns von einer dummen amerikanischen Politik aufgezwungen, die keinen Dialog, sondern nur Krieg und Zerstörung kennt.“[5]
Die Gründe des Terrorismus eliminieren
|

Der "Extremismus" als Sensenmann
Aus: Al-Ayyam (Bahrain), 27. Juli 2005.
|
Auch die Politikwissenschaftlerin Dr. Amira Shinwani verurteilte in der ägyptischen halboffiziellen Tageszeitung Al-Ahram die Anschläge, sieht aber ähnliche Gründe für die Entstehung des Terrorismus: „Man kann den Terrorismus nur eliminieren, indem man seine Gründe eliminiert. Es gibt keinen Zweifel, dass wir den Terrorismus jeglicher Art grundsätzlich ablehnen, wie auch den Mord an Menschen jeder Religion und Nationalität. [Aber] Terroristen sehen, wie einflussreiche Länder selbst solche oder noch schlimmere Formen von Terrorismus einsetzen.
Wenn sie zum Beispiel in Afghanistan und Irak die Leute umbringen und Städte und Dörfer zerstören. Oder wenn die arabischen Palästinenser in ihrem eigenen Land von Israel vernichtet werden. [...] Der Terrorismus von London bis Scharm Al-Scheich wird niemals eliminiert werden, wenn man nicht die Politik der Besatzung und der ungleichen Maßstäbe [double standards] abschafft.“[6]
Noch weiter geht der libanesische Ex-Terrorist Anis Al-Naqqash in einem Interview mit dem Fernsehsender der libanesischen Hizbullah, Al-Manar: Er rechtfertigte offen die Terroranschläge in London und appellierte an islamische Gelehrte, einen Jihad in die „richtige Richtung“ auszurufen.[7]
Fatwas gegen den Terror
Genau das Gegenteil fordert hingegen der ehemalige Herausgeber der saudischen Zeitung Al-Watan, Jamal Ahmad Khashoggi, von islamischen Religionsgelehrten: nämlich eine Fatwa gegen den Terror. Selbstmordattentate sollten von höchsten religiösen Stellen endlich eindeutig und ohne Ausnahmen verurteilt werden, und zwar „nicht“, so Khashoggi, „weil der Westen es von uns verlangt, sondern weil sie Geist und Wortlaut des Koran widersprechen.“[8]
Khashoggi gehört damit zu einer Strömung, die sich in der arabischen Öffentlichkeit seit einigen Jahren und zuletzt insbesondere nach dem Anschlag im ägyptischen Scharm Al-Scheich immer vernehmlicher zu Wort meldet. In der Zeitung Al-Sharq Al-Awsat geht Mamoun Fandy, Leiter eines Nahostberatungsinstituts in Washington, noch einen Schritt weiter und fordert neben den religiösen Gelehrten auch die muslimischen Gesellschaften insgesamt auf, sich endlich ausdrücklich gegen den Terrorismus und seine Apologeten zu wenden:
|
„Es ist Zeit für eine
Fatwa, die Usama Bin
Laden und seine
Anhänger aus dem
Islam verstößt. Wir
brauchen eine ganze
Serie von Antiterror-
Fatwas, die bekräftigen,
dass der Islam derartige
Taten verurteilt."
|
„Es ist Zeit für eine Fatwa, die Usama Bin Laden und seine Anhänger aus dem Islam verstößt. In einer Zeit, in der sich der Terror von New York bis nach Casablanca, Kairo, London und Scharm Al-Scheich verbreitet, brauchen wir eine ganze Serie von Antiterror-Fatwas, die bekräftigen, dass der Islam Gewalt an Unschuldigen nicht unterstützt, sondern derartige Taten verurteilt.
Aber das reicht noch nicht aus. Wir müssen uns auch von jenen Muslimen unter uns distanzieren, welche die Verteidigung des Islam auf diese Art und Weise für notwendig halten. Als Muslim denke ich, dass wir hier ganz klar sein müssen. [Und dazu] brauchen wir Antworten auf [irreführende] Fatwas, die in unserem Namen herausgegeben werden.“[9]
Symbolträchtige Konferenz der Gelehrten
Die zuletzt zu verzeichnende Häufung solcher Positionen hat unter anderem wohl dazu beigetragen, dass renommierte und prominente islamische Gelehrte Ende August symbolträchtig eben im ägyptischen Scharm Al-Scheich zu einer Konferenz zusammenkamen, um sich darüber zu verständigen, wann es sich im bewaffnet geführten Kampf um Selbstmord, Martyrium oder Widerstand handele.
