Bedingt durch die Abend-Nachrichten des Fernsehens sehen wir in erster Linie den Brandherd Irak. Es gibt aber noch ganz andere gefährliche Brandherde in der Welt?
Unbedingt. Der islamistische Terrorismus ist vor allem in der zentralasiatischen Region außerordentlich ernst zu nehmen. Die bedeutende Rolle, die das von den Taliban beherrschte Afghanistan in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre für diese Region gespielt hat, werden wir erst in den nächsten Jahren in den Dimensionen wirklich verstehen können. Bis zur heutigen Tage fokussiert sich das Interesse am islamistischen Terrorismus auf die arabisch-muslimische Welt, während die asiatisch-muslimische Welt in den Hintergrund gedrängt wird, obwohl dort die Mehrheit der Muslime dieser Welt lebt.
Darf ich zunächst noch einmal auf Afghanistan zurückkommen? Die Herrschaft der Taliban hat also tiefere Spuren hinterlassen, als wir bisher wissen?
Viel tiefere Spuren. Wir nehmen dieses halbe Jahrzehnt Taliban-Herrschaft im Zusammenhang mit dem 9/11 wahr. Die Herrschaft der Taliban wird damit reduziert auf ein steinzeit-islamisches Regime, das einerseits Osama bin Laden und seinem Gefolge einen sicheren Hafen gewährt hat und andererseits als ein Regime höchster Menschenverachtung angesehen wurde. Weltweit
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Afghanistans zentralasiatische "Anrainer"
Bild: istockphoto
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wurde diese Klerikaldiktatur wahrgenommen, als sie sich am Kulturerbe der Menschheit verging. Viel weniger wahrgenommen wurde wurde diese Klerikaldiktatur wahrgenommen, als sie sich am Kulturerbe der Menschheit verging. Viel weniger die „Außenpolitik“ der Taliban, die insbesondere auf die Anrainerstaaten zielte und vor allem die zentralasiatischen Republiken betraf. In genau dieser Zeit, der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, hat in diesen Republiken ein Selbstfindungsprozess stattgefunden, der auch heute nicht ganz abgeschlossen ist. Diese vormaligen Sowjetrepubliken wurden erst Anfang der 1990er Jahre unabhängig. Die neuen Machtinhaber wurden quasi aus dem Stand mit alten Konflikten konfrontiert, die bis heute nicht gelöst wurden.
Außerdem sind alte ethnische, aber auch religiöse Konflikte aufgebrochen.
Richtig. Angesichts seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung stellte sich damit die Frage, ob diese neuen Staaten Republiken werden sollten, in denen nun islamisches Recht herrschen sollte. Das ist von den schon lange amtierenden Machtinhaber abgelehnt worden. Die Verweigerungspolitik führte aber letztendlich dazu, dass sich in dieser Region ein islamischer und auch islamistischer Untergrund mit dem traditionellen Zentrum Fergana-Tal gebildet hat. Dieser Untergrund hat enge Unterstützung von den Taliban erhalten und umgekehrt hatten die Taliban Ansprechpartner über Kirgisistan und Tadschikistan bis nach China hinein gefunden, die ihre fundamentalistisch-islamistische Ideologie teilen und weitertragen konnten. Die Revolution in Kirgisistan und die Unruhen in Usbekistan sind nur erste Anzeichen für das, was dort unter derOberfläche brodelt. Nach dem Ende der Taliban- und der al Qaida Herrschaft in Afghanistan beginnt jetzt eine Saat aufzugehen, mit der sich Europa und die westliche Welt ganz bestimmt über einen langen Zeitraum hinweg auseinandersetzen muss und die in absehbarer Zeit uns – parallel zur Golfregion beschäftigen wird.
Gehört Tschetschenien auch zu den Spätfolgen der Talibanherrschaft?
