Wieder ein neues Buch über das alte Thema „Islamistischer Terrorismus“ - könnte man meinen. Wieder einmal haben sich Wissenschaftler diesem endlosen Thema gewidmet - könnte man meinen.
Doch wer das meint, der irrt. Was die beiden jungen Islamwissenschaftler - der 31jährige Libanese Marwan Abou Taam und die 30jährige Ruth Bigalke als Herausgeber analysiert und kommentiert haben, war längst überfällig: "Die Reden des Osama bin Laden“ und damit der Führung der bedrohlichsten islamistischen Terrorbewegung, der Al-Qaida.
Karikaturen als Teil des "Kreuzzugs"
Es ist gerade einmal vier Wochen her, da strahlte der arabische TV-Sender Al Jazeera eine neue Videobotschaft aus: am 4. April - Samstagabend und damit prime time - ging Al Qaida auf Sendung. Der „Terrordoktor“ Ayman al-Zawahiri richtete die Botschaften an die weltweit 1,3 Milliarden Muslime zählende islamische Gemeinde:
„Wir betrachten die Veröffentlichung der Karikaturen (über Mohammed, die Ende September 2005 in der dänischen Zeitung Jyllands Posten gedruckt wurden) als Teil des Kreuzzuges gegen Muslime, die die Vereinigten Staaten anführen… Wie können Sie es wagen, unsere Länder zu besetzen, unsere Religion und unseren Propheten zu beleidigen und uns hinterher Vorträge über Meinungsfreiheit zu halten?“
Der Ägypter forderte in der Folge Terroranschläge á la New York, Madrid und London und mahnte „einen vom Volk ausgehenden Wirtschaftsboykott gegen Dänemark, Frankreich, Norwegen, Deutschland und alle Staaten, die sich an der Kreuzfahrerkampagne gegen den Islam und die Muslime beteiligen“.
Al-Zawahiri, Osama bin Ladens Stellvertreter und Mentor, gilt als intellektueller Kopf der Al Qaida. Seit vielen Jahren empfiehlt er „Aktionen, bei denen viele Zivilisten zu Schaden kommen“. Zivilpersonen sind ob ihrer Schutzlosigkeit „weiche Ziele“ (soft targets). Als potentielle Anschlagsziele haben alle Bürger geradezu ein Anrecht darauf, über die sie bedrohenden Gefahren umfassend informiert zu werden.
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Einblicke in die für uns
schwer zugängliche
Gedankenwelt der
Djihad-Terroristen
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Zu diesen Informationen gehören nicht nur Aufrufe zum „Heiligen Krieg“ (Djihad) und Drohbotschaften gegen die „Feinde des Islam“, sondern die uns fremde und schwer zugängliche Gedankenwelt dieser Djihad-Terroristen, die nach eigenem Bekunden „den Tod lieben“, während wir das Leben lieben.
Nur vage im Bewusstsein des Zuschauers
Seit den frühen 1990er Jahren finden sich die Reden des Al-Qaida Begründers Osama bin Laden (OBL) in zumeist arabischen oder arabischsprachigen Print- und AV-Medien. Doch kaum in der Zeitung veröffentlicht oder im Fernsehen als Botschaft gesendet, verschwanden sie und blieben nur noch vage im Bewusstsein des Lesers und Fernsehzuschauers.
Nun, man kann nicht ausschließen, dass sie seit geraumer Zeit von dem einen geheimen Nachrichtendienst oder der anderen kriminalpolizeilichen Behörde gesammelt und auf sicherheitsrelevante Aspekte hin ausgewertet wurden. Doch dem einfachen Bürger – dem „eigentlichen Ziel des Terrors“ - blieben sie bis dato mehr oder weniger nicht zugänglich, geschweige denn nachlesbar.
Hier haben Abou-Taam und Bigalke endlich Abhilfe geschaffen. Mit ihrer Analyse und ihren kritischen Kommentaren haben Sie eben nicht nur ein wichtiges Zeitdokument über den islamistischen Terrorismus des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts geschaffen. Mit dieser Textesammlung geben sie auch dem verunsicherten Bürger ein Werk in die Hand, dass diesem „ein Eintauchen in die Gedankenwelt der Djihad-Terroristen“ erlaubt.