Zwar wurde keine Fatwa gegen den Terrorismus verabschiedet – allein die Tatsache, dass solche Fragen im Rahmen einer Konferenz von religionsgelehrten kontrovers diskutiert wurden, könnte jedoch mit etwas Optimismus als Anzeichen eines grundlegenderen Diskurswandels betrachtet werden.
Zu einer Verurteilung einzelner terroristischer Gruppen und ihrer Ideologie wollten sich die in Scharm Al-Scheich versammelten Religionsgelehrten indes nicht durchringen. Zwar wies der ägyptische Professor für Islamisches Recht, Dr. Muhammad Rafat Othman, darauf hin, dass der Akt der Selbsttötung nach islamischen Recht generell verboten sei - sogar im Zuge des Jihad, bei dem man zwar in Kauf nehme, getötet zu werden, sich aber nicht selbst töten dürfe.
Widerstand gegen Besatzung ist erlaubt
Von einigen solch kritischer Einwände abgesehen, hob das Abschlussdokument der Konferenz allerdings hervor, dass Widerstand gegen eine Besatzung nichts mit verbotenem und allgemein verabscheuungswürdigem Terror zu tun habe. Nach islamischem Recht ließe sich ein „Akt des Widerstands“ nicht als Selbstmord bezeichnen, vielmehr handele es sich dabei sogar um die religiöse Pflicht eines jeden Muslims.[10]
Auch eine direkt nach den Anschlägen in Scharm Al-Scheich veröffentlichte Fatwa des in der gesamten arabischen Welt einflussreichen Scheichs der Azhar-Universität, Dr. Muhammad Sayyed Tantawi, ging darüber nicht hinaus: „Jeder, der sich selbst in die Luft sprengt, gilt als Selbstmörder [und verstößt damit gegen den Islam]. Bei den Widerstandsoperationen in Palästina allerdings“, so Tantawi weiter, „handelt es sich um Märtyrer.“[11]
Eine wichtige Rolle in solchen Diskussionsprozessen um „Widerstand“ und Terrorismus spielen immer wieder auch die Positionen des derzeit wohl bekanntesten und in der gesamten arabisch-islamischen Welt vielleicht auch populärsten Religionsgelehrten - dem der Muslimbruderschaft nahe stehenden Scheich Yousuf Al-Qaradawi. Der jüngst auch vom Londoner Bürgermeister Ken Livingstone öffentlich hofierte Qaradawi verurteilte in Scharm Al-Scheich zwar die jüngsten Anschläge sowie Gewalt und Terrorismus generell.
Keine Anklagen gegen "fehlgeleitete Jungen"
"Die fehlgeleiteten
Jungen sind vom Weg
abgekommen. Wir
sollten sie nicht wie
Ankläger behandeln,
sondern sie zurück-
und näher an uns
heranführen." |
In Palästina und im Irak aber hält er „den Widerstand“ nicht nur für ein Recht, sondern für eine religiöse Pflicht, die mit Selbstmord nichts zu tun habe: „Diese Männer wollen keinen Selbstmord verüben, sondern dem Feind großen Schaden zufügen. [...] Darüber [sie zu verurteilen], sollten wir gar nicht erst nachdenken, denn das wäre, als würden wir den Zionisten und Amerikanern zustimmen, die unsere Brüder von der Hamas, dem Jihad oder dem Widerstand im Irak verdammen. [...]
Als Individuen und Institutionen verurteilen natürlich auch wir unisono die Terroranschläge in London, Madrid, Saudi-Arabien, Marokko und Ägypten. Und wenn wir sagen, dass wir den Tätern, diesen fehlgeleiteten Jungen, zuhören wollen, heißt das nicht, dass wir ihnen den Rücken stärken. Sie sind vom rechten Weg abgekommen, aber wir wollen sie zurück- und näher an uns heranführen. Dazu sollten wir sie nicht wie Ankläger behandeln, die ihre Hinrichtung fordern, sondern so, wie Gelehrte ihre Studenten oder wie Väter ihre Söhne.“[12]
Es sind Aussagen wie diese, die Qaradawi, der in verschiedenen Fatwas nicht nur Selbstmordattentate in Israel, sondern auch Anschläge auf irakische, britische und amerikanische Zivilisten, die im Irak für die Besatzung arbeiten, gerechtfertigt hatte[13], immer wieder ins Zentrum auch der innerarabischen Auseinandersetzung rücken lassen.