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Bin Laden Werbung in China Bild: istockphoto
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Wir müssen es im Zusammenhang mit dem sehen, was mit der „Mutter aller heiligen Kriege der Neuzeit“, dem Afghanistankrieg von 1979 bis 1989, entstand: Dort gab es die ersten direkten Berührungen. Die afghanischen Mujaheddin wurden damals auch von Völkern aus dem zentralasiatischen Raum, den Tadschiken, Usbeken, möglicherweise auch von Uiguren aus China, ganz bestimmt aber von Freiwilligen aus dem Nordkaukasus, aus Tschetschenien unterstützt. Schamil Bassajew, der Hauptanführer des tschetschenischen Djihad gegen die Russen, ist Veteran jenes Afghanistankrieges. Diese Kontakte in den Nordkaukasus, aber auch in den zentralasiatischen Raum wurden auch nach dem Ende des Afghanistankrieges weiter gehegt und gepflegt, in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre von den Taliban. Die Taliban unterstützte die Tschetschenen in ihrem Djihad gegen die Russen, die Tschetschenen wiederum die paschtunischen Taliban in der Auseinandersetzung mit den US-Streitkräften nach dem 9/11 am Hindukusch buchstäblich bis zum heutigen Tag.
Sprechen wir über die asiatischen Brandherde, beispielsweise Bangladesch und Thailand.
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Thailand und sein unruhiger Süden
Bild: istockphoto
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Eine kleine Meldung aus Thailand macht übrigens die große Vernetzung im Bereich des Djihad-Terrorismus deutlich, nach der ein Algerier, der im Zusammenhang mit den Anschlägen in London gesucht wurde, Ende August in Bangkok festgenommen wurde. Er soll Personen, die an den Anschlägen beteiligt waren, mit Pässen ausgestattet haben und die thailändischen Behörden sollen bei seiner Verhaftung etwa 180 falsche europäische Pässe beschlagnahmt haben, die der Verhaftete bei sich führte. Die Globalität des heutigen Terrorismus wird an dieser Meldung überdeutlich: ein Nordafrikaner, der an den Terror-Anschlägen in Europa indirekt beteiligt war und der sich anschließend nach Asien abgesetzt hat. Thailand ist ein mehrheitlich buddhistisches Land, in dem der kleine Zipfel im Süden allerdings eine teilweise muslimische Bevölkerung aufweist und ein Teil dieser Bevölkerung strebt mit islamistischen Gruppierungen aus Indonesien und den Philippinen die Unabhängigkeit dieses Teils von Thailand an, um auf mittlere Sicht Teil eines islamischen Kalifats Südostasien zu werden, für das insbesondere die indonesische Jemaah Islamiyah kämpft. Allein seit Anfang 2004 haben die Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und islamistischen Extremisten mehr als 800 Menschenleben in Thailand gekostet.
Auch aus Bangladesch hören wir immer wieder eine Vielzahl blutiger Sprengstoffanschläge.
In Bangladesch leben heute 140 Millionen Menschen, 90 Prozent davon Muslime. Geographisch durch Indien über 2000 km getrennt, bildete das Land als „Ost-Pakistan“ bis 1971 eine Einheit mit Pakistan, sagte sich dann los und wurde als Bangladesch unabhängig. Das Land sieht sich als säkularen, moderaten Staat, dennoch - oder vielleicht deswegen - entstand eine kleine islamistische Bewegung, die die Einführung der Scharia forderte. Waren im Unabhängigkeitsjahr in Bangladesch nur
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Bangladesh:8000 Religionsschulen
Karte CIA Fact Book
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1500 Religionsschulen registriert, sind es heute fast 8000 - ohne die illegalen. Es wird vermutet, dass der islamistische Nachwuchs in nicht wenigen dieser Stätten geschult wird. Auch vor diesem Hintergrund wurden Anfang diesen Jahres islamistische Gruppierungen verboten, insbesondere die „Gruppe heiliger Krieger“ (Jamaat ul-Mujaheddin). Nach diesem Verbot erfolgten Anschläge aus dem Untergrund heraus und die steigenden Zahlen von häufig gut koordinierten Anschlägen werden dementsprechend auch bei uns wahrgenommen.
