Guido Steinberg, gegenwärtig Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik und zuvor Berater im Bundeskanzleramt, beabsichtigt mit seinem Buch „Der nahe und der ferne Feind“ eine Auffassung über den islamistischen Terrorismus zu korrigieren, die er als Fehlwahrnehmung betrachtet: Wenngleich weltweite Anschläge den Eindruck vermitteln mögen, al-QÁ‘ida sei eine global organisiert und verfolge ein globales Ziel, den Sieg über den in den USA verkörperten Westen.
Zwar leiste die Rhetorik der Islamisten solch einer Interpretation Vorschub, doch verdeutliche die Auseinandersetzung mit Herkunft und politischem Werdegang der Protagonisten, dass die primäre Motivation für ihre terroristische Aktionen im Kontext der Politik ihrer Herkunftsländer zu suchen sei. Dass sie in den 1990er Jahren dazu übergingen weltweit westliche Ziele anzugreifen, führt Steinberg dagegen auf strategische Überlegungen zurück, die einsetzten, nachdem es nicht gelungen war, die ungläubigen Regime in den Heimatländern zu stürzen.
Aiman az-ZawÁhirÐ und Ibn LÁdin lasteten ihren Misserfolg der Unterstützung durch die Amerikaner an. Daraus hätten sie den Schluss gezogen, dass um den „nahen Feind“, das Regime zu stürzen, erst der „ferne Feind“, der dessen Macht stabilisiere besiegt werden muss. Steinberg betont jedoch, dass die Religion nicht als beliebiges Propagandainstrument betrachtet werden kann, da die religiöse Motivation für die Enthemmung von al-QÁÝida verantwortlich sei. Da sie anders als militante Anhänger säkularer Ideologien kein Interesse daran hätten, potenzielle Sympathisanten zu schonen, seien sie bereit besonders hohe Opferzahlen in Kauf zu nehmen.
Steinberg stellt dar, wie al-QÁÝida Ende der 1980er Jahr dadurch entstand, dass zwei bis dahin voneinander unabhängige radikale Strömungen aus Ägypten und Saudi-Arabien zueinander fanden. In Ägypten hatte sich während der Unterdrückung durch das nasseristische Regime radikale Bewegungen von der reformistischén Muslimbruderschaft abgespalten. Sie orientierten sich an dem Theoretiker Sayyid Qutb (1906-1966), der alle Regime, die sich nicht am islamischen Gesetz orientieren als heidnisch verwarf. In den 1970er Jahren gingen mehrere Gruppierungen zum bewaffneten Kampf über, unter ihnen jene, die 1981 den Präsidenten Sadat ermordete.
In Saudi Arabien wiederum opponierten strenggläubige WahhÁbiten gegen das Königshaus, dem sie vorwarfen, die hergebrachte puritanische Strenge verraten zu haben. In den 1980er Jahren, vor allem aber nach dem Abzug der Sowjets 1988 zogen Vertreter beider Strömungen sowie Islamisten aus weiteren arabischen Ländern in Lager an der pakistanisch-afghanischen Grenze um von dort aus in den Kampf gegen die Ungläubigen in Kabul zu ziehen. Steinberg schildert wie in Peshawar ÝAbdallÁh ÝAzzÁm zum geistigen Führer der arabischen Freiwilligen aufstieg. Er verkündete die Lehrmeinung, dass bei nichtmuslimischer Besatzung jeder einzelne muslimische Mann gehalten sei, jihÁd zu führen.
Steinberg zeigt, dass diese Begegnung noch nicht zur Kooperation führte. Die habe sich erst ergeben, als Vertreter beider Strömungen in ihrer Heimat nicht mehr agieren konnte. Ibn LÁdin floh aus Saudi-Arabien in den Sudan, nachdem er gegen die Anwesenheit amerikanischer Truppen aufgetreten war. Dort habe er die Auffassung übernommen, dass nicht mehr die Regierungen der islamischen Länder selbst angegriffen werden sollten, sondern die ungläubigen Besatzer.
