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Kategorie B.L. und die al Qaida  

Al Qaida wird es noch zumindest vierzig Jahre geben

10.11.2005: Ein Gespräch mit Yael Shahar vom Institute for Counter Terrorism, Herzliya

Sie arbeiten an einer Dokumentation aller terroristischen Anschläge in der Welt. Was sehen Sie heute als Haupttrend an?

Einer der Haupttrends ist, dass die jüngsten Angriffe stärker von unterschiedlichen Arten von Gruppen ausgeführt worden sind als in der Vergangenheit; die Ziele, um die sie kämpfen, sind völlig anders. Die bei Angriffen genutzten Mittel haben sich in der Regel nicht geändert. Sie sind manchmal sehr innovativ, aber sie haben meistens  dieselbe Art von Angriff verwendet, wie in der Vergangenheit. Selbstmordangriffe nehmen zu, aber sie sind nicht völlig neu; die tamilische Gruppe  LTTE hat sie seit dreißig, die Hizbollah seit zwanzig Jahren eingesetzt. Das hat sich nicht geändert, aber die Motivationen haben sich geändert, und die gewünschten Ergebnisse haben sich grundlegend geändert. Früher haben sie keine hohe Zahl von Toten angestrebt. Es gibt ein berühmtes Zitat von Peter Jenkins: 'Terroristen wollen nicht viele Tote, sondern viele Zuschauer.' Das stimmt nicht mehr wegen dieser Art von Terroristengruppen, denen wir heute gegenüber stehen.

Ist dies der Unterschied zwischen der alten Art von Terroristengruppen wie der IRA und den neuen?

  Es geht nicht um einen
  Zusammenprall der
  Kulturen, sondern um
  einen Zusammenprall
  der Globalisierungen
.

Es gibt einen Unterschied in der Art der Organisationen, aber auch einen Unterschied in den Motivationen, die dahinter stehen. Womit wir uns heute konfrontiert sehen, ist keine Terroristen-Organisation - al Qaida ist keine Organisation, sie ist ein Phänomen, und sie ist eine globale Ideologie. Man kann sagen, es geht nicht so sehr um einen Zusammenprall der Kulturen als einen Zusammenprall der Globalisierungen. Die Globalisierung aus der Sicht der al Qaida ist eine Übernahme der Welt durch ihre eigene Ideologie - ihre eigene besondere Art des Islam. Aber die al Qaida ist keine Organisation in irgendeiner der gängigen Definitionen des Begriffs.

Ist ihre Form der Globalisierung das Spiegelbild der westlichen Globalisierung?

In gewisser Weise ja. Sie ist wie ein in einem anderen Licht gesehenes Fotonegativ. Westliche Zivilisation ist sehr offen und ausgreifend, während sie sehr nach innen schauen. Die westliche Zivilisation ist sehr auf gleiche Rechte für Männer und Frauen bedacht; sie sind entschieden dagegen. Die westliche Zivilisation ist sehr selbstkritisch, während die Ideologie von al Qaida keine Kritik enthält und keine Kritik erträgt.

Wie kann ich den Begriff Phänomen verstehen? Phänomene verschwinden nach einer gewissen Zeit normalerweise. Aber al Qaida existiert seit einer Anzahl von Jahren und existiert noch in einer Anzahl von Jahren.

  In einer "Erziehungs-
  offensive" wurden mit
  Milliarden von Dollars
  Menschen in einer sehr
  intoleranten Form ihrer
  Religion erzogen
Al Qaida wird zumindest für die nächsten vierzig Jahre existieren, zumindest. Der Grund dafür ist, dass sie sehr langsam aufgebaut wurde. Sie ist das Ergebnis einer bewussten Politik dessen, was ich als eine Art von 'Gehirnwäsche' durch eine souveräne Regierung  nennen würde,die viele Milliarden von Dollars in eine "Erziehungsoffensive" gesteckt hat, Schulen überall der Welt  gebaut und Menschen in einer sehr hasserfüllten und intoleranten Form ihrer Religion erzogen hat. Dies ist die nicht die Hauptrichtung des Islam. Sie griff  auf Länder über, die eine sehr tolerante Form des Islams gepflegt hatten - einer sehr umgänglichen, freundlichen Art des Islam - und machte sie zu Fanatikern. Die Art, in der sie dies taten, war eine grundlegende Veränderung der Jugend. 

Könnten Sie ein Beispiel geben?