So wirft ihm der ebenfalls in Qatar lebende, liberale kuwaitische Professor für islamisches Recht Dr. Abd Al-Hamid Al-Ansari vor, sich mit seiner Rechtfertigung von Selbstmordattentaten auf dem gleichen ideologischen Boden zu bewegen wie Abu Musab al-Zarqawi und dessen geistiger Vater Al-Maqdisi.
Ansari in der Tageszeitung Al-Raya weiter: “Diese fatalen Rechtsverletzungen haben eine ideologische und moralische Krise im Islam verursacht [...] und dem Islam und den Muslimen schweren Schaden zugefügt. Der moralische Verfall ist soweit fortgeschritten, dass in Bagdad Kinder und in Londoner Bussen friedliche Zivilisten in die Luft gejagt werden. Diese Fatwas sind ein moralisches und ideologisches Zeichen der Schande, von der wir den Islam befreien müssen.”[14]
Appell an die Vereinten Nationen
|

Der Terrorismus als Krake
Aus: Al-Rai (Jordanien), 25. Juli 2005
|
Bereits im Oktober 2004 hatten eine ganze Reihe arabischer Intellektuelle mit einem öffentlichen Aufruf auf Fatwas von Qaradawi und anderen religiösen Autoritäten reagiert. In einem Manifest riefen sie die Vereinten Nationen dazu auf, ein internationales Tribunal einzurichten, welches nicht nur Terroristen selbst, sondern auch ihre Vordenker strafrechtlich verfolgen solle:
„Wir wollen die Aufmerksamkeit [der UN] auf eine besonders gefährliche Quelle des Terrorismus lenken“, hieß es darin. „Diese Quelle besteht in den angeblich religiösen Verkündungen, den Fatwas, die von ein paar wahnsinnigen Anhängern eines dogmatischen Islams herausgegeben werden, die im Namen des Islams zu terroristischen Anschlägen ermutigen.“ [15]
Um den Terror effektiv zu bekämpfen, fordert der irakische Kommentator und Menschenrechtsaktivist Dr. Kazem Habib aber auch internationale Programme gegen Rückständigkeit und Armut. Außerdem müsste etwas gegen die totalitären und tyrannischen Regime in den arabischen und muslimischen Ländern unternommen und vor allem das Erziehungssystem reformiert werden, „weil die meisten religiösen Schulen, die überwiegende Mehrheit der Imame in den Moscheen weltweit und die meisten Prediger, die vom arabischen Fernsehen übertragen werden, zur Gewalt erziehen und Hass und Feindseligkeit gegenüber Menschen verbreiten, die anders denken oder eine andere Konfession haben.“[16]
Grundsätzlicher wird in diesem Kontext noch der irakische Wissenschaftler Majed al-Ghabarwi. Er bezweifelt die Wirksamkeit offiziöser religiöser Verurteilungen des Terrors und erklärt auf der arabischen Website Elaph: „Wir brauchen eine ganz neue religiöse Kultur“.[17]
Zu gewinnen, so schrieb der bekannte Autor Amir Taheri in der Zeitung Al-Sharq Al-Awsat nach den Anschlägen in London, sei der Kampf gegen den Terror aber letztlich erst, wenn nicht nur staatliche Repräsentanten und einige religiöse Gelehrte, sondern die „schweigende Mehrheit“ in der islamischen Welt ihre Stimme gegen die Mörder und gegen die Propaganda bestimmter arabischer Satellitenkanäle, islamischer Schulen und Moscheen erheben würde. Sei sie es doch, welche die „menschlichen Waffen“ ja erst formen würde.[18]
Versäumnisse westlicher Politik
Neben solcher Kritik an Entwicklungen und Ideologien in den arabisch-islamischen Gesellschaften als Ausgangspunkt des islamistischen Terrorismus wiesen einige Kommentatoren nach den Anschlägen von London aber auch auf Versäumnisse der britischen Politik hin: So beklagte Mashari al-Dhaydi in Al-Sharq Al-Awsat: „Die Feinde der Freiheit haben die Atmosphäre der Freiheit in den europäischen Staaten ausgenutzt, um diese zu zerstören.“[19]