Die bewaffneten islamistischen Gruppen in Ägypten verübten im gleichen Zeitraum seit den 1990er Jahren verstärkt Anschläge auf ägyptische Einrichtungen und Politiker im Ausland, weil in ihrer Heimat der Sicherheitsapparat ihre Aktionsmöglichkeiten zusehends einschränkte. Ab 1996 schlossen sich zahlreiche militante Islamisten aus Ägypten unter der Führung von Aiman az-ZawÁhirÐ Ibn LÁdin an und übernahmen dessen Ausrichtung auf den „fernen Feind“. In Afghanistan, wo sie von den Taliban aufgenommen wurden, die zu dieser Zeit den Großteil Afghanistans unterwarfen.
Dort stießen weitere Kämpfer zu al-QÁÝida, darunter viele Nordafrikaner. Der Führungsanspruch saudisch-ägyptischen Führungsriege wurde davon jedoch nie bedroht. Allerdings waren nur wenige der Rekruten im Rahmen der Orientierung auf den „fernen Feind“ einsetzbar gewesen, weil sie nicht über die nötigen Sprachkenntnisse verfügten. Aus diesem Grund sei die Hamburger Zelle, deren Anhänger eigentlich in Tschetschenien hätten kämpfen wollen, für die Anschläge am 11. September gewonnen worden.
In Einklang mit der Mehrheit der Experten beschreibt Steinberg, dass sich al-QÁÝida nach dem Sturz der Taliban und der Flucht ihrer Führungsriege von einer Organisation zu Ideologie wandelte. Anschläge werden nicht mehr von oben befohlen, aber die Ziele werden über Medien, vor allem das Internet verbreitet. Auf diesem Wege seien junge Muslime in Europa dafür gewonnen worden in den Hauptstädten der am Irakkrieg beteiligten Länder Anschläge durchzuführen.
Der Schwerpunkt von Steinbergs Darstellung liegt auf Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und dem Irak. Er ergänzt sie um Fallstudien zum Jemen, wo al-QÁÝida erfolgreich innerhalb schwer kontrollierbarer Stammestrukturen agiert, und zu Algerien, das deswegen interessiert, weil Exilanten von dort die ersten islamistisch motivierten Anschläge in Westeuropa verübten. Leider widmet er Marokko kein eigenes Kapitel, nicht allein wegen der Tatsache, dass ein erheblicher Teil islamistischer Terroristen in Europa von einem marokkanischen Hintergrund herkommt.
Schwerer wiegt, dass das maghrebinische Königreich sich gegen die These sperrt, mit der Steinberg den islamistischen Terrorismus erklärt. Aus seiner Sicht verhindern die autoritären Systeme der islamischen Welt, dass die Untertanen ihre Bedürfnisse artikulieren oder gar Maßnahmen zu Besserung ihres Loses ergreifen. Er erkennt an, dass die gegenwärtige amerikanische Regierung, dies genauso sehe, wenngleich er meint, dass sie mit ihrer dilettantischen Vorgehensweise ihrem Anliegen geschadet habe.
Der Verzicht auf Bush-bashing ist bei einem deutschen Islamwissenschaftler durchaus bemerkenswert, und die Demokratisierung der islamischen Welt ist ein löbliches Ziel. Ob dadurch der islamistische Terrorismus zum Verschwinden gebracht werden kann, darf jedoch bezweifelt werden. Marokko hat sich im letzten Jahrzehnt in vorbildlicher Weise demokratisiert und sogar einen Regierungswechsel erlebt. Dies hat jedoch nicht verhindert, dass dort eine besonders militante Islamistenszene entsteht. Den nichtarabischen Raum hat Steinberg ausgespart, angesichts des komplexen Materials eine sinnvolle Begrenzung. Mit Bangladesh und Indonesien blieben deswegen aber zwei weitere verhältnismäßig demokratische Länder, in denen sich starke islamistische Terrororganisationen gebildet haben, ausgespart.
Der Wert seiner Analysen der Entwicklung in einzelnen Ländern wird durch diesen Einwand keineswegs gemindert, weshalb Steinbergs Buch als die überzeugendste deutschsprachige Darstellung des international agierenden islamistischen Terrorismus zu empfehlen ist.
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Steinberg, Guido
Der nahe und der ferne Feind
Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus
2005. 281 Seiten. etwa 10 Abb. Broschiert.
EUR 19.90
ISBN 3-406-53515-1
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