Diese Beispiele zeigen, dass der islamistisch-terroristische Kampf sich nicht allein gegen den Westen und die Besetzung moslemischer Gebiete berichtet, wie es alle Qaida immer behauptet. Das ist nur eine halbe Wahrheit.
Das ist nur eine halbe Wahrheit. Am Anfang des Djihad-Terrorismus stand die Absicht, das Gebiet des Islam – dar al-islam - von ungläubigen Besatzern zu befreien, die hier aus Anlass des zweiten Golfkrieges Anfang der neunziger Jahre stationiert waren. Osama bin Laden hatte aber schon sehr früh ein weiteres Ziel ins Auge gefasst, nämlich die Herrschaft Saudi-Arabiens zu beseitigen, weil es aus seiner Sicht ein „Verräter-System“ war, dass mit Ungläubigen zusammenarbeitete. Dieses Modell wurde auf andere arabisch- und asiatisch-muslimische Länder übertragen, in in denen Kämpfer agierten, die ihr Handwerk in den „heiligen Kriegen“ vom Hindukusch bis zum Irak gelernt haben und die ihr Know-How einbringen in den Kampf gegen „verräterische Systeme“ der Heimatregion. Wir finden dies heute in der ganzen Reihe von Ländern, auch übrigens in Ägypten, in dem ein islamistischer Untergrund mit Mitteln des Terrors versucht, den muslimischen „Pharao“ zu stürzen, um ein islamistisches Kalifat zu gründen. In ganz ähnlicher Weise sprechen militant-islamistische Gruppierungen in Südostasien ihren Regierungen das Recht ab, die Völker zu führen. Ihr Ziel ist die Errichtung eines „gottgefälligen“ Reiches und zwar nicht durch politische Agitation, sondern mit dem Schwert in der Hand.
Auch hier gilt also: Islamisten kämpfen gegen lokale Regierungen und das Argument eines Kampfes gegen die „Besatzer“ tritt in den Hintergrund.
Wir haben einerseits - ich würde das so umschreiben - die universellen Djihadisten mit dem Fernziel eines weltweiten islamischen Gottesreiches und dieses Fernziel verbindet sie andererseits mit den vielen lokalen Gruppierungen, die etwas ähnliches für ihre Region planen. Obwohl man also unterschiedliche Ziele verfolgt, tauscht man sich in den Mitteln und Erfahrungen aus und nutzt die Möglichkeiten des Internets im Sinne eines Franchising, um sich alles Notwendige bis hin zum Austausch von Kämpfern zu beschaffen.
Wenn wir auf diese Brandherde auch jenseits des Irak sehen, was folgt daraus für Europa?
Wir haben die Folgen schon in Istanbul, in Madrid, in London und auch bei dem Mord an dem niederländischen Filmemacher van Gogh gesehen: Aus Sicht der universellen Djihadisten, aber auch aus Sicht einiger regionaler Gruppen gehören die Europäer zu den Staaten, die die „Verrätersysteme“ in der muslimischen Welt unterstützen. So hat der „Vize“ der al Qaida, der Ägypter al Zawahiri die Europäer allein in diesem Jahr bereits drei Mal verwarnt, dass sie korrupte und verräterische Systeme - dazu zählt al Zawahiri auch sein Heimatland Ägypten - unterstützen und wenn diese Politik nicht beendet werde, dann werde man sich weiter gegen Europa wenden und Anschläge begehen, die von ihm entsprechend martialisch ausgemalt werden.
Müssen wir ein generelles „Überschwappen“ dieses breitangelegten Terrorismus in den arabischen und asiatischen Ländern auf Europa befürchten?
Nach meiner Einschätzung werden wir uns in Europa in einer Art zeitlicher Dauerbedrohung sehen müssen und falls wir uns dabei gelegentlich in Ruhe wiegen, dann werden wir durch einen verlustreichen Anschlag an die Existenz des Gegenüber erinnert und dann an das, was er uns angedroht hat.