Die Kommentare der aus dem Arabischen und Englischen sorgfältig übersetzten Texte lassen den Leser mit der Sprachgewalt des OBL nicht alleine. Sie ermöglichen es ihm viel mehr, quasi „durch die Augen des Feindes“ seine eigene bedrohte Welt zu sehen und deren Bedrohung auch ohne Verständnis für die Motive der Terroristen verstehen zu können.
Die Dokumentation des Terrorismus besteht aus insgesamt zwanzig kommentierten Reden, Schriften, Botschaften und Unterweisungen, die zwischen Ende 1994 und Anfang 2006 in unterschiedlichsten, zum Teil nur schwer zugänglichen Medien veröffentlicht wurden. Sie wurden mehrheitlich dem saudischen Wahhabiten OBL (geboren 1957) zugeordnet; einem Mann, der die gute Hälfte seiner 49 Lebensjahre den Djihad gegen „Ungläubige“ gewidmet hat.
Prägung durch militante Ideologen
Aus dem einstigen militärischen Befehlshaber, der im legendären Djihad in Afghanistan (1979-1989) arabische Kriegsfreiwillige anführte, wurde ein Emir, der mit seiner Al Qaida zum Begründer einer „Internationalen islamischen Front für einen Djihad gegen die Juden und Kreuzfahrer“ (Manifest 1998, S.73-79) heranwuchs.
Der militärische
Befehlshaber in
Afghanistan wurde
zum Emir des "Djihad
gegen Juden und
Kreuzfahrer" |
Bis zum heutigen Tage prägen ihn militante Ideologen der Muslimbruderschaft (MB) – insbesondere Sayyid Outb (1906-1966), der wie kein zweiter dem Djihad ein militärisch-politisches Ziel gab und Abdullah Yusuf Azzam (1941-89), der die Bewegung des „Islamischen Welt-Djihad“ weckte; und OBLs rechte Hand, Ayman al-Zawahiri, der schon als Jugendlicher in Ägypten den Muslimbrüdern beigetreten war.
Seit dem Ende der bipolaren Welt bietet OBL den USA als der einzig verbliebenen Weltmacht (und deren Verbündeten) die Stirn, fordert sie heraus (Brief an Amerika, S.132-147), ist von ihr vom „Staatsfeind“ zum „Hochwertziel Nummer eins“ heraufgestuft worden. Aus OBLs einstiger islamistischer Militärorganisation (das Al-Qaida-Handbuch, S. 226-238) ist in nicht einmal zwanzig Jahren eine globale Djihad-Bewegung geworden, deren Organisationsstruktur mehr dem Internet ähnelt. Die alte Al-Qaida ist mittlerweile ein Mythos wie ihr Schöpfer. Dieser ist heute weniger militärischer Befehlshaber im Djihad und mehr ideologische und religiöse Inspirationsquelle für die Djihadisten. OBL hat sich vom Emir zum spiritus rector des Djihad gewandelt, insbesondere für Araber.
Verteidigung von Ehre, Land und Glauben
Alle Araber tragen Spuren des frühen Beduinentums in sich, deren Wurzel im Jemen liegt. Beduinisches Blut hat auch OBL, dessen Vater aus dem jemenitischen Hadramaut stammt. Dementsprechend beschwört er alte Beduinentugenden wie die Männlichkeit (des Kriegers) und fordert die Verteidigung von (verlorener) Ehre, Land und Glauben (S. 54). Am „Heiligen Krieg“ für eine „Göttliche Weltordnung“ soll insbesondere die Jugend teilnehmen.
Diese „Enkel von Saladin“ sieht OBL in einer besonderen Pflicht zum Djihad (S.177). Salah al-Dinal-Ayubi eroberte 1191 Jerusalem (al-Quds) von den Kreuzrittern zurück. Deren einstige Kreuzzüge sieht OBL heute von der westlichen Allianz fortgeführt. Da der Papst seinen Sitz in Rom hat, nennt er die westliche Allianz „Römer“ - und impliziert damit einen Religionskrieg (Videobotschaft 2001, S. 109-117).
Der russische Bär hat
das muslimische Volk
in Tschetschenien
angegriffen und er
hat es vernichtet. |
OBL sieht die gesamte islamische Welt unter den Bannern der Kreuzfahrer aufgeteilt, prangert dementsprechend die weltweite Expansions- und Besatzungspolitik an, zum Beispiel in Tschetschenien: „Dieses muslimische Volk wurde vom russischen Bären angegriffen, der sich dem orthodoxen Christentum verschrieben hat (…). Russen haben das gesamte tschetschenische Volk vernichtet…“ (S.113).
Und immer wieder Palästina: „Die Gründung und das Bestehen von Israel ist ein ungeheures Verbrechen (…). Das palästinensische Volk besteht aus reinen Arabern, den ursprünglichen Semiten. Die Muslime sind die Nachkommen Moses…“ (S. 134). OBL fordert letztlich alle (zur Konvertierung) zum Islam auf, „dem Siegel aller Religionen (…). Es ist die Religion des Heiligen Krieges für Gottes Sache, auf dass Gottes Wort und seine Religion unumschränkt herrschen mögen…“ (S. 138).
Terroropfer sind keine Unschuldigen
In diesem Glaubenskrieg unterscheidet OBL nach wahhabitischer Denkweise nicht zwischen Zivilisten und Militärs, sondern lediglich zwischen Gläubigen und Ungläubigen (S. 120). Nach dieser Logik sind die Opfer von New York, Madrid und London keine Unschuldigen. Schließlich stammten sie aus Ländern, deren Politik verurteilenswert ist: „Die Freiheit und Demokratie, die ihr ausruft, gilt nur für euch selbst und nur für die weiße Rasse“ (S. 142).
Vor diesem Hintergrund ruft er dazu auf, diese „Agenten der Täuschung und Ausbeutung“ auf deren eigenem Boden zu bekämpfen (S. 179). Dieser Kampf kann nicht nur, er muss bis zum Ende geführt werden: „Schließlich sage ich euch, dass der Krieg entweder für uns oder für euch entschieden wird“ (S. 184).
Wie dieser auf lange Zeit angelegte Kampf zu führen und auch zu gewinnen ist, machen zwei „Ideologische Wegweisungen“ aus 2003 (S. 189-212) deutlich. Es ist verdienstvoll, dass das Herausgeberduo diese „Management-Handbücher des Djihad“ erstmals zugänglich macht. In diesen Kernstück des Buches wird beschrieben, wie der Djihad delegiert wird.
Deutlich wird dem Leser und das strategische Ziel der Al-Qaida-„Franchising-Terroristen“ vor Augen geführt: „Durch die Aktionen, Terroranschläge und Medienauftritte sollen ein allgemeines Chaos und Anarchie entstehen. Aus dem Chaos, so hoffte man, werde eine apokalyptische Angststimmung hervorgehen. In dem Chaos der Barbarei präsentieren sich die Islamisten schließlich als ordnende Kraft, als Retter und Helfer“ (S. 188).
Bin Ladens religiöse Winkelzüge
Marwan Abou-Taam und Ruth Bigalke - dies sei die Schlussbemerkung - erklären in ihren Kommentaren nicht nur den mit der islamischen Kultur wenig vertrauten Leser die Bezüge, vom Leben des Propheten Mohammed über die Geschichte des Islam bis zur arabischen Sprache und Kultur, sondern sie decken darüber hinaus kritisch OBLs religiöse Winkelzüge auf, demaskieren seine argumentativen Muster und Bilder. Damit ist diese Dokumentation des Terrors zugleich auch ein mutiges Buch, den man nur eine große Verbreitung wünschen kann.
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Die Reden des
Osama bin Laden
Analysiert und
Kommentiert von
Marwan Abou-Taam
und Ruth Bigalke
Diederichs im
Hugendubel Verlag
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