Madrassas in Pakistan und Indonesien, Thailand, sogar in Westeuropa, in Bosnien. Das sind die Orte, in die das Geld floss, in die Imame, besondere Lehrer, reisende Prediger hingebracht wurden, um die Jungen zu erziehen, und sie boten umfassende Dienste an. Diese Gemeinschaftszentren sind genau das - buchstäblich das Zentrum ihrer Gemeinschaften. Sie gaben Geld den Armen, sie boten Waren und Dienstleistungen an, die die Regierungen dieser Länder nicht anbieten konnten.

Gab es dafür einen bewussten Plan oder gelangten sie von einem Schritt zum nächsten?

Es war beides. Am Ende der berühmten griechischen Schauspiele heißt es, "das Ende unserer Handlung ist beabsichtigt, ihre Folgen sind es nicht." Als die Regierung von Saudi-Arabien damit begann, erbrachte einen wahren Segen. Ich glaube aber nicht, dass sie sich genau die Art von Unterstützung vorstellten, die sie am Ende anboten. Sie stellten sich nicht vor, dass die Pläne von einer besonderen Gruppe verändert würden. Sie waren der Meinung, dass sie den Prozess steuern könnten und nach meiner Ansicht haben sie es nicht erreicht, die Kontrolle zu behalten. Und doch sie fahren fort, Geld in diesen Prozess fließen zu lassen; sie haben damit nicht aufgehört.

Die Regierung hat nicht aufgehört?

Die Regierung hat nicht aufgehört, und ich glaube nicht, dass sie aufhören werden, weil sie nicht den Willen haben, aufzuhören. Ich glaube, dass sie nicht zu dieser Zeit zugeben und aufhören können. Das würde bedeuten, dass sie Steuerung des Prozesses verloren haben - dass die Wohltätigkeitsorganisationen, die diese Dinge durchführen, nicht mehr unter ihrer vollen Kontrolle stehen.

Die "Erziehung" von Menschen und ein Phänomen wie al Qaida sind zwei Dinge. Wie geht das zusammen?

Ich denke, dass die Gesellschaften, wo dies geschehen ist, ökonomisch verwundbar waren.
  Sie sind kein
  hoffnungsloser
  Fall, aber reif für
  die Revolution,
  weil sie sehen,
  was andere
  erreichen können
.
Die von den Fanatikern erbrachten Dienste konnte die Regierung dieser Länder nicht bieten. Nehmen Sie zum Beispiel eine Familie von zehn Kindern in Indonesien, die nicht ein noch aus weiß. Sie bieten ihr einen Ort an, wo Kinder erzogen werden, lesen und schreiben lernen, über Nacht bleiben können, drei Mahlzeiten am Tag erhalten: Sie können dazu nicht "Nein" sagen. Das erste ist dieser ökonomische Aspekt. Das andere ist eine wirklich traurige Einsicht: Sie sehen sich nicht als hoffnungslosen Fall. Es geht um die Verbesserung an anderen Stellen, die sie nicht erreicht und deshalb wollen sie selbst die Dinge  bewegen.Sie sind reif für die Revolution, könnte man sagen. Sie gehören zu den Menschen, auf die die al Qaida einen sehr starken Einfluss hat, weil sie zu diesen Menschen kommen und sagen: Seht, was woanders geschieht; wir können erreichen, dass es auch hier geschieht. Sie können ein sehr rosiges Bild von dem malen, was gar nicht existiert. Sie erzählen von einem goldenen Zeitalter, das nie wirklich existierte und sagen: Dies ist das, was wir  bauen wollen. Leute in einer solchen Situation sind diesen Schilderungen gegenüber sehr empfänglich

Wie kommt al Qaida in Kontakt mit diesen Menschen?

Al Qaida ist ein globales Netzwerk von gleichgesinnten Personen, von bei denen manche durch persönliche Kontakte, familiäre Bindungen und gemeinsame Lebensabschnitte verbunden sind - und dies sind die Anführer. Sie haben zur Erweiterung eine ganze Generation von jüngeren Menschen rekrutiert und sie machen ihr Geschäft so, wie moderne multinationale Gesellschaften ihr Geschäft machen: durch Zusammenschluss. Sie kaufen buchstäblich operative Kräfte von anderen Positionen und sie können viel Geld und ihnen sagen: wir können Sie erfolgreich machen.

Sie entdecken diese operativen Kräfte?

Ja, sie entdecken sie durch Talentsucher. Sie finden Organisationen, die schon existieren, in diesen Ländern - Marokko, Türkei oder anderen Ländern - wo es eine Unterströmung von Aufruhr gibt. Sie finden die Agitatoren, und sie kaufen sie. Sie sagen ihnen: unterschreibt unser globales Konzept, gebt eure rein nationale Ideologie auf, und wir können euch dafür möglicherweise sehr viel anbieten.

Sie sagten am Anfang, dass al Qaida wenigstens noch für vierzig Jahre bleibt. Was macht Sie so sicher? Andere Organisationen verschwanden nach einer gewissen Zeit.

  Das Ziel der al Qaida
  ist unerreichbar, weil
  es das Goldene Zeitalter
  sein soll, das erst für
  das nächste Millenium 
  vorgesehen ist

Es gibt darauf mehrere Antworten. Normale Organisationen verschwinden, entweder wenn ihre Ziele irrelevant werden oder wenn sie ihre Ziele erreicht haben. Wenn ihre Ziele nicht mehr relevant  sind - sagen wir im Falle der ETA - verlieren sie ihre Anhänger. Sie existieren immer noch, aber sie existieren nur, um sich selbst zu beschäftigen. Wenn diese Generation von Kämpfern ausstirbt, stirbt die ETA. Wenn  andere Organisationen ihre Ziele erreicht haben - die IRA ist ein gutes Beispiel - werden sie etwas anderes, zum Beispiel eine politische Partei.Bei der al Qaida sind die Ziele buchstäblich unerreichbar, weil ihr Ziel das Erreichen eines goldenen Zeitalters ist, das irgendwann im nächsten Millennium erwartet wird. Es ist also kein kurzfristiges Ziel. Wenn es nicht in den nächsten hundert Jahren kommt, was macht das schon? Wir haben es für die nächsten tausend Jahre geplant. Das Ziel ist also so weit, dass es nicht erreicht werden kann und kann auch so lange nicht irrelevant werden, wie die Leute in jenen Ländern es als ein Ziel ansehen, für das zu arbeiten lohnt. Warum habe ich von den nächsten vierzig Jahren gesprochen? Weil dies die Zeit ist, die es braucht, um die gegenwärtige Generation zu erziehen und aus dem "Alter der Aufruhrs" heraus zu wachsen, in dem sie anfällig sind, auf solche Neigungen hereinzufallen. Wenn die Leute älter werden, sind sie in dieser Hinsicht weniger manipulierbar. Der harte Kern der Terroristen kann ausfallen, weil sie erkennen, dass sie nicht nichts mehr erreichen. Aber solange neuen Generationen diese Art des sehr intoleranten Islams beigebracht wird und solange die Situation in ihren Gegenden den Erfolg dieser Manipulation begünstigt, müssen wir erwarten, dass weitere Generationen sich in gleicher Weise entwickeln.

Wir haben eine Anzahl von Anschlägen mit einer großen Anzahl von Toten erlebt. Was erwarten Sie für die Zukunft?

Mehr in der gleichen Art.

Mehr in der gleichen Art oder schlimmer?

Möglicherweise schlimmer. Ich weiß es nicht. Ich meine, dass die wachsenden Zahlen von Opfern dadurch ausgeglichen könnten, dass die Sicherheitskräfte in aller Welt besser vorbereitet sind. Ihre Erfolgsquote steigt. Bei den Nachrichtendiensten wird der Einsatz menschlicher - und nicht technischer - Intelligenz verstärkt. Die Mittel, die benötigt werden, um einzelne Zellen zu unterwandern, werden leichter verfügbar. Länder wie Indonesien zögerten in der Vergangenheit sehr, Hilfe zu akzeptieren, aber je mehr Anschläge dort verübt werden mit ihren Auswirkungen auf der Wirtschaft, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie Hilfe akzeptieren. Wir sehen, dass die Terroristen bereit sind, neue Angriffe auszuführen, aber die Fähigkeit,  sie zu verhindern, wird in der Zukunft auch wichtige Erfolge zeigen. Ich glaube nicht, dass sie verschwinden, aber ich denke, dass es mehr Angriffe der gleichen Art geben wird. Die Mehrzahl der letzten Angriffe wurde in moslemischen Ländern verübt, die Mehrzahl der Opfer waren Muslime, nicht Christen und nicht Juden und dies trotz der Tatsache,  dass Christen und Juden die Hauptfeinde der al Qaida sind.   

10.11.2005 / B. Schmalenberger

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