Und der Leiter des Satellitenkanals Al-Arabiya, Abd Al-Rahman Al-Rashed, meinte, dass die britische Regierung lange Zeit zu „nachlässig“ gewesen sei, „als sie arabischen und muslimischen Extremisten Zuflucht gewährte.“ Diese Extremisten hätten mittlerweile, so Al-Rashed, in den westlichen Metropolen die Lufthoheit über die Masse der moderaten muslimischen Immigranten gewonnen.[20] Das sieht auch Kazem Habib so: Der irakische Menschenrechtler greift Imame an, die in europäischen Moscheen „den Hass auf die Ungläubigen“ predigten und den Dar al-Harb [Gebiete, in denen nicht der Islam regiert] in ein Dar al-Islam verwandeln wollten.[21]
Streit zwischen Dogmatikern und Reformern
Es gibt also beides: Auf der einen Seite die islamistischen Dogmatiker, die entweder selbst den Hass predigen oder sich nicht von seinen extremen Auswüchsen distanzieren wollen. Und auf der anderen Seite stehen Stimmen, die immer häufiger und zunehmend deutlich ihre Abscheu vor den Taten und ihre Verurteilung der Ideologie des islamistischen Terrors zum Ausdruck bringen und für gesamtgesellschaftliche Reformen plädieren, um diesem das Wasser abzugraben.
Das lässt in den arabischen Öffentlichkeiten wie auch in der muslimischen Community in westlichen Staaten zukünftig heftige und intensive innere Auseinandersetzungen erwarten. Dabei setzt zwar der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel („Die neuen Kreuzzüge“) seine Hoffnung darauf, dass die in Europa und dem Westen ansässig und heimisch gewordenen muslimischen Mittelschichten für den Reimport einer reformorientierteren Variante des Islam und insgesamt liberalerer Lebensformen in dessen Ursprungsländer sorgen könnten.
Der Prozess könnte aber parallel auch in umgekehrter Richtung verlaufen: Die mittlerweile in den arabischen Öffentlichkeiten geführten Debatten um die Ursprünge des sich religiös legitimierenden Terrorismus könnten vielleicht auch den innermuslimischen Diskurs in Europa beeinflussen und die hiesigen Hardliner unter Druck setzen.
*) Mirjam Gläser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Berliner Büros von MEMRI (The Middle East Media Research Institute/ www.memri.de; www.memri.org; www.memritv.org).
[2] Al-Ahram Weekly (Ägypten), 12. September 2002. Allerdings weist die Zeitung selbst auf die bedingte Repräsentativität der Umfrage hin.
[4] Al-Jazzera, 12. Juli 2005, s. MEMRI Special Dispatch – 20. Juli 2005.
[5] Al-Quds Al-Arabi (London), 8. Juli 2005.
[6] Al-Ahram (Ägypten), 29. Juli 2005.
[7] So forderte Al-Naqqash in diesem Interview: „Islamische Gelehrte müssen sagen: Wir erklären den USA, England und ihren Alliierten, die islamisches Land besetzen, den Jihad. Das wäre angemessen. Wenn die Kleriker unserer Nation nur schweigend herumsitzen und darüber schwadronieren, dass der Islam eine Religion der Liebe ist, geben sie unserer Jugend die Freiheit, eigenständig zu agieren und ihre eigenen Methoden zu verwenden. [...]“, Al-Manar-TV (Libanon), 3. August 2005, s. MEMRI Special Dispatch 19. August 2005.
[8] Al-Watan (Saudi Arabien), 19. Juli 2005.
[9] Al-Sharq Al-Awsat (London), 25. Juli 2005.
[10] Iqra TV (Saudi Arabien), 22. August 2005, s. MEMRI Special Dispatch – 26. August 2005.
[11] Sada Al-Balad (Libanon), 31. Juli 2005.
[12] Iqra TV (Saudi Arabien), 22. August 2005, s. MEMRI Special Dispatch – 26. August 2005.
[14] Al-Raya (Qatar), 25. Juli 2005.
[15] Elaph, 24. Oktober 2004, s. auch MEMRI Special Dispatch – 9. November 2004.
[17] Elaph, 8. Juli 2005.
[18] Al-Sharq Al-Awsat, 8. Juli 2005.
[19] Al-Sharq Al-Awsat, 12. Juli 2005.
[20] Al-Sharq Al-Awsat, 9. Juli